Der Verzweifelte sitzt bei mir und sieht genervt, gefrustet oder angespannt aus. Vielleicht eine Mischung aus allem. Eigentlich brauche ich nur seine Unterschrift, dann kann er gehen. Aber das erscheint mir falsch, weshalb ich nach seinem Befinden frage. Und so beginnt er zu erzählen. Es kommt mir vor, als hätten wir das Gespräch schon bei seiner letzten Teilnahme geführt, und ich dachte, er sei weiter, es hätte Fortschritte gegeben. Da er nächste Woche drei Tage zum Probearbeiten geht und die große Chance hat, eingestellt zu werden, frage ich ihn, ob er dazu wirklich in der Lage ist. Ob er das verkraftet. Ob er Hilfe benötigt, ob ich irgendwas für ihn tun kann. Jörg kommt herein, schaut irritiert, geht dann wieder. Der Verzweifelte sagt, dass er den Job unbedingt will. Dabei könnte ich es belassen, denn sobald er unterschreibt, haben wir unser Ziel erreicht. Dennoch sage ich ihm, welchen Eindruck er auf mich macht und wie das eventuell beim neuen Arbeitgeber wirken könnte. So etwas wurde ihm beim letzten Arbeitgeber auch schon gesagt. Ich weise ihn darauf hin, dass es sein größter Wunsch war, dieses Mal die Probezeit zu überstehen. Daher gebe ich ihm ein paar Ratschläge, wie er es sich leichter machen könnte. Als würden ein paar kluge Ratschläge grundlegende Probleme lösen. Aber es ist eine Chance, viele gibt es davon irgendwann nicht mehr. Er bedankt sich und wir hoffen, dass er das Probearbeiten erfolgreich beendet. Sollte er einen Arbeitsvertrag bekommen, werde ich nochmal mit ihm reden und hoffentlich ein paar hilfreiche Tipps haben, damit er in ein paar Monaten nicht wieder bei uns sitzt.
Später gehe ich rüber zu Jörg, der mir sagt, dass es unglaublich ist, mit welcher Ruhe ich da coache und mir alles anhöre. Ich weise ihn darauf hin, dass ich nicht coache, sondern als Seelsorger aktiv bin. Er erwidert, dass er nicht direkt sagen wollte, dass ich nicht coache, dass das mit der Seelsorge aber passt. Wir beide wissen, dass ich nie coache. Ich improvisiere, passe mich an, habe keinen Plan, während er komplett strukturiert vorgeht. Nichts dem Zufall überlässt, klare Vorstellungen hat. Er ist dabei streng und selbst bei hoffnungslosesten Fällen zieht er sein Programm durch. Ich hingegen lasse es zunächst einfach laufen, beobachte und greife ein, wenn ich das Gefühl habe, dass es notwendig ist. Ich gebe einen Rahmen vor, erkläre, was passiert, wenn man sich an Regeln hält und was, wenn man es nicht tut. Ich erkläre, dass es immer einen Spielraum gibt und jeder dafür verantwortlich ist, wie viel Raum ich ihm lasse. Wir können uns ignorieren oder zusammenarbeiten. Und dann sehe ich, was passiert.
Der Unterschied zwischen Jörgs und meiner Arbeitsweise zeigt sich gut bei einem anderen Teilnehmer, der seit über zwanzig Jahren arbeitslos ist. Jörg würde ihn wahrscheinlich Schritt für Schritt an den Arbeitsmarkt heranführen, alles akribisch ausarbeiten, besprechen und analysieren. Ich biete dem Teilnehmer einfach einen Praktikumsplatz an, weil sich das spontan ergeben hat. Er soll entscheiden, ob er sich das zumuten will. Und wenn er den Job danach nicht will, soll er es mir einfach sagen. Wir glauben, er hat ein Alkoholproblem. Ich sage ihm, dass es großartig ist, dass er diese Chance bekommt und einfach Spaß haben soll. Wenn mir das jemand in so einer Situation sagen würde, würde ich mich fragen, ob er einen an der Waffel hat. Spaß haben im Praktikum nach über zwanzig Jahren ohne Arbeit. Ziemlich absurd. Realistisch betrachtet wird das wohl seine einzige Chance sein. Es ist erstaunlich, dass er sich überhaupt dazu bereit erklärt, es zu versuchen. Wenn er am Ende tatsächlich einen Arbeitsvertrag unterschreibt, haben wir vermutlich ein Wunder vollbracht und unser Ruf, Unvermittelbare zu vermitteln, wird um die Welt gehen. Dann sind wir Legenden für die Ewigkeit. Der professionelle Coach und der Seelsorger.