Gisa

08.2007 – 12.2009

August 2007. In der Live Station ist nicht viel los und es sind eindeutig zu viele Männer dort. Sam und Waldemar sehen nicht glücklich aus und wollen ins Stade. Dorthin will ich auf keinen Fall. Glücklicherweise taucht um kurz nach 01.00 Uhr der Loerz auf. Sein glückliches Grinsen ist schon von Weitem zu erkennen. Kaum ist er da, quatscht er schon die ersten Frauen an. Sein Plan scheint es zu sein, möglichst viele Frauen in möglichst kurzer Zeit anzuquatschen. Vermutlich kämpft er um einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde. Recht bald verliere ich den Überblick, wen er mir schon alles vorgestellt hat. Ich folge ihm und wir landen bei einer Achtzehnjährigen mit der ich mich kurz unterhalte. Ich bin ihr natürlich zu alt, aber die anderen Typen, die sie und ihre Schwestern gerade vollquatschen, findet sie spießig, weshalb sie meine Gesellschaft vorzieht. Obwohl ich ihr Vater sein könnte, finde ich sie äußerst anziehend. Schade, dass sie nicht auf alte Männer steht. Als Loerz weiter zieht, folge ich ihm.

Wir haben es gerade mit zwei netten Blondinen zur Bar geschafft, als ein kleiner Typ mich anquatscht. Er sagt, dass wir uns nicht kennen. Als ob ich das nicht selber wüsste. Er erzählt, dass er mit seiner Arbeitskollegin Gisa, 28, da sei und dass sie gerne wüsste, ob ich in Begleitung wäre oder eine Freundin habe. Nicht, dass ich wüsste. Ich will Gisa sehen. Sie ist weder unattraktiv noch hässlich. Eher im Gegenteil. Etwa 1,75m groß, schlank, glatte Haare, auffällige Augen und volle Lippen. Keine Ahnung, ob sie mir gefällt. Vermutlich schon. Alleine diese Lippen. Sehr verführerisch. Ich sage ihm, dass ich gleich mal zu ihr rüber gehe. Ich weiß allerdings nicht, ob ich meine, was ich sage. Irgendwie ist mir die Situation auch schon zu kompliziert. Ich will doch nur gucken und Loerz bei seinem Rekordversuch begleiten.
Noch bevor ich mir weitere Gedanken über Gisa machen kann, ist Loerz schon bei ihr, textet sie zu und fordert mich auf, zu ihnen rüber zu kommen. Nun denn. Wir begrüßen uns kurz und der total vergnügte Loerz meint, dass er uns jetzt alleine lässt. Sie sagt mir, dass sie keine Zeit hat und gleich gehen muss. Was soll ich dann hier? Wir wechseln noch ein paar Sätze, ein richtiges Gespräch sieht anders aus. Es passt einfach nicht. Finde ich nicht schlimm. Sie sagt erneut, dass sie jetzt gehen muss. Ich verabschiede mich und will gerade gehen, als sie mich nach meiner Telefonnummer fragt. Verstehe ich zwar nicht, gebe ihr dennoch meine Nummer. Ich vermute, sie hat mit jemandem gewettet, dass es ganz leicht ist, eine Telefonnummer zu bekommen und hat durch mich ihre Wette gewonnen. War aber auch einfach, ich würde fast jeder Frau, die mich fragt, meine Telefonnummer geben.

Die beiden Blondinen haben übrigens kein Interesse mehr, da sie der Meinung sind, dass Loerz ein Aufreißer ist, der alle anquatscht. Da tun sie ihm unrecht, er kämpft doch nur um einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde. Sollte es allerdings nicht um einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde gehen, ist seine Flipperaktion mehr als sinnlos. Daher beschließe ich, dass es an der Zeit ist, die Live Station zu verlassen.

Drei Wochen nachdem ich ihr meine Telefonnummer gegeben habe, bin ich mir sicher, dass sie nicht anrufen wird, weil das mit der Telefonnummer nur eine Wette war, die sie so gewonnen hat. Doch ich irre, wie so oft in letzter Zeit. An einem Samstagmittag ruft sie an. Das Gespräch verläuft ähnlich wie damals, als sie meine Telefonnummer haben wollte, irgendwie geschäftsmäßig und emotionslos, wie eine Terminvereinbarung unter Geschäftsleuten. Trotzdem bin ich nicht abgeneigt, denn wenn sich eine Frau die Mühe macht, nach einer Verabredung zu fragen, dann lehnt man es nicht ab, es sei denn, die Frau ist ein Monster. Dann wäre eine Ablehnung zu akzeptieren. Aber Gisa sieht absolut nicht aus wie ein Monster.

