Drei gehen essen und sitzen zu viert am Tisch

Bevor ich mich auf den Weg mache, stellt sich wie üblich die Frage: Was ziehe ich an? Beim Blick in den Schrank erkenne ich, dass ich absolut nicht auf den Herbst vorbereitet bin. Kaufen wollte ich längst, doch immer kamen andere Ausgaben dazwischen. Da ich ständig friere, kommt ein Hemd nicht in Frage. Die dünneren Pullover überzeugen mich nicht, die wettergerechten Jacken gefallen mir nicht mehr. Alles praktisch, aber nichts schick. Ich wähle ein Poloshirt und dazu eine noch akzeptable schwarze Jacke. Elegant ist nichts davon.

Vor dem Restaurant Tapas & More stehen viele Menschen, darunter eine Hochzeitsgesellschaft, die offenbar auch Lust auf Tapas hat. Merkwürdig. Auch die anderen Gäste wirken ordentlich angezogen, genau so, wie ich es von mir erwartet hätte, aber nicht umsetzen konnte. Ich fühle mich sehr unwohl und weiß schon heute, dass ich nächste Woche einkaufen muss. So möchte ich mich nicht mehr fühlen. Verdammt.

Damit wir drei wieder zu viert sind, hat Kirsten einen ihrer Söhne mitgebracht. Ohne Reservierung ginge hier wohl nichts, es ist voll und laut, das Konzept gefällt mir schon jetzt nicht, ohne dass ich es überhaupt kenne.

Jörg fragt eine Bedienung nach der Garderobe. Sie scheint nicht zu verstehen, was aber kein Problem der Akustik ist, wie sie schnell herausstellt. Denn als er erneut fragt, antwortet sie: „Auf der Toilette.“ Blödsinn. Also formuliert Jörg die Frage etwas um: „Wo kann ich meine Jacke aufhängen?”. Dafür ist kein Platz vorgesehen. Das Wort Garderobe scheint für die junge Frau ein Fremdwort. Sicher kein Einzelfall. Die Verblödung der Gesellschaft ist längst nicht mehr zu stoppen. Da hilft es auch nicht, dass die junge Frau freundlich und hübsch anzuschauen ist. Fakt ist: Wir sind verloren.
Unser Tisch: zwischen Bar und Treppe zur Toilette. Der Tisch wird noch abgeräumt und abgewischt. Echte Fließbandatmosphäre. Vermutlich wird der Laden irgendwo gehypt. Der noch nasse Tisch erscheint mir etwas klein. Ich will kein “All you can eat”, aber wenn zwei am Tisch das wollen, Kirsten und Sohn haben das online vorab mit Rabatt gebucht, müssen alle am Tisch mitziehen. All you can eat kostet 34,90 €. Jeder der mich kennt weiß, dass es ein Verlustgeschäft für mich ist, da ich nie so viel esse. Ist nur Geld, ich lande eh im Minus und die Reha-Version von mir will sich damit auch nicht weiter befassen. Dann ist das halt so. In etwa einem Jahr werde ich keine Reserven mehr haben. Suche ich mir halt eine reiche Frau.

Bestellt wird per Smartphone. Interessant, aber vielleicht ein Hauch zu viel Science-Fiction. Wir dürfen in den zwei Stunden insgesamt fünf Runden bestellen. Das bedeutet jeweils 20 Portionen. Mir erscheint das alles etwas umständlich. Die erste Runde kommt zügig, schmeckt gut und wir sind zufrieden. Aber einfach nur sitzen geht nicht, man muss die zweite Bestellung aufgeben, und hier wird es dann irgendwie komisch, denn die zweite Bestellung kommt Häppchenweise, hier mal ein Schälchen, dann später nochmal eins, und auch mal zwei. Es ist eine Stunde um, wir können noch dreimal bestellen, aber die zweite Bestellung bleibt unvollständig. Ich rate zur Bestellung von Runde 3. Das geht etwas schneller und Teile der dritten Bestellung treffen ein, noch bevor die zweite vollständig ist. Auf mich wirkt alles wie ein einziges Chaos. Wem zum Teufel gefällt so etwas und warum?

Tapas & MoreIch kann durchaus zufrieden gucken.

Ja, das Essen ist gut, aber der zu kleine Tisch steht voller Schälchen, es fehlen Sachen, die Zeit läuft und es herrscht zu keinem Zeitpunkt eine entspannte Atmosphäre. Außerdem sind die Klamotten längst so voll von dem Geruch, dass man zu Hause alles waschen muss. Gemütlichkeit geht anders. Immer wieder kommen einzelne Sachen, die wir längst vergessen haben. Noch zweimal können wir bestellen, aber erstens sind wir voll, der Tisch ist es auch, und es bleibt ein Durcheinander. Ich rate zur Bestellung der Desserts. Diese werden rasch geliefert, aber es bleibt ein einziges Durcheinander. Ich will doch nur satt werden, jetzt bin ich übersatt. Alles ist zu viel. Zu viel ist selten gut. All das ist nicht schön und wird auch nicht mehr besser. Wir sind uns einig, dass wir das nicht mehr brauchen und nicht wiederkommen.
Immerhin werden wir nicht nach zwei Stunden gebeten, den Tisch zu verlassen.

Als wir gegen 21.35 Uhr endlich draußen sind und wieder atmen können, sind wir erleichtert. Das war nichts für uns. Darum zum ersten Mal ‘Daumen nach unten’ für unsere Lokalwahl. Das Essen allerdings war gut. So fair muss man beim Verurteilen sein. Und die Bedienung hinter dem Tresen habe ich auch gern angeschaut. Aber das hilft natürlich auch keinem weiter.

2 Kommentare

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  1. Das mit der Garderobe ist ja schlimm. Weiß man also nicht mehr, was das sein soll? Wie nennen diese Leute das Gestell, wo man seine Klamotten hinhängt? Kleiderständer vielleicht? Man weiß es nicht. Erschreckend.

    Aber das mit den gehypten supervollen, superchaotischen Hipster-Influencer-Restaurants kenne ich leider auch. Bei uns in Koblenz gibt es das 60 Seconds To Napoli, auch die komplette Enttäuschung. Wir wurden an einen dunklen Tisch gesetzt, direkt neben den Küchenausgang. Die Pizzen waren flott fertig und trotz San Marzano Tomatensoße DOP, Fior di Latte und anderem tollen Firlefanz komplett langweilig. Es war laut, hektisch und komplett voll mit irgendwelchen Leuten, die es toll finden, wenn sie gesehen werden. Zwischendrin komplett überforderte, erwartungsgemäß unprofessionelle, aber hübsch aussehende Bedienungen, die besser zu GNTM passen. Bedienen sollten sie jedoch besser nicht, denn dabei versagen sie größtenteils.

    • Klamotten hängen die über den Stuhl oder zu Boden damit. 😄

      Vielleicht sind wir auch nur zu alt für all diese wunderbaren Köstlichkeiten und gehypten Lokale. Nervige, alte Säcke. 😳