Molly

2005

Mittlerweile bin ich 35 Jahre und nachdem ich sechs Jahre kein Single mehr war und in der Beziehung mit Petra tatsächlich auch Sex hatte, frisch zurück auf dem Singles-Markt. Trotz der Beziehung habe ich keine Ahnung, wie ich es anstellen kann, wieder eine Frau zu erobern. Ich weiß lediglich, dass ich von der Droge Namens Sex, die ich kosten durfte, noch mehr will. Ich will es vermutlich sogar noch mehr als zu der Zeit, zu der ich noch nicht davon gekostet hatte. Das wird es sicher nicht einfacher machen, aber ich kann auch nicht nichts tun. Da ich in freier Wildbahn unfähig bin, mir eine Frau zu angeln, bleibt mir nur die weite Welt des Internets. Und so versuche ich es in diversen Chats, was meist nur zu weiteren Frustrationen führt.

Ich sitze wieder einmal in meinem kleinen Zimmer in der Wohnung meiner Eltern, aus der ich vielleicht niemals ausziehe. Nicht nur in Sachen Beziehungen bin ich ein Versager, ich bin es auf ganzer Linie. Welche halbwegs gescheite Frau möchte sich auf einen arbeitslosen 35-jährigen einlassen, der noch in seinem Kinderzimmer wohnt? Wie Petra mich so lange ertragen konnte, ist mir ein Rätsel. Immerhin hat sie irgendwann eingesehen, dass es mit mir keine Entwicklung gibt. Ich wurde älter, aber nicht reifer, alterte quasi nutzlos vor mich hin und verzichtete auf jegliche Form des persönlichen Fortschritts. Ich bin gegen alles und voller Frust über mein eigenes Versagen. Unkooperativ, stur, beratungsresistent. Auf der Suche nach etwas, ohne es benennen zu können. Dazu diese großartige Portion Selbsthass. Wie soll mich jemand leiden können, wenn ich es selbst nicht kann? Was ich gut kann, ist, andere mit Worten zu brüskieren. Nicht in einer Beziehung, da bin ich anders.

Was tut man, wenn man weiß, dass das Leben nicht unbedingt besser wird, wenn man jemanden fürs Bett findet? Vermutlich nicht chatten, aber bei mir sind Hopfen und Malz verloren. Ich bin ein Single ohne Sexleben mit wenig ansprechender Optik, für den Frauen sich nicht interessieren. Ein Blick in den Spiegel bestätigt mir, dass sie dies zu Recht nicht tun. Also bleibt mir scheinbar nichts anderes übrig als immer wieder zu chatten und in der großen Masse der Chatter unterzutauchen und vielleicht mit einer Frau in Kontakt zu treten. Und kaum bin ich wieder in der abstrusen Chatwelt, kommuniziere ich unter anderem mit einer möglicherweise 25jährigen, die mich schnell langweilt, weil unser Gespräch, wie die meisten Chatgespräche, die ich derzeit fast täglich führe, völlig belanglos ist. Vermutlich liegt es an mir, dass das so ist. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie ein Foto von mir möchte. Ich kenne das und weiß was passiert, wenn ich das Foto verschickt habe. Ich höre nie wieder etwas von der Frau. Zumindest ist es zumeist so. Mein Antlitz erschreckt die Frauen immer und immer wieder. Vielleicht strahle ich auf den Fotos aus, was ich bin. Zumindest in meinen Augen bin. Trotzdem verschicke ich auch diesmal ein Foto von mir. Überraschenderweise schickt sie mir daraufhin ein Foto von sich. Beim Betrachten des Fotos wünsche ich mir allerdings, sie hätte genauso reagiert wie all die Frauen vor ihr, denn sie ist leider nicht mein Typ. Zwar sehe ich auf dem Bild nur ihr Gesicht, aber das lässt auf einige Kilo zu viel schließen, was nicht schlecht sein muss, aber in diesem Fall vermuten lässt, dass mir das nicht gefällt. Manchmal kommt es eben doch auf das Gesicht an. Dennoch chatte ich weiter mit ihr. Allerdings fortan sehr wortkarg. Sie fragt, was denn los sei mit mir. Ich antworte, ich sei schüchtern und plötzlich wird die Kommunikation mit ihr ganz anders. Sie macht mehrfach eindeutig zweideutige Bemerkungen, was mir durchaus gut gefällt. Deshalb vergesse ich beinahe mutwillig, dass mir ihr Gesicht nicht zusagt. Zweideutige Anmerkungen erwecken mich zum Leben und plötzlich habe ich irgendwie sogar Spaß. Dann, plötzlich und ohne Vorwarnung, gibt sie mir ihre Telefonnummer und beendet den Chat. Nun habe ich die Telefonnummer von einer Frau und habe nicht einmal danach gefragt. Und was mache ich gewöhnlich, wenn ich eine Telefonnummer habe? Nichts. Doch heute bin ich völlig außer mir und rufe sie an. Ihre Stimme klingt nett. Das Kind, welches im Hintergrund schreit, beachte ich einfach nicht weiter, denn ich will ja nicht heiraten. Wir gehen nicht wirklich darauf ein, wer wir