Die letzten Tage im März

Obwohl ich schon irgendwie unzufrieden mit der momentanen Arbeitssituation bin, füge ich mich dem Schicksal und nehme es hin. Eine andere Möglichkeit gibt es eh nicht und so stelle ich mich auf gut anderthalb Jahre in dieser Maßnahme ein. Immerhin ist es in der Regel hier so, dass ich nach 12.00 Uhr keine Erziehenden mehr sehen muss, weil die zwecks Nachwuchsbetreuung gegen Mittag zu Hause sein müssen. Was die Verwaltung angeht, lasse ich Kollegin Kirsten das meiste machen. Ist mir sowieso zu viel, zu durcheinander, zu doppelt und vieles davon erscheint mir unnütz. Gut, dass sie das macht. Auch lasse ich mir von ihr Aufgaben geben und führe diese dann aus. Ich finde eh, dass sie diese Maßnahme leiten sollte. Ich schwimme einfach mit, mache was man mir sagt und lasse mich regelmäßig von den Teilnehmern bewerten. Wird bestimmt eine interessante Erfahrung, die mich entwicklungstechnisch nochmal einen Sprung nach vorne machen lässt. Meine Berichte werde ich in nie dagewesenem Minimalismus verfassen und schon bald eine Legende sein. Oder Geschichte. Oder etwas ganz Anderes. Außerdem ist es frustrierend, wenn man fast ausschließlich Teilnehmer hat, die zeitlich total eingeschränkt sind. Passend dazu ist es die Maßnahme mit der derzeit schlechtesten Quote im ganzen Unternehmen. So kann das Fazit nach der ersten Woche nur lauten “Ich will zurück”, was laut Alpha im Mai zwangsläufig passieren wird. Wieso bin ich da nur nicht so optimistisch?

Am letzten Montag des Monats lasse ich eine alte Tradition aufleben und das Coupé reparieren. Eine Undichtigkeit kostet mich 200 € und ist vermutlich der Beginn einer neuen Werkstattserie. Herrlich bekloppte Tradition.

Gespräche mit Ärzten sind auch nichts, was mich begeistern kann, zumal ich eh andere Vorstellungen von den Dingen habe als Ärzte. Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, dass wir lediglich über eine von mir gewünschte Blutuntersuchung sprechen. Meine Darmproblematik wollte ich eh nicht ansprechen und die Schmerzen, welche regelmäßig meine rechte Körperhälfte heimsuchen vergesse ich während der Plauderei komplett. Nein, Arztbesuche sind wirklich nichts für mich.

Am letzten Freitag des Monats findet in der Maßnahme eine Gruppenschulung zum Thema „Marktgerechte Entgeltfindung“ statt. Eingeladen sind alle elf Teilnehmer. Die Schulung sollte eigentlich vom Vermittler durchgeführt werden, doch der ist krank und da ich sowieso meist alleine die Maßnahme betreue, kann ich auch gleich die Schulung machen. Nun muss man wissen, dass ich so etwas nicht nur noch nie gemacht habe, es ist auch ein Thema, welches mich genauso wenig interessiert, wie ich Ahnung davon habe. Schon der Titel schläfert mich fast ein. Wie soll ich das einem Publikum beibringen, welches dafür auch noch einen Zusatztag hier bei uns verbringen muss? Ich rechne mit maximal vier Teilnehmerinnen, hoffe aber auf noch weniger. Wobei zwei schon sicher zugesagt haben. Der Vermittler hat dazu eine PowerPoint-Präsentation vorbereitet, die ich verwenden will, obwohl ich nicht weiß, ob die vollständig und richtig ist. Allerdings werde ich keine Präsentation machen, sondern habe die Unterlagen ausgedruckt und werde sie den Teilnehmern geben und diese dann die paar Seiten vorlesen lassen. Nach meinen Berechnungen sollten wir in etwa einer halben Stunde mit dem Thema durch sein, was aber blöd ist, da ich die Teilnehmer drei Stunden bespaßen muss. Ich habe keine Ahnung, wie man mit einem so drögen Thema drei Stunden vollkriegen soll. Aber gut, ich habe von so vielen Dingen keine Ahnung, da ist das keine Überraschung.

Bevor es losgeht kommt eine Teilnehmerin zu mir, um mir mitzuteilen, dass sie schwanger ist. Weil das so alles keinen Sinn macht, beenden wir die Maßnahme für sie. Leider haben die anderen Teilnehmerinnen keine so guten Nachrichten und drei von den eingeladenen elf sitzen tatsächlich hier, um die Schulung, die eigentlich keine ist, über sich ergehen zu lassen.
Meine Schulung ist erwartungsgemäß alles außer professionell. Ich verteile die ausgedruckten Blätter und lasse die Teilnehmerinnen abwechselnd jeweils eine Seite vorlesen. Ab und zu sage ich einen Satz dazu, dann wird weitergelesen. Inklusive einer Pause sind wir damit nach anderthalb Stunden durch. Anschließend lasse ich die Teilnehmerinnen noch ihr Stärken-Profil ausfüllen, dann versuche ich mit flachen Witzen die Stimmung aufzulockern. Eine Teilnehmerin klinkt sich direkt aus, eine andere findet mich komisch und sagt, sie freut sich schon, mich am Abend in Recklinghausen zu treffen. Wir beide wissen, dass ich am Abend nicht in Recklinghausen sein werde. Meine Schulung fanden alle drei übrigens eher nicht so gut, weshalb ich verspreche, so etwas nie wieder zu tun. Als die drei Stunden um sind, verabschieden sich die Frauen und sind erlöst. Eine der Frauen liebt die Sonne und sagt beim Verlassen des Büros, dass sie manchmal die Sonne ansingt. Da ist es nur konsequent, dass ich sie auffordere auch mal für mich zu singen. „Nächste Woche“, sagt sie und verabschiedet sich. Die letzte, die nun noch hier ist, ist die Frau, die schon in der beendeten Maßnahme bei mir war. Auch sie soll irgendwann für mich singen. Heute aber noch nicht. Heute unterhalten wir uns einfach noch über eine halbe Stunde, bevor auch sie geht.
Von der komischen Schulung bin ich durchgeschwitzt und stinke. Schulungen sind nichts für mich und ich hoffe, dass ich so eine Blödelshow nie wieder abziehen muss.

Beim Thema Gesundheit für die Prostata kapituliere ich, da ich die notwendige Zahl an Höhepunkten nicht einmal annähernd schaffe und auch nicht glaube, dass sich daran im Frühling oder Sommer etwas ändern wird. Ich habe einfach keine Zeit für so viel Sex und bin obendrein einfach zu alt dafür. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass es für meine Prostata nicht gesund ist, dass ich einen Job habe, obwohl ich weiß, dass das vermutlich Blödsinn ist und ich auch ohne Job nicht mehr für eine gesunde Prostata tun würde. Aber ich mag es die Schuld von mir abzuwälzen. Hilft nur meiner Prostata nicht. Dennoch hoffe ich, dass sie noch eine Weile hält.

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