Drei Arbeitstage vor Heiligabend

Ich bin einfach nicht in der Stimmung, um vor Weihnachten noch zu arbeiten. Außer Weihnachtsliedern habe ich nicht viel in meinem Kopf. Von den vier Leuten, die ich im Büro erwarte, meldet sich einer krank und eine fehlt mal wieder unentschuldigt, weshalb ich ihr eine Abmahnung schreibe. Der nächste Teilnehmer ist zwar geimpft, aber in Quarantäne, weil seine Oma positiv getestet wurde. Er wartet nun auf einen Termin für einen PCR-Test. Allerdings hat keiner gesagt, dass er tatsächlich in Quarantäne ist. Quarantäne, Chaos, testen, obwohl geimpft, den Kampf gegen das Corona-Virus scheinen wir haushoch zu verlieren. Ob das nur am Virus liegt, oder auch an der unendlichen Beschränktheit der Menschheit, wird sich noch zeigen. Aber nicht heute. Während ich noch davon ausgehe, dass die Teilnehmerin mit dem Augenfehler am Nachmittag zu ihrem Termin erscheint, ruft die Chefin mich an. Besagte Teilnehmerin hat sich gemeldet und bittet um Rückruf. Sie hätte zwar hier bei mir direkt anrufen können, hat aber aus unerklärlichen Gründen die Telefonnummer nicht gefunden. So muss die Chefin mit mir reden, obwohl sie das ja vermeidet, seitdem ich kundgetan habe, mich nicht impfen lassen zu wollen. Ich kann ihr da leider nicht helfen, habe aber kein Problem damit, wenn jemand nicht mit mir reden mag. Nach dem kurzen Gespräch rufe ich die Teilnehmerin an. Krank. Magen-Darm. Ich sage ihr, dass sie, wenn es am Donnerstag nicht besser ist, zum Arzt gehen muss, weil ich eine Bescheinigung brauche, wenn sie länger ausfällt. Ich fürchte, dass sie am Donnerstag zwar nicht gesund sein wird, mich aber mit ihrer Anwesenheit beglücken wird. Und wenn ich Pech habe, bringt sie mir noch etwas von ihrer Magen-Darm-Seuche mit, weil sie keine Lust hat zum Arzt zu gehen. Vielleicht rufe ich sie einfach am Donnerstag an, frage, wie es ihr geht und entscheide dann, ob ich sie hier sehen will. Will ich vermutlich nicht. Verseuchte sollten grundsätzlich zu Hause bleiben. Damit steht auf jeden Fall fest, dass ich heute keinen Besuch im Büro bekommen werde. Hätte ich doch nur ein Buch dabei. Erwartungsgemäß wird es irgendwann am Nachmittag unfassbar langweilig, denn es gibt nichts mehr zu tun. Vielleicht sehe ich auch nicht, was es zu tun geben könnte, weil ich mich in einem Strudel aus Langweile befinde.

