Die Woche fängt wenig verheißungsvoll an. Eine Teilnehmerin, die neu in Maßnahme ist, ruft an und teilt mit, dass sie einen Minijob angenommen hat. Da sie alleinerziehend ist, sich außerdem um ihre pflegebedürftige Tochter kümmern muss und seit 17 Jahren arbeitslos ist, schafft sie aktuell nicht mehr als diesen Minijob.
Ich hatte die zuständige IFK letzte Woche darauf hingewiesen, dass wir vielleicht erst das Probearbeiten abwarten sollten, bevor sie zugewiesen wird. Nun ist es zu spät: Wir müssen sie aus der Maßnahme nehmen, unsere Quote sinkt weiter In Kürze werden wir sicher von unserer Chefin zu hören bekommen, wie unfähig wir sind, dass wir unseren Job nicht können und Vieles mehr. Und wie recht sie damit aus ihrer Sicht hat, erkennt man daran, dass wir nicht erkennen, dass es an uns liegt. Wir suchen die Gründe immer woanders, obwohl wir selbstverständlich der Ursprung des Quotentiefs sind. Richtigen Coaches würde die Quote nicht so entgleiten.
Der Bruder des Dschinn erzählt, dass er keine Arbeit findet und eine Helferstelle nichts für ihn sei. Ich erkläre ihm, dass er gar nichts anderes als eine Helferstelle finden wird, weil er seit 26 Jahren nicht in seinem erlernten Beruf gearbeitet hat. Zu meiner Überraschung erzählt er dann von seinen Zahnproblemen und seiner Zahnarztangst. Für mich ist klar: Das muss zuerst angegangen werden. Alleine wird er es nicht schaffen. Also vereinbaren wir, dass er am nächsten Tag früh zu uns kommt, wir kurz sprechen und er dann zur Zahnartpraxis geht, um einen Termin zu vereinbaren. Er erzählt erstaunlich viel. Meine Vermutung, dass viele Probleme einer Arbeitsaufnahme entgegenstehen, scheint sich zu bestätigen. Angst scheint eine große Rolle zu spielen. Und damit meine ich nicht nur die Zahnarztangst. Hinter einem solchen Lebenslauf steckt immer eine Geschichte. Ob eine Vollzeitstelle realistisch ist, wage ich zu bezweifeln. Wobei erst geklärt werden muss, ob es den Wunsch tatsächlich gibt. Er glaubt, dass er das tatsächlich will. Ich glaube nicht, dass ich das glauben kann.
Trotz schlechter Nacht und Übelkeit vor Angst erscheint er am nächsten Morgen tatsächlich und fährt nach unserem Gespräch zur Zahnarztpraxis. Als er zurückkommt, berichtet er, dass nächste Woche zwei Zähne gezogen werden und am Freitag entschieden wird, ob ein dritter zu retten ist. Das hat natürlich nichts mit Jobcoaching zu tun, aber alleine wäre er nicht hingegangen. Der Quote hilft das nicht, seiner Gesundheit jedoch sehr.
Irgendjemand hat seine Brötchentüten in unserem Briefkasten entsorgt. Vielleicht will uns jemand damit zeigen, was er von uns hält. Vielleicht kennt die Person uns aber auch gar nicht, sondern entsorgt nur gerne seinen Müll in fremden Briefkästen.
Die ukrainische Lehrerin kann sich erneut nicht einloggen. Trotz mehrfacher Passwort-Wiederherstellung klappt es nicht. Ich weiß nicht, was sie tut, aber sie ist so einfach gestrickt, dass ich den Fehler bei ihr vermute. Ich bin sehr geduldig, aber wenn wir uns dermaßen im Kreis drehen, komme auch ich an meine Grenzen. Ich muss mich da noch verbessern, bei dummen Menschen noch geduldiger und verständnisvoller werden. Dumme Menschen können nichts dafür, dass sie dumm sind. Ich bin das Problem. Ich muss atmen. Und ich darf nicht immer dumm sagen, auch wenn es ein passendes Wort ist. Töricht ist ein schönes Wort.
Noch einmal versuchen wir es erfolglos, dann lasse ich sie wieder Arbeitgeber anrufen. Beim letzten Gespräch gibt sie mir einfach das Telefon, weil sie nichts versteht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie als Schulbegleitung arbeiten kann. Das kriege ich einfach nicht in meinen Kopf. Es kann doch niemand wollen, dass diese Frau Kinder betreut. Falls es nicht klappt, möchte sie Testerin werden. Probekäufe machen, anschließend bewerten. Alternativ Malerin, denn sie malt gerne. Ich erkläre ihr, dass das nette Hobbies sind, aber als Plan B ungeeignet. Ist es gemein, ihr diese Luftschlösser zu nehmen? Muss ich nicht vielmehr motivieren, bekräftigen, aufmuntern, unterstützen? Ich kann das einfach nicht.
Am Nachmittag steht sie plötzlich wieder im Büro. Irgendjemand hat sie angerufen: Sie solle Ihre Bewerbungsunterlagen schicken. Diese sollen nicht vorliegen. Sie weiß weder, wer angerufen hat, noch wohin sie die Unterlagen schicken soll. Und sie will tatsächlich Kinder betreuen. Zum Glück speichern die Telefone die Nummern der Anrufer. Ich kläre das und verschicke die Unterlagen für sie, weil sie so aufgeregt und überfordert ist, dass ich ihr das nicht auch noch zumuten kann.
Der Mann, der einen Stundenlohn von 16,16 Euro nicht akzeptiert, erzählt von seiner Hochzeit. 77.000 Euro hat sie gekostet, mit 1.500 Gästen. An Geschenken gab es 100.000 Euro. Für den Ehrentag hat er sich einen Lamborghini gemietet.
Sein aktueller beruflicher Plan: einen Golf kaufen, diesen für 40 Euro pro Tag vermieten. Später weitere Autos kaufen und vermieten. Vorher will er aber Geld verdienen. Nur halt nicht für 16,16 Euro pro Stunde. Egal, was ich ihm erkläre, welche Vorschläge ich mache: Er geht nicht drauf ein. Frage ich nach konkreten Plänen, kommt nichts. Er widerspricht sich, ist planlos, aber beratungsresistent. Ich gebe auf. Er ist erwachsen. Ich kann nicht jeden retten. Jörg hingegen würde nicht aufgeben und immer weiterreden. Ich kann das nicht. Wenn jemand nicht zuhören will, dann helfen die besten Argumente nichts. Andererseits ist vermutlich genau das der Fehler, denn auf meiner Seite werden keine Arbeitsverträge unterschrieben, bei Jörg hingegen schon. Mit dem falschen Coach hat man in jedem Fall verloren.
Kurz bevor die Zeit um ist bewirbt sich der beratungsresistente Mann als Lagerarbeiter. Stundenlohn 15 Euro. Dort unterzukommen sei sein größter Traum. Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll. Ich muss echt noch viel lernen. Als er erzählt, dass ein Bekannter dort arbeitet und sogar mitentscheidet, wer eingestellt wird, bin ich komplett verwirrt. Ich sage dem Mann, dass er unverzüglich seinen Bekannten anrufen soll, damit dieser dafür sorgen kann, dass er eingestellt wird. Es folgt die übliche Antwort: Der Bekannte ist um diese Zeit nicht zu erreichen. Dann soll er ihm sofort eine WhatsApp-Nachricht schicken. Macht er später.
Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber für mich klingt das nach einem Märchen aus 1001 Nacht. Er hat jemanden, der ihn als Lagerarbeiter beschäftigen kann, es handelt sich um seinen Traumjob, und er hat es nicht geschafft, diese Möglichkeit in den letzten Monaten zu seinem Vorteil zu nutzen. Ich habe solche Geschichten zu oft gehört, bisher ist bei solchen Traumjob-Geschichten nie etwas daraus geworden. Ich weiß nicht, was an diesen Geschichten dran ist. Ich weiß nicht, wo solche Geschichten entstehen, aber sie ergeben keinen Sinn für mich. Vielleicht gibt es ein Handbuch für Arbeitslose, in dem solche Geschichten stehen. Es bleibt jedenfalls spannend und ich bin gespannt, wie diese wunderbare Geschichte weitergeht. Vielleicht endet sie mit einer Arbeitsaufnahme. Sollte das passieren, gelobe ich Besserung und werde künftig weniger skeptisch sein. Versprochen.
Der sympathische Syrer war bei einem Vorstellungsgespräch. Ab Januar könne man ihn als Bauhelfer einstellen. Aber das kann er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Ich frage ihn, ob er das beim Gespräch gesagt hat. Hat er nicht. Ich rufe beim Unternehmen an. Er hat einen guten und motivierten Eindruck hinterlassen, aber mehr als Bauhelfer geht nicht. Seine Deutschkenntnisse reichen nicht, er kann nicht lesen. Damit ist er für viele Kunden des Personaldienstleisters uninteressant. Das habe ich befürchtet.
Zufällig entdecke ich eine Stelle als Autowäscher. Ich rufe beim Jobcenter an, um mehr über den Job zu erfahren. Danach bin ich der Meinung, dass der Syrer das machen kann und teile es ihm mit. Erst ist er ablehnend skeptisch, dann ist es vielleicht eine Option. Er bekommt den Stellenvorschlag in den nächsten Tagen zugeschickt.
Am Freitagnachmittag kommt ein neuer Teilnehmer. Als er vor ein paar Monaten zu uns kommen sollte, haben wir ihn aus gesundheitlichen Gründen nicht einmal gesehen. Nun ist er da, sagt, er sei wieder gesund, wolle unbedingt arbeiten und hatte sich gewünscht, an dieser Maßnahme teilzunehmen. Seit etwas über einem Jahr ist er arbeitslos. Vorher hatte er fünf Jahre einen nach 16i geförderten Job. Da der Arbeitgeber nach fünf Jahren keine Förderung mehr vom Jobcenter bekommen hat, musste er den Mann entlassen. Ein Klassiker. Am Ende der Förderung endet das Arbeitsverhältnis.
Er ist gelernter Tischler. Das klingt zunächst gut vermittelbar, aber es wird Gründe geben, warum es in den letzten Monaten, trotz einer Vielzahl von Bewerbungen, nicht zu einer Einstellung kam. Die Frage, wie er seine Chancen einschätzt, beantwortet der Mann mit „gut“. Die wenigen Minuten unseres Gesprächs verliefen so positiv, dass er voller Zuversicht ist. Keine Ahnung, was ich angestellt habe, dass er so positiv ist. Vermutlich liegt es nicht an mir, aber das spielt keine Rolle. In ein paar Tagen weiß ich vielleicht mehr. Theoretisch müsste er vermittelbar sein.
Die Quote liegt aktuell bei 35,46 %.
Fakt ist: Während auf der Seite von Jörg eine Teilnehmerin und zwei Teilnehmer wohl in den nächsten Tagen Arbeitsverträge unterschreiben, findet man auf meiner Seite lediglich Ratlosigkeit, Resignation, Verwirrung und Sprachprobleme. Ich muss Lösungen finden. Pläne entwickeln. Dazu habe ich noch eine Woche Zeit, bevor mein letzter Urlaub des Jahres beginnt. Alternativ kann ich den Job auch an den Nagel hängen und mich zur Ruhe setzen.
Wie Sie das alles mental gesund überstehen, ist mir ein Rätsel. Hut ab,
Manchmal ist mir das alles ein Rätsel. 🤷♂️
Aber es ist mein Leben. Erst auf der einen Seite, dann auf der anderen.
Und es kann sich jederzeit wieder ändern. 😳
So Hochzeit ohne Job? Gesponsert? Das klingt alleine für sich schon Märchenhaft….
Die Hochzeit fand vor der Arbeitslosigkeit statt. War sicher traumhaft. 🙂