Auf die Minute pünktlich erscheine ich zur Verabredung. Sie ist schon da und ich erkenne sie auch sofort. Beide sind wir nervös, dennoch dauert es nicht lange, bis ein Gespräch in Gang kommt. Sie ist mir sympathisch. Ich gucke sie mir genauer an und sehe nichts, was mir nicht gefällt. Wir sehen uns in die Augen. Keiner wendet den Blick ab. Es läuft gut. Als sie zum Abschluss auch noch die Getränke bezahlt, ist alles so, wie ich es mir vorgestellt habe. Dabei haben meine Kollegen immer behauptet, dass der Mann für die Frau zahlen muss. Ich war schon immer der Meinung, dass es kein Problem ist, wenn die Frau öfter mal zahlt. Ein weiterer Pluspunkt für sie.
Wir gehen in ein anderes Café, um uns weiter kennenzulernen. Die meiste Zeit rede ich, was sie anscheinend nicht stört. Ich frage mich, wie es sein kann, dass es so gut läuft. Spätestens jetzt bin ich mir sicher, dass wir uns wiedersehen werden. Erneut schauen wir uns tief in die Augen.

Es ist bereits dunkel, als wir uns auf den Weg machen, um etwas zu essen zu besorgen. Nur mit Mühe schaffe ich es, meine Hände bei mir zu behalten. Jetzt nur nichts Dummes tun. Nachdem wir gegessen haben, bringt sie mich zu meinem Auto. Wir wollen uns wiedersehen. Dann schweigen wir, bis ich sie nach einem Abschiedskuss frage und ihn auch bekomme. So endet ein schöner Abend. Vielleicht der Anfang von etwas Neuem. Ich bin sehr zufrieden.

Wenige Tage später wollen wir gemeinsam ins Kino gehen. Als ich sie um 18.00 Uhr zum Kino abhole, bin ich mir noch immer nicht sicher, ob das, was zwischen uns läuft, wirklich das ist, was ich will und ob ich es noch stoppen kann. Andererseits habe ich keine Ahnung, was da zwischen uns überhaupt läuft. Und Ahnung von Frauen habe ich noch weniger.
Als sie von der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sie bereits auf mich wartet, zu mir herüber kommt, betrachte ich sie genau. Ist sie überhaupt mein Typ? Eine Frage, die vermutlich längst beantwortet ist. Warum sonst sollte ich sie heute abholen? Ich mag ihre Figur, ihre Haare, die Art, wie sie sich bewegt. Warum also denke ich darüber nach, ob sie mir gefällt?
Als sie mich im Kino fragt, ob sie mich einladen soll, kann ich unmöglich nein sagen, obwohl ich es für einen kurzen Moment irgendwie unangenehm finde, dass sie schon wieder zahlt. Doch irgendwer muss halt zahlen, und so verdränge ich das unangenehme Gefühl sofort wieder. Später lädt sie mich noch ein, etwas mit ihr zu trinken. Diesmal habe ich kein schlechtes Gewissen und nehme die Einladung sofort an. Schließlich bin ich arbeitslos und obendrein gefällt es mir gut, wenn eine Frau für mich bezahlt.

Wir treffen uns weiter, und je besser sie mich kennenlernt, desto merkwürdiger und gestörter muss ich ihr vorkommen. Ich rede zu viel Unsinn, benehme mich unreif, weil ich unreif bin. Sie ist klug und erkennt meine Unzulänglichkeiten immer mehr. Für eine Frau, die gewisse Erwartungen hat, bin ich nicht der Richtige. Vermutlich ist sie auch nicht die Richtige für mich. Wer weiß das schon?

So kommt es, dass wir öfter telefonieren, als uns zu sehen. Telefonieren klappt allerdings auch entspannter, als sich zu treffen. Das ist schade, weil sie doch einen so schönen Körper hat und eine sehr interessante Frau ist.

