Die Umarmerin überrascht mich

Als ich bei Jörg im Büro stehe, sehe ich die Umarmerin und gehe davon aus, dass sie mich besuchen will. Statt zur Tür geht sie aber weiter Richtung Fenster. Ich folge ihr unauffällig, sie schaut durchs geöffnete Fenster, wo ich wohl bin. Als sie mich bemerkt, frage ich sie, wen wir im Büro suchen. Ja, mein Humor ist herausragend. Es folgt eine Umarmung, die gefühlt nicht enden will. Vielleicht habe ich aber auch ein Zeitproblem und die Umarmung ist kurz wie immer.

Da mein Teilnehmer beschäftigt ist, setzen wir uns in die Sonne und plaudern ein wenig. Sie fragt, ob wir zusammen in die Bäckerei wollen. Wie könnte ich während der Arbeitszeit dazu nein sagen? Da mein Teilnehmer noch fünfzehn Minuten bleiben muss, sitzen wir solange in der Sonne. Dann verabschiede ich kurz den Teilnehmer und wir gehen in die Bäckerei. Als ich spontan bezahle, weist sie mich darauf hin, dass sie dran gewesen wäre, weil ich das letzte Mal bezahlt habe. Sehr aufmerksam, so mag ich es. Sie darf beim nächsten Mal wieder zahlen.

Wir reden über Beziehungen und stellen fest, dass wir komplett andere Vorstellungen haben. Zwar habe ich nichts von dem, was in ihren letzten Beziehungen zum Scheitern führte, zu bieten, aber dafür ganz spezielle Eigenschaften, um Frauen zu enttäuschen. Das hilft uns aber auch nicht weiter und ist eine andere Geschichte. Dazu kommt: Sie möchte ihren Partner täglich um sich haben. Als sie wiederholt, dass ich meine Freiheiten brauche und ich das bestätige, sieht sie irgendwie enttäuscht aus. Vielleicht interpretiere ich es auch falsch. Die Dreier-Regel hat sich wieder bewahrheitet und wenn die Zweifler jetzt noch glauben, dass hier irgendwas sexuelles laufen würde, kann ich auch nicht mehr helfen.
Nachdem das geklärt ist, bin ich überrascht, dass sie fragt, ob ich noch Zeit habe und uns noch Apfelschorle kauft. Sie überlegt, ob sie später zum Kanal fährt und fragt, ob ich nicht mitkommen mag. Ich bin ja in der Regel kein spontaner Typ. Darum spricht alles dafür, dass ich nach der Arbeit ordnungsgemäß nach Hause fahre. Also antworte ich, dass ich gerne mit ihr zum Kanal fahre.

Am Kanal zeigt sie mir ihre Stelle der Ruhe. Dort stehen zwei Bänke und ein Stuhl. Wir setzen uns jeder auf eine Bank. Abstand ist wichtig, wenn man sich nicht näher kommen will. Wieder erzählt sie viel von sich und weint. Da wir ausreichend Abstand zwischen uns haben, nehme ich sie nicht in den Arm. Dennoch bestätigen wir uns beide, dass wir uns mögen. Als sich ein älteres Paar setzen möchte, setzt sie sich zu mir rüber, aber mit genügend Abstand, dass wir uns nicht berühren. Für mich hat das durchaus was von Folter, aber dafür kann sie nichts.

Es folgt ein längerer Spaziergang am Kanal. Mal schweigen wir, mal reden wir, wobei meist sie redet. Anschließend trinken wir etwas in einem Biergarten. Da sie die Apfelschorle bezahlt hat, bin ich wieder dran. Sie interessiert sich für die Weintrauben, die im Biergarten überall wachsen und ich sage ihr, sie soll sich einfach welche pflücken. Macht sie tatsächlich. Eine Handvoll für mich, eine für sie. Ich weise darauf hin, dass ich keine Weintrauben zu mir nehme, aber das ist vermutlich quatsch, weshalb ich mich überreden lasse. Ich weise sie noch darauf hin, dass ich es schräg finde, dass wir uns noch immer siezen. Sie antwortet, dass es ihre Art der Höflichkeit ist. Damit ist das auch geklärt. Das Sie gehört zu uns wie die Sterne zum Himmel. Wenig später erzählt sie von einem älteren Mann, den sie als väterlichen Freund bezeichnet. Wenn er diese Rolle hat, was ist dann meine Rolle? Vermutlich Coach. Das bin ich schließlich seit vier Jahren und warum sollte sich das je geändert haben.

Ich schlage noch einen Spaziergang vor. Während der Spaziergänge raucht sie nicht, was ich unverzüglich lobe. Sie erzählt weiter sehr viel von sich, und ich kann echt gut zuhören. Oder so tun, als würde ich es. Gemeinsam spazieren gehen können wir jedenfalls gut. Ich mache ihr einfach so das eine oder andere Kompliment, weil keine Gefahr besteht, dass sie es falsch versteht. Natürlich freut sie sich über Komplimente.
Auf dem Rückweg erzählt sie, dass sie schüchtern ist und schüchterne Männer mag. Ihr Noch-Ehemann, so sagt sie, habe ihr seine Schüchternheit nur vorgespielt, sie sei darauf reingefallen und ist sauer über ihre Naivität. Normalerweise wird mir Naivität vorgeworfen, aber das ist jetzt unwichtig. Ich weiß auch nicht, was ich mit dieser Information anfangen soll.

Gegen 19:00 Uhr habe ich Hunger und finde, dass es an der Zeit ist, den Abend zu beenden. Es folgt wieder eine lange Umarmung. Sie sollte echt nicht so gut riechen und sich nicht so gut anfühlen. Das ist gemein, fast schon Quälerei. Während der Umarmung dankt sie mir für die schöne Zeit. Sind Coaches nicht dafür da?

Später schreiben wir noch kurz und ich weise darauf hin, dass ich davon ausgehe, dass wir das nochmal wiederholen. Mit ihrer Antwort: “Natürlich Herr Dr.Schwein.“, endet die heutige Kommunikation.

Ich denke, wir werden auf diese Art weitermachen bis sie bereit für eine neue Beziehung ist und weiterzieht. Spätestens wenn sie offiziell geschieden ist, wird es soweit sein. Bis dahin werde ich sie coachen, so gut ich kann.

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