Ich glaube, dass ich für meine Verhältnisse durchaus entspannt bin, lenke mich ganz gut ab und bin beschäftigt, um nicht so viel über den Zahnarzttermin nachzudenken. Doch ich werde von meinem Körper eines Besseren belehrt, da er mich ständig zur Toilette schickt. Offensichtlich bin ich nicht annähernd so entspannt, wie ich es mir vormache.
Ab 14:30 Uhr bin ich dann auch nicht mehr nur scheinbar entspannt. Der Magen signalisiert seinen Unmut und da ich es nicht abstellen kann, sitze ich wenig später zum fünften Mal auf der Toilette. Doch dieses Mal passiert nichts. Als nächstes denke ich darüber nach, ob es sinnvoll wäre, Ibuprofen zu kaufen. Nur, um welche im Haus zu haben. Andererseits habe ich mir das mit den Schmerztabletten letztes Jahr abgewöhnt.
Vor dem Termin kaufe ich mir eine kleine Packung Ibuprofen.
Fünfzehn Minuten vor meinem Termin parke ich das Coupé direkt vor der Praxis. Da ich nicht direkt um 16.00 Uhr aufgerufen werde, werde ich von Minute zu Minute nervöser und möchte abhauen. Mache ich aber nicht und werde um 16:25 Uhr abgeholt. Der Arzt fragt, ob ich eine Eigenblutbehandlung möchte, die angeblich die Heilung beschleunigt und die Schmerzen reduziert. Ohne weiter nachzufragen, will ich das. Dafür zahle ich gerne 189,90 €. Besser als das Geld für Koks und Nutten auszugeben. Dafür konnte ich mich eh noch nie begeistern.
Ich bekomme die Betäubungsspritze, bevor mir Blut abgenommen wird.
Kurz nach Behandlungsbeginn bricht die Krone ab, dann sagt der Arzt auch schon, dass er den Zahn zerteilen muss. Damit ist der Traum einer leichten Zahnentfernung ausgeträumt. Es ruckelt, knackt, dröhnt. Als nächstes teilt er mir mit, dass der Zahn Stück für Stück entfernt werden muss. Warum sollte es auch einfach gehen, wenn es kompliziert geht? Der Zahnarzt prokelt herum, entfernt einzelne Stücke und teilt irgendwann mit, dass noch eine Wurzelspitze drin ist. Als diese endlich entfernt ist, wird die Entzündung ausgekratzt, bevor die Fibrinmatrix eingebracht wird. Dann wird alles zugenäht. Das ging zwar fix, hatte ich mir aber anders vorgestellt.
Der Arzt weist noch darauf hin, dass ich, sobald die Betäubung nachlässt, eine Schmerztablette nehmen soll. Finde ich nicht gut.
Kaum bin ich auf der Rückfahrt, setzen die Schmerzen schon ein. Das ist wenig überzeugend.
Zu Hause kühle ich, nehme aber keine Tablette. Mal sehen, wie lange es ohne geht.
Irgendwann stelle ich fest, dass die Wunde immer weiter blutet. Und nicht nur ein bisschen. Das war nach der Extraktion von Zahn 27 ähnlich, aber damals wurde nicht genäht. Ich versuche, die Blutung mit einem Baumwolltuch, das ich 45 Minuten auf die Wunde presse, zu stoppen. Es ändert nichts, es blutet einfach weiter. Als nächstes nehme ich eine Mullbinde. Bringt auch nichts. Das Ganze läuft hier in eine ganz falsche Richtung.
Mittlerweile ist es nach 20:00 Uhr. Alles deutet darauf hin, dass ich zum Notdienst muss. Vermutlich war die teure Behandlung auch umsonst, weil die Fibrinmatrix längst nicht mehr in der Wunde ist. Petra ist auf dem Weg zu mir, um für mich beim Notdienst anzurufen und falls nötig hinzubringen. Durch das feste Zubeißen auf die Mullbinde habe ich mittlerweile auch Schmerzen. Zahn 16 ist auch nach seiner Entfernung wohl noch nicht mit mir fertig. Undankbarer kleiner Mistkerl.
Gegen 21:00 Uhr bin ich in Dortmund in der Zahnarztpraxis. Ich bin sicher, dass es mittlerweile weniger blutet, aber das kann auch Einbildung sein.
Die Zahnärztin untersucht die Wunde, die tatsächlich weniger blutet, macht irgendwas an der Wunde, und gibt mir anschließend einen Tupfer, auf den ich eine Stunde beißen soll. Sie gibt mir zwei Ersatztupfer mit und sagt, dass ich, wenn es morgen noch blutet, in eine Zahnklinik gehen soll, weil es keine gewöhnliche Zahnextraktion war. Gewöhnlichkeiten sind eh nicht so meins.
Gegen 22:30 Uhr bin ich zurück in der Wohnung, beiße brav auf den Tupfer und schaue einen Film. Als ich nach Mitternacht ins Bett gehe, habe ich seit zwölf Stunden nichts mehr gegessen und kaum getrunken. Ich stelle das Kopfteil so hoch, wie es geht, und versuche zu schlafen. Dabei werde ich von meinem neuen Nachbarn gestört, der telefoniert und dabei gelegentlich sehr laut wird. Mindestens zwei Stunden dauert sein nächtliches Telefonat. Vermutlich ist er ein Nachtmensch, der mich noch viele Nächte stören wird. Hoffentlich wohnt er da nicht so lange.
Immerhin konnte ich bis jetzt auf Schmerztabletten verzichten. Es ist also doch nicht alles schlecht.
Als ich gegen 08:45 Uhr langsam wach werde, habe ich immer noch den blutigen Geschmack im Mund, mag aber nicht nachschauen, um mich nicht zu deprimieren. Zum Frühstück gibt es drei Rühreier. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass da noch was kommt. Irgendeine unsinnige Komplikation. Unmittelbar, in den nächsten Tagen, und ganz sicher, wenn es um den Zahnersatz geht, da eine Zahnlücke keine Option ist.