Als ich sie nach langer Zeit mal wieder besuche, sagt sie mir, dass das mit uns nichts wird. Wie unpassend, hatte ich mich doch so darauf gefreut endlich wieder Sex mit ihr zu haben. Nicht, dass der Sex zwischen uns bisher entspannt war, aber heute, so war ich mir sicher, hätte unser sexueller Durchbruch stattgefunden. Und jetzt das. Völlig perplex und überrascht stehe ich in ihrem Wohnzimmer und bin etwas von der Rolle. Obwohl ich ihre Entscheidung, wenn ich’s recht bedenke, verstehe, bin ich nicht wirklich in der Lage, das zu verarbeiten. Fühle mich einfach nur mies. Gisa erklärt, warum ich für eine Beziehung nicht in Frage komme und ich bin ziemlich getroffen, denn sie hält mich für einen ziemlich kaputten Typen, was natürlich stimmt, ich aber nicht hören will. Da komme ich mir direkt noch minderwertiger vor. Obwohl ich ihr aufmerksam zuhöre, bekomme ich nicht alles mit, was sie aufzählt. Ich bin nicht gut genug, zu kaputt, ungeeignet für eine Beziehung. Das sind die Sachen, die ich allerdings deutlich höre. Zurückgewiesen zu werden ist einfach nichts für mich. Und Kritik, die nicht einmal von der Hand zu weisen ist, ist erst recht nichts für mich. Unverzüglich wird mir schlecht und ich werfe eine Diazepam ein. So hoffe ich, vor der Realität fliehen zu können. Klappt aber nicht. Wie ein Häufchen Elend sitze ich auf ihrem Sofa und habe trotz allem vollstes Verständnis für ihre Entscheidung. Wenn ich nicht unmittelbar betroffen wäre, würde ich ihr vermutlich zu ihrem Entschluss gratulieren. Das ist der Nachteil von klugen Frauen, früher oder später können sie mit kaputten Typen wie mir einfach nichts mehr anfangen. Wir reden noch eine Weile und einigen uns dann darauf, Freunde zu bleiben, bevor ich in einem durchaus verwirrten Zustand zurück nach Hause fahre.

Den Abend hatte ich mir definitiv anders vorgestellt. Auf der Fahrt nach Hause denke ich, dass ich in Zukunft keine weiteren Versuche, eine Beziehung mit einer Frau einzugehen, unternehmen werde. Ist zu deprimierend und ich bin zu kaputt für die Frauen. Der ein oder andere Mitleidsfick – für 57 davon hätte ich sogar noch Kondome – muss bis zu meinem Lebensende reichen. Manchmal habe ich echt keine Lust mehr, ein Versager zu sein. Aber wie kann man aufhören, ein Versager zu sein? Was mich angeht, so glaube ich, dass ich es nicht kann. Vermutlich auch nie können werde.

Weil Gisa und ich beschlossen haben, dass wir Freunde bleiben, treffen wir uns, um gemeinsam etwas zu trinken. Ich muss gestehen, dass ich bei unserem Treffen etwas verunsichert bin. Dennoch bin ich gerne mit ihr zusammen. Leider verläuft unser Gespräch nicht wirklich nach meinem Geschmack, denn Gisa weist mich abermals darauf hin, dass ich ein ziemlich kaputter und anstrengender Typ bin und mal über eine Therapie nachdenken sollte. So etwas will ich zwar nicht hören, aber ich bin in einer dermaßen miserablen Verfassung, dass ich für solche Dinge durchaus offen bin. Sie erzählt mir von einer Supervisorin und sagt, dass ich da gut aufgehoben sein könnte. Ich erkläre mich bereit, es zu versuchen. Mein Leben ist eh gerade alles andere als prickelnd und ich bin so unzufrieden und ratlos, wie noch nie zuvor. Vielleicht kann eine Supervisorin mich wieder halbwegs in die Spur bringen. Wir reden noch eine Weile über mich, das Leben und die Supervisorin, dann verabschieden wir uns. Ich glaube, die Idee mit der Supervisorin ist nicht schlecht. Ich werde es einfach mal versuchen.

Einige Zeit später gehe ich tatsächlich regelmäßig zu der empfohlenen Supervisorin. Mit Gisa treffe ich mich auch weiterhin. Sie ist durchaus überrascht, dass ich ihren Rat befolgt habe und versuche auf diese Weise wieder in die Spur zu kommen. Vermutlich war die Supervisorin meine Rettung in letzter Sekunde. Ich bin Gisa jedenfalls sehr dankbar für ihren Rat beziehungsweise Vorschlag.

Silvester 2007 verbringen Gisa und ich spontan zusammen. Wir wandern durch Dortmund, trinken hier und da etwas und um Mitternacht verzichten wir darauf, uns ein Frohes Neues Jahr zu wünschen. Und aufs Umarmen verzichten wir auch. Das ist schade, weil ich sie echt gerne umarmt hätte. Wir sind echt komisch. Trotzdem ist es ein durchaus gelungener Jahreswechsel.

Zunächst haben wir weiter recht regelmäßig Kontakt und treffen uns auch gelegentlich, doch im Jahr 2009 wird unser Kontakt seltener. Silvester 2009 haben wir zum letzten Mal per SMS Kontakt.

Warum wir danach keinen Kontakt mehr haben, ist schwer zu sagen. Doch obwohl ich es schade finde, unternehme ich keinen Versuch, diesen Zustand zu ändern. Vielleicht war unsere Zeit einfach um.

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