Die Nacht beginnt unschön und erst als ich die Heizdecke einschalte, den Nacken mit Olbas einreibe und eine Ibuprofen nehmen, kann ich irgendwann weit nach Mitternacht einschlafen. So ist es wenig verwunderlich, dass ich am Morgen fast verschlafe. Das Wetter ist nicht nach meinem Geschmack und die Kälte alles andere als gut für meine Verspannungen. Am anderen Standort darf ich zunächst den Corona-Test machen. Kirsten ist zuständig und begrüßt mich mit den Worten „Dann machen wir es am besten in der Küche.“ Eine wunderbare Einleitung, weshalb ich ihr sage, dass mir der Einstieg, es in der Küche zu machen, gut gefällt. Kaum habe ich es ausgesprochen, will sie mir in den Hintern treten. Dass wir die Tür schließen sollten, um ungestört zu sein, sage ich nicht, weil man es auch nicht übertreiben soll mit pubertären Sprüchen. Früher hätte ich das gemacht, aber mittlerweile halte ich mich zurück, weil man nie weiß, was für Folgen es hat, wenn man seine Klappe nicht halten kann. Stattdessen schenke ich ihr einen Schoko-Weihnachtsmann. Wenig später stören andere Mitarbeiter unseren Küchenplausch und kurz danach sitze ich auch schon im Büro von Nina und höre mir an, was ich zum Jobspeeddating wissen muss. Hätte man auch am Telefon machen können, aber das war mir schon vorher klar. Eigentlich sind wir nach wenigen Minuten fertig, aber Nina fällt immer noch irgendwas ein. Ich bin gedanklich nur halb bei der Sache und murmle ab und zu irgendeinen Kommentar in den Raum. Offensichtlich versteht sie mein Gemurmel falsch, denn plötzlich sagt sie „Oh. Ich bin Nina.“ Mein Gemurmel muss für sie geklungen haben, als hätte ich ihr das Du angeboten. Ich schaue sie auch weiterhin nicht an und überlege, was ich wohl gesagt haben könnte, aber es fällt mir nicht ein. Ab sofort duzen wir uns halt, ist ja auch nicht schlimm. Ein paar Minuten später habe ich genug Informationen und verabschiede mich von ihr und gehe noch auf einen kurzen Plausch zu Kirsten ins Büro. Während sie etwas erzählt, kommt ein Kollege dazu, stellt sich kurz vor und geht auch nicht wieder weg. Also verabschiede ich mich, weil ich eh nichts zu sagen habe.
Zurück am Lieblingsstandort gibt es heute immer was zu tun. Ich verpasse es sogar zu Mittag etwas zu essen, weil immer irgendwas ist. Irgendwann setzt sich die Reinigungskraft zu mir, um etwas zu plaudern. Sie erzählt von einem Kollegen, der mit seinem ungeimpften Kollegen das Büro nicht mehr teilen will und einen ziemlichen Aufstand gemacht hat, weil er hohen Blutdruck hat und Risikopatient ist und so weiter. Was für ein dummer Spinner. Woher er wohl seinen hohen Blutdruck hat, der aalte Choleriker. Listigerweise ist er einer von den Mitarbeitern, der seine Arbeit scheinbar nicht gut macht, wie ich schon von einigen Kollegen gehört habe. Ich gebe ja wenig um das ganze Geschwätz, aber wenn sich seit Jahren alle einig sind, dann kann es möglich sein, dass er wirklich nicht gut arbeitet. Wie auch immer, sein meckern und seine Beschwerden führten letztlich wohl dazu, dass der Chef ein Gespräch mit dem Mann führen musste. Der ungeimpfte Kollege wird täglich getestet und er müsse damit leben, dass manche sich halt nicht impfen lassen wollen. So ist das Leben und ein anderes Büro wird es nicht geben. Mal sehen, ob er weiter meckert und wie lange der ungeimpfte Kollege sich die Scheiße noch anhört. Unsere Reinigungskräfte arbeiten meist an mehreren Standorten und kriegen eine Menge mit, darum erfahre ich als nächstes, dass Jens sich voll verändert hat, seit er an einem anderen Standort arbeitet. Sie sagt, er ist voll abgehoben und kaum wiederzuerkennen. Er ist, oder nennt sich zumindest so, stellvertretender Standortleiter. Ich sage ihr, dass man Leuten nur Macht geben muss, oder einfach nur den Eindruck vermitteln, sie hätten Macht, dann erkennt man ihren Charakter. Es ist nicht das erste Mal, dass ich höre, dass Jens sich voll verändert hat. Hier hat er letzte Woche einer Teilnehmerin, entgegen meiner Absprache, dass wir fast immer einen Ersatztermin anbieten können, den Ersatztermin abgelehnt, weil es angeblich nicht möglich ist. Seitdem ist die Teilnehmerin hier gar nicht mehr aufgetaucht. Eine kommt seit Wochen, nach einem Gespräch mit ihm, nicht mehr. Ihr hat er mal ganz klar gesagt, wie das hier läuft. Ich habe ihm, vermutlich zu freundlich, gesagt, dass ich keine Fehlzeiten hier will und wir das auch in der Regel vermeiden können, wenn wir etwas anders mit den Leuten umgehen. Selbst dann, wenn wir sie nicht leiden können. Hat scheinbar nichts gebracht, denn erst am Montag hat er den Teilnehmern, die anwesend waren, gesagt, dass sie diese Woche nicht mehr kommen müssen, sondern den zweiten Termin als Telefoncoaching haben werden. Ist an seinem Standort auch so. Das ist mir ehrlich gesagt egal, denn hier ist das nur in der nächsten Woche so vorgesehen gewesen, aber das interessiert ihn nicht. Grundsätzlich nehme ich jeden Fehler, der hier passiert auf meine Kappe, weil ich nun einmal verantwortlich bin, aber, wenn er weiter so macht und wir deshalb irgendwann Ärger bekommen, werde ich ganz sicher nicht den Kopf hinhalten. Auch wenn ich kein stellvertretender Standortleiter bin und es auch nicht werden will. Ich habe nichts gegen Vorschläge, aber Dinge zu entscheiden, ohne es mit mir abzusprechen, führt selten zu irgendwas. Wenn er Entscheidungen treffen will, soll er die Chefin fragen, ob er die Maßnahme leiten kann. Ich habe sicher nichts dagegen, wenn ich nichts mehr entscheiden muss und meine Ruhe habe. Was stimmt nur mit den Menschen nicht? Und wann fällt endlich auf, dass ich für meinen Job nicht wirklich geeignet bin? Ich frage mich sowieso, ob ich genug aus meinen Teilnehmern raushole, ob da nicht mehr geht. So schlecht standen wir, was Vermittlungen angeht, noch nie da. Nutze ich meine und die Möglichkeiten der Teilnehmer wirklich maximal? Ich glaube nicht, denn sonst wären wir hier nicht so erfolglos. Vielleicht als ist der strenge Jens doch der richtige Mann, um den Sauhaufen wieder in die Spur zu kriegen.

Kisten hat zwischenzeitlich der Chefin mitgeteilt, dass die Teilnehmer hier am Standort nicht fürs Jobspeeddating zu gebrauchen sind. Nun soll ich mich mit Nina absprechen und deren und unsere Teilnehmer fürs Jobspeeddating zusammenführen. Dieses Jobspeeddating ist echt eine Plage. Verantwortlich dafür ist wohl ein neuer Kollege, der bei den Jobspeeddatings auch immer als Moderator anwesend ist. Und damit der einen Sinn hat, müssen halt ständig diese Jobspeeddatings stattfinden. Das wird bestimmt toll und erfolgreich und nur Deppen aus der Vergangenheit, wie ich einer bin, erkennen die Chancen nicht, die sich daraus ergeben. Und ich weiß jetzt schon, wie dumm ich aus der Wäsche schauen werde, wenn das zum Erfolg geführt hat und unsere Teilnehmer plötzlich Arbeitsverträge unterschreiben. Ich finde, ich sollte langsam mal ausgetauscht werden. Oder entsorgt. Oder beides.

Donnerstag. Letzter Arbeitstag vor Weihnachten. Am Vormittag habe ich keine Teilnehmer zu Gast. Ich muss lediglich mit zwei Leuten telefonieren. Der TN, dessen Oma positiv getestet wurde, hat weder vom Gesundheitsamt noch vom Roten Kreuz, wo er eigentlich einen Termin zum PCR-Test bekommen sollte, etwas gehört. Da auch niemand etwas von Quarantäne gesagt hat, wird er ab nächste Woche wieder zu uns kommen müssen. Alles andere erscheint mir unsinnig. Die Frau mit den Dating-Profilen ist auch schnell am Telefon abgearbeitet. Mehr passiert nicht am Vormittag und ich kann irgendwelchen Kram erledigen. Nach dem Mittag erwarte ich nur zwei von drei Teilnehmern, da unsere klügste Teilnehmerin mal wieder krankgeschrieben ist. Die Frau mit den Magen- und Darmproblemen ruft an, um mitzuteilen, dass es ihr nicht besser geht und sie zum Arzt muss. Bleibt nur noch die Frau, der ich am Dienstag eine Abmahnung geschickt habe. Ich hoffe sehr, dass sie auch heute nicht erscheint, weil ich bei ihr sowieso ratlos bin und nachdem ich fast fünf Stunden keinen Besuch hier hatte auch keinen mehr möchte. Um 12.45 Uhr müsste sie eigentlich da sein, ist sie aber nicht. Doch da sie meist zu spät kam, ist das noch kein Grund zur Freude. Möglicherweise ist sie noch irgendwo zum Corona-Test, das macht sie immer so, weil sie glaubt, dass das ein Grund ist, um stets zu spät zu erscheinen. Als wären wir hier alle so blöd, so einen Unsinn zu akzeptieren. Sollte sie bis 13.00 Uhr nicht hier sein, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch nicht mehr auftaucht. Eine schöne, fast schon beruhigende Vorstellung. Um 13.07 Uhr bin ich sicher, dass ich heute niemanden mehr hier sehen muss. So hatte ich es mir vorgestellt und so möchte ich es nächste Woche Donnerstag erneut erleben. Es ist bereits nach 15.00 Uhr als eine andere Teilnehmerin anruft, weil sie unbedingt vorbeikommen will. Ganz aufgeregt und gutgelaunt ist sie als sie später das Büro betritt. Schon vor dem Büro hüpfte sie vor Freude, weil sie im nächsten Jahr, wenn nichts ungewöhnliches mehr passiert, einen Job haben wird. Sie möchte, dass ich ihr etwas ausdrucke und eine Kündigung für ihren Minijob schreibe. Unglaublich, da ist eine Teilnehmerin glücklich und wieder habe ich rein gar nichts dazu beigetragen. Nutzlosester Jobcoach aller Zeiten. Aber immerhin durfte ich miterleben, wie glücklich jemand sein kann, wenn er einen Job findet. Besser kann der letzte Arbeitstag vor Weihnachten kaum enden. Zeit das Licht auszumachen und das Büro zu verlassen. Nächste Woche geht der Spaß weiter. Dann werde ich zur Abwechslung vermutlich einem Teilnehmer die Kündigung schicken und die Vermittlungsquote so ein wenig weiter nach unten korrigieren. Das wird ein Spaß.

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: