Die letzte Woche vor dem letzten Urlaub. Für zwei Teilnehmende endet in dieser Woche die Maßnahme. Erstmals fällt die Quote unter 35 %. Das lässt auf eine besinnliche Weihnachtszeit hoffen.
Der Mann, der zuletzt unbedingt im Lager arbeiten wollte, berichtet, dass sein Bekannter gerade Urlaub hat und er deshalb mit dem Stellvertreter gesprochen hat. Dieser sagte ihm, dass er mit dem Bus eine Stunde und vierzig Minuten zum Arbeitsplatz fahren müsste, weshalb es zu keiner Einstellung kommen wird. Außerdem handelt es sich nur um 30 Wochenstunden, das lohnt sich nicht. Ich frage nicht weiter nach. Den Rest des Tages verbringt er damit, Stellenanzeigen zu durchforsten, um anschließend über eben diese Stellen zu lästern. Wer seine Unzufriedenheit so präsentiert, ist für nichts zugänglich. Interessant finde ich, dass er sich in einer Fahrschule angemeldet hat, um den Führerschein zu machen. Da er zuvor eine bekanntermaßen nicht ganz günstige MPU absolvieren musste, kann es finanziell nicht allzu schlecht um ihn stehen. Es bleibt fraglich, ob er wirklich auf einen Job angewiesen ist. Sein Verhalten lässt jedenfalls viel Raum für Spekulationen.
Erneut wurden alte Papiertüten in unserem Briefkasten entsorgt. Wieder mit der Aufschrift: Bavaria Bistro. Eine Bavaria-Tankstelle gibt es hier nicht. Dieser Mensch fährt offenbar mehrere Kilometer, um seine Papiertüten bei uns im Hinterhof zu entsorgen. Ich sage es immer wieder: Die Menschen werden immer bekloppter.
Wir lassen Bewerbungsfotos schon eine Weile von ChatGPT erstellen. Aus irgendeinem hingeklatschten Foto wird in Sekunden ein professionelles Hochglanz-Bewerbungsbild. Meist fernab der Realität, aber das ist in dieser Gesellschaft längst Standard. Zufällig entdecke ich, dass ein Jobcoach unseres Unternehmens ChatGPT auch komplette Anschreiben verfassen lässt. So wird es in Zukunft wohl nur noch ablaufen. Niemand wird mehr in der Lage sein, auch nur annähernd selbst etwas zu formulieren oder zu überarbeiten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man den gewöhnlichen 08/15-Jobcoach nicht mehr braucht. Mein Plan, bis zur Rente hier weiterzumachen, könnte so schneller Geschichte sein, als ChatGPT ein Anschreiben generiert. Viel schlechter wird die Quote dann sicher auch nicht. Die Programme werden stetig besser, die Menschen leider nicht. Die ultimative Verblödung schreitet unaufhaltsam voran. Der Mensch wird immer mehr zu einem lästigen Produkt, dem man sich nach und nach entledigen sollte.
Der nächste Neuzugang ist ein alter Bekannter: der Mann mit den verschränkten Armen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er zweimal in der Woche zu uns kommen wird. Außerdem wird Jörg sein Coach. Eine eher explosive Mischung. Ich verstehe nicht, warum Menschen, die offensichtlich kein Interesse haben, die das in zahlreichen Maßnahmen bewiesen haben und aus unterschiedlichsten Gründen nicht arbeitsfähig oder -willig sind, immer wieder in Vermittlungsmaßnahmen gesteckt werden. So kommen wir aus dem Quotentief sicher nicht heraus. Zudem wurde die Maßnahme bisher nicht verlängert, was ich durchaus bedenklich finde. Dass wir am Jahresende so tief sinken würden, hätte ich echt nicht gedacht.
Die ukrainische Lehrerin tut, was sie am besten kann: Sie scheitert. Zunächst schafft sie es nicht, die beiden Anlagen ihrer Bewerbung anzufügen. Als sie es irgendwann geschafft hat, will sie eine weitere Anlage anfügen, weil immer zwei Anlagen beigefügt werden. Einmal die Zeugnisse und noch etwas, das sie aber vergessen hat. Ich weise sie darauf hin, dass sie bereits beide Anlagen beigefügt hat. Versteht sie nicht. Ich frage sie, was sie gerade gemacht hat. Weiß sie nicht. Ich zeige ihr die beiden angehängten Dateien. Sie kann meinen Erklärungen nicht folgen und verweist stattdessen darauf, dass sie schon alt sei und nicht so gut Deutsch könne. Ich erwidere, dass wir jedes Mal genau das Gleiche machen, sie es aber immer wieder vergisst. Das zweite Dokument, welches ihr nie einfällt und doch regelmäßig verschickt wird, ist übrigens das Anschreiben. Mit dieser Information möchte ich sie heute nicht zusätzlich überfordern.
Nach einiger Zeit versteht sie endlich, dass beide Anlagen bereits beigefügt sind: einmal die Zeugnisse, einmal das andere. Abschließend soll sie alles ins Bewerbertagebuch eintragen. Sie tippt, dass beide Online-Bewerbungen waren, ich korrigiere, dass eine Bewerbung per Mail verschickt wurde. Das verwirrt sie dermaßen, dass sie glaubt, beide Bewerbungen seien per Mail versendet worden. Macht für sie keinen Unterschied. Fachkräftemangel live vor Ort. Als Nächstes beschwert sie sich, dass in Deutschland alles so kompliziert sei. Jörg weist sie darauf hin, dass sie jederzeit in die Ukraine zurückkehren kann, wenn da alles so viel besser ist. Sie erwidert, dass dort Krieg ist. Das stimmt, allerdings wohnte sie in einer Stadt weit von der Front entfernt, in der aber viele Kriegsflüchtlinge untergekommen sind. Die würden sich sicher über eine kompetente Lehrerin freuen. Leider lässt sie bei uns jegliche Kompetenz vermissen.
Meine Hinweise, dass es langsam Zeit für einen Plan B wird, ignoriert sie weiterhin konsequent mit dem Hinweis, dass aktuell wenige Stellen frei sind und sie weiter hofft, dass irgendeine ihrer bisherigen Bewerbungen zum Erfolg führen wird. Es ist sicher richtig, sich seine Träume nicht von irgendeinem dahergelaufenen Coach nehmen zu lassen. Weiter bringt sie das vermutlich nicht. Scheitern für Anfänger – Folge 8734.
Zu unserer Überraschung zeigt sie beim nächsten Termin eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Zwei Termine wurden angeboten, sie sollte mitteilen, welchen sie wahrnehmen möchte. Ihre Ein-Wort-Antwort per Mail: „Mittwoch.“ Keine Anrede, kein Text. Nur dieses eine Wort. Ich erkläre ihr, dass das so nicht geht und äußerst unhöflich ist. Es klingt, als wäre ihr alles egal. Und ehrlich gesagt, wirkt es auf mich auch so. Weil sie einsieht, dass ihre Kurzmail dumm war, antwortet sie nochmal ausführlich, was irgendwie auch bescheuert ist.
Ein Teilnehmer bringt tatsächlich seinen Arbeitsvertrag. Einmal kurz durchatmen, bevor es wieder abwärts geht.
Mein neuer Teilnehmer riecht außergewöhnlich – außergewöhnlich stark. Es braucht nur wenige Minuten, bis der ganze Raum dermaßen übel riecht, dass ich kaum noch atmen kann und freiwillig ein Fenster öffne. Es erstaunt mich, dass jemand, der so riecht, eine Freundin hat, bei der er zeitweise wohnt. Andererseits ist das vielleicht gar nicht so ungewöhnlich, wenn beide unangenehm riechen und sich die eigenen Düfte zu einer furchtbaren Duftkuriosität vermischen. Sollte er so zu einem Vorstellungsgespräch gehen, hat er nur dann eine Chance, wenn er dem Arbeitgeber die Sinne vernebelt. Andernfalls wird der Arbeitgeber sich niemals wieder bei dem Mann melden. Aus meiner Sicht als Nicht-Fachmann riecht er zudem nach Alkohol. Wie kann ich ihn wegen des Wiedererkennungswerts nennen? Stinkender Trinker? Trinkender Stinker? Beides passend, aber auch gemein, denn er ist schon ein netter Kerl.
Während er seinen Duft verströmt, kommt die Brasilianerin zu Besuch. Mit der ihr eigenen Attraktivität, für die sie nichts kann, betritt sie unsere Räumlichkeiten. Sie hat uns Mini-Panettone mitgebracht und möchte dieses Jahr noch einmal mit mir essen gehen, weil ich schon zweimal bezahlt habe und sie nun an der Reihe ist. Wir merken uns nächsten Mittwoch vor, weil es in diesem Jahr vermutlich keine weiteren Möglichkeiten gibt. Auch sie ist fasziniert vom Geruch des netten Mannes. Ich fürchte, ich muss ihn irgendwann darauf ansprechen.
Als sein erster Tag bei uns endet, sagt er, dass es ihm Spaß gemacht habe. Ich weiß nicht, wann das zuletzt jemand gesagt hat. Hat es überhaupt schon mal jemand gesagt? Er freut sich jedenfalls auf die nächsten Termine. Auch er gehört zu der Sorte Mensch, bei der gilt: Je mehr er redet, desto mehr entlarvt er sich selbst.
Jörg diskutiert intensiv mit dem ukrainischen Polizisten. Schon das Zuhören ist anstrengend. Da ich diese Woche eine Lösung wegen der Verlängerung möchte, mische ich mich ein und sage, dass wir uns mit dem Jobcenter in Verbindung setzen. Jörg findet das nicht gut. Er meint, dass der Mann das selber regeln kann und nicht immer warten soll, bis irgendwer seine Aufgaben übernimmt. Da hat er Recht, aber dann wird das in dieser Woche nichts mehr. Also entscheide ich, dass wir es übernehmen.
Am nächsten Tag sagt Jörg, dass er das Vorgehen weiterhin nicht gut findet, sich aber darum gekümmert hat, weil ich es so entschieden habe. Da wird mir wieder bewusst, dass ich als Stellvertreter für solche Entscheidungen zuständig bin. Ich erkläre ihm meine Gründe. Auch das ist vermutlich einer der Gründe, warum ich nie Karriere gemacht habe. Wer seine Entscheidungen erklärt, ist in dieser Arbeitswelt kaum zu gebrauchen. Darum bin ich seit vielen Jahren nur der Stellvertreter eines uns weiterhin unbekannten Maßnahmeleiters.
Später erfahre ich, dass die Mutter des ukrainischen Polizisten bereits Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die IFK eingelegt hat, weil sie ihrer Meinung nach zu oft eingeladen wurde. Da Ähnliches auch vom Sohn zu erwarten ist, beenden wir die Maßnahme planmäßig. Alles andere würde nur Ärger bedeuten und niemandem helfen. Die beiden wissen jedenfalls, welche Rechte sie in Deutschland haben. Dass beide nicht wirklich daran denken, irgendwann beruflich tätig zu werden, kann man ihnen kaum verübeln.
Der Bruder vom Dschinn meldet sich ab. Die Nebenwirkungen des Antibiotikums machen es ihm unmöglich, dass er zu uns kommt. Schon bei seiner letzten Maßnahme klagte er über Zahnprobleme, bekam ein Antibiotikum, wurde davon krank und fehlte so lange, bis die Maßnahme aus gesundheitlichen Gründen beendet wurde. Wird auch seine vierte Teilnahme so enden?
Am Freitag liegt erneut eine Papiertüte vom Bavaria Bistro in unserem Briefkasten. Dazu eine leere Verpackung einer Milchschokolade. Vielleicht wäre es interessant eine Kamera anzubringen, um zu schauen, wer den Briefkasten zu seinem privaten Mülleimer macht.
Die Quote liegt dank einer Arbeitsaufnahme mit 35,62 % knapp über der Quotengrenze. Schaffen wir es, bis Jahresende darüber zu bleiben? Gibt es während meines Urlaubs positive Überraschungen? Wird Jörg auch meine Leute wieder in die Spur bringen? Wer wird der Coach der Herzen und was hält unsere Chefin von alldem?
All das und vielleicht noch viel mehr erfahren Sie möglicherweise irgendwann.