Man soll sich ja nicht auf die negativen Dinge konzentrieren, wenn man erholt aus einer Reha kommt; eigentlich sollte man das generell nicht tun. Daher beschäftige ich mich zunächst nicht weiter mit einer Mail der Chefin, die aus meiner Sicht völlig unnötig ist und mit Zahlen aufwartet, die ich nicht nachvollziehen kann.
Was ich auch nicht weiter diskutiere, ist die Tatsache, dass sich niemand um die vier Beschäftigungsbestätigungen gekümmert hat. Mache ich es halt. Dass einer meiner Teilnehmer abgemahnt wurde, obwohl man das mit ein bisschen mehr Nachdenken hätte verhindern können, nehme ich hin. Dass manche meiner Teilnehmer während meiner Abwesenheit gar nicht hier waren, will ich nicht überbewerten. Dass am ersten Tag meiner Rückkehr zwei Teilnehmer sagen, dass sie Jörg komisch finden und er sie nicht korrekt behandelt, liegt nur daran, dass er nicht so ein Weichei von Coach ist. Dass einige Dinge vergessen wurden einzutragen, kann passieren. Dafür bin ich ja da.
Der Eindruck, dass es hier auf meiner Seite entspannter als drüben bei Jörg zugeht, mag täuschen, aber als Jörg irgendwann völlig erledigt und ratlos vor mir steht und sagt, er brauche dringend Urlaub, schließt sich der Kreis. Ich sage ihm abermals, dass er aufhören soll, mit bestimmten Teilnehmern immer wieder zu diskutieren, weil es eh zu nichts führt. Ich gebe dem Teilnehmer Recht, weil er aus seiner Sicht Recht hat. Das muss man auch mal akzeptieren. Ebenso, dass manche einfach nicht wollen, dass sich etwas ändert. Vielleicht ist aber genau das mein Problem. Zu viel Verständnis. Darum muss ich der Chefin auch erklären, warum wir eine so hohe Abbruchquote haben: Weil ich mich weder durchsetzen, noch jemanden überzeugen kann, an der Maßnahme teilzunehmen.
Die größten Schwierigkeiten habe ich damit vor allem bei der Gruppe, die nicht einen Termin wahrnehmen, die ich also gar nicht sehe. Ähnlich oft scheitere ich bei denen, die exakt einmal zu uns kommen und sich und mich bei diesem Termin belügen. Ich erkenne es oft und bin doch nicht in der Lage, Ihnen klarzumachen, dass es gut für Sie ist, drei Monate zu uns zu kommen. Und die dritte Gruppe sind die, bei denen uns die IFKs schon vorab sagen, dass sie unzuverlässig sind und nur selten Termine wahrnehmen. Auch bei denen versage ich. Es ist grundsätzlich der Coach, der über Erfolg und Misserfolg entscheidet und verantwortlich ist, wenn Leute nicht zu uns kommen. Ich weiß das und würde, wenn ich könnte, gerne besser werden, fürchte aber, da bin ich so beratungsresistent und unwillig wie manche unserer Teilnehmer. Ich kann also der Chefin nur empfehlen, die Coaches zu tauschen, da es das Problem mit den vielen Fehlzeiten an anderen Standorten nicht gibt. Aber vermutlich traue ich mich nicht, ihr das zu schreiben.
Jörg fragt einen Teilnehmer, der drei Wochen von ihm betreut wurde, wie er es denn bei mir findet. Normalerweise antworten die Leute eher neutral, dieser aber antwortet, es gefalle ihm bei mir besser, weil es viel entspannter ist. Das ist das Risiko, wenn man solche Fragen stellt.
Den Lauf nutze ich und sage einem anderen Teilnehmer, dass ich dem Jobcenter mitteilen werde, dass er aus meiner Sicht nicht für den ersten Arbeitsmarkt geeignet ist. Ich erkläre ihm, warum ich das so sehe und warum ich mich dafür einsetze, dass er einen Termin zur ärztlichen Begutachtung bekommt, sofern er damit einverstanden ist. Ist er, und bedankt sich für meine Ausführungen und das Gespräch. Er will das auch mit seiner Frau besprechen. Ich biete an, dass wir die Maßnahme vorzeitig beenden, doch das möchte er nicht, obwohl er weiß, dass er keinen Job finden wird. Er will wegen der Gespräche hierbleiben und weil er sich wohlfühlt. Mir soll es recht sein. Kaum drei Tage im Büro, bin ich wieder voll der Sozialcoach, obwohl ich Leute in Arbeit vermitteln und nicht blöd rumlabern soll. Was das angeht, habe ich mein Scheitern zur Perfektion gebracht. Vielleicht sollte ich besser bei der telefonischen Seelsorge arbeiten.
Bevor nun aber der Eindruck entsteht, alle wollen mich als Coach, muss ich darauf hinweisen, dass das Blödsinn ist und Jörg derzeit eine Teilnehmerin betreut, die gar nichts von mir hält. Sie war vor ein paar Jahren schon bei uns und hat mich nicht in guter Erinnerung. Ihr graut es jetzt schon davor, dass sie während Jörgs Urlaub zwei Wochen von mir betreut wird. Das wird für uns beide eine echte Herausforderung. Da wird sich dann zeigen, ob ich wirklich so sozial bin, wie ich immer glaube. Ich komme eh schlecht damit klar, wenn mich hier jemand nicht mag. Eigentlich sollen mich hier alle lieben. Vielleicht brauche ich eine Therapie.
Kurz vor Feierabend antworte ich der Chefin und teile mit, dass ich keine Ahnung habe, mit welchen Schritten man unsere Integrationsquote verbessern kann. Auch weiß ich nicht, wie wir eine bessere Anwesenheitsquote erreichen und die Leute besser motivieren, regelmäßig teilzunehmen. An der Antwort erkennt man auch direkt meine Beschränktheit. Weshalb ich darauf hinweise, dass ich für Ideen von anderen Standorten, wo alles so viel besser läuft als bei uns, dankbar bin.
Ein guter Coach hätte Ideen, würde ein Konzept entwickeln. Ich bin, was das angeht, blind und offensichtlich überzeugt, dass es nicht an mir liegt, wenn Leute nicht regelmäßig teilnehmen. Alleine dafür sollte man mich als stellvertretenden Maßnahmeleiter abservieren, da ich die Probleme offensichtlich nicht einmal erkenne, obwohl sie direkt vor meiner Nase sind. Außerdem, und daran muss ich mich noch viel mehr messen lassen, hat Jörg eine um fast 50 % höhere Vermittlungsquote als ich.
Es stimmt schon und lässt sich mit Zahlen belegen: Als Jobcoach bin ich eine echte Niete. Vielleicht sollte ich mir den Titel „Niete des Monats“ verleihen. Oder besser gleich beantragen, zur Reha für untaugliche Coaches geschickt zu werden. Reha kann ich nämlich.