Letzter Arbeitstag 2025

Kaum bin ich im Büro, telefoniere ich mit einer IFK wegen einer Zuweisung. Da eine Teilnehmerin am Tag ihres Maßnahmebeginns einen Arbeitsvertrag unterschrieben hat, soll die Zuweisung hinfällig sein und wir hätten die Maßnahme eine Weile nicht voll besetzt. Wie schön ich manchmal Dinge erklären und veranschaulichen kann. Am Ende zählt die Vermittlung vertragsgemäß für unsere Quote. Ich liebe einfache Sachverhalte, weiß aber nicht, wieso das nicht vorher geklärt werden konnte.

Den Mann mit den verschränkten Armen rufe ich auch an. Wir vereinbaren einen Termin im Januar. Bis dahin fehlt er unentschuldigt. Vor einigen Jahren wäre er sanktioniert worden, heutzutage kann sich ein Arbeitsloser viel mehr erlauben. Sollte ich wieder arbeitslos werden, werde ich auch nicht mehr so kooperativ sein.

Weil während meiner Abwesenheit noch ein zweiter Arbeitsvertrag vorgelegt wurde, Jörg somit die Quote auf 36,84 % gesteigert hat, kümmere ich mich darum, dass die Plätze neu besetzt werden.

Anschließend plaudere ich noch mit meinen zwei Teilnehmern. Einer ist einverstanden, dass wir die Maßnahme verlängern, aber nur für einen Monat. Ich kann damit gut leben und werde es mit seiner IFK besprechen. Eigentlich verlängert man für drei Monate. Mal schauen, ob meine Argumente ausreichen, um einen Monat zu bekommen.

Bis zum Mittag bin ich durchgehend beschäftigt.

Später ist die ukrainische Lehrerin da und berichtet von den beiden Vorstellungsgesprächen, die sie in der letzten Woche hatte. Aus ihrer Sicht sind beide “normal” verlaufen. Man will sich bei ihr melden. Das wird aus meiner Sicht aber nur passieren, wenn die Arbeitgeber mehr als nur verzweifelt sind. Minuten später fällt ihr ein, dass sie ein Stellenangebot vom Jobcenter zugeschickt bekommen hat. Da wir allen immer mitteilen, dass sie solche Briefe immer mit zu uns bringen sollen, verwundert es nicht, dass sie das nicht gemacht hat. Sie sagt, dass sie in der Nähe wohnt und in etwa zwanzig Minuten wieder bei uns sein kann. Da frage ich mich natürlich, warum sie sonst mit dem Bus kommt. Weil ich das merkwürdig finde, überprüfe ich, wie weit sie tatsächlich gehen müsste. 450 m. Da kann man durchaus schon mal mit dem Bus anreisen.

Als sie zurück ist, hat sie nicht das vollständige Stellenangebot dabei. Die Seiten 3 und 4, mit den wesentlichen Informationen, hat sie nicht dabei. Zum Glück stelle ich rasch fest, dass wir schon eine Bewerbung auf die Stelle versendet haben. Bemerkenswert ist, dass die TN das Stellenangebot schon über zwei Wochen vorliegen hat. Vor fünf Tagen hätte sie dem Jobcenter spätestens melden müssen, ob sie sich beworben hat. Ich frage sie, warum sie erst jetzt davon berichtet hat. Kann sie nicht beantworten. Sie kann fast nie Fragen beantworten. Wären wir im Film Forrest Gump, würden wir ihr täglich diese eine Frage stellen: “Kann es sein, dass Sie dumm sind oder sowas?”

Wenn sie wenigstens einsehen würde, dass sie nicht als Schulbegleitung geeignet ist, wäre uns allen geholfen. Da sie es nicht einsieht, kommen wir einfach nicht weiter. Und wenn man ehrlich ist, braucht eigentlich sie eine Betreuung.

Am Nachmittag steht eine junge Frau vor unserer Tür. Offensichtlich aus dem Ärztehaus. Sie hat für jeden von uns eine Weihnachtskleinigkeit dabei und sagt, dass wir uns lange nicht mehr gesehen haben. Ich bestätige, bin aber zu verwirrt, um zu Fragen, warum wir uns so lange nicht gesehen haben. Stattdessen überlege ich, wer sie ist. Wieso erkenne ich sie nicht? Vermutlich hat sie etwas anderes an, als ich es gewohnt bin. Mein Gehirn ist komplett überfordert, weshalb eine Kommunikation nicht möglich ist. Wir wünschen uns schöne Feiertage. Sie dreht sich um, und erst jetzt ahne ich, wer sie ist. Die Grüßerin. Wieso habe ich sie nicht erkannt und wieso nicht gefragt, wo sie ihre Pausen verbringt? Jörg hätte sicher ein längeres Gespräch mit ihr geführt. Ich hinterlasse stattdessen nur den Eindruck, dass ich mich lediglich für die Geschenke interessiere und sie mir egal ist. Dabei kann sie so schön lächeln. Ob sie mich je wieder anlächeln wird?

Es folgt noch ein Gespräch mit einem jungen Mann, der gerade so viele Probleme hat, dass eine Arbeitsaufnahme unrealistisch erscheint. Möglicherweise beenden wir die Maßnahme vorzeitig. Im Januar fallen wir sehr wahrscheinlich wieder unter die magische Quotengrenze und werden weiter Therapeuten spielen ohne Therapeuten zu sein.

Dann endet der letzte Arbeitstag des Jahres.
Bis zum Maßnahmeende verbleiben noch knapp vier Monate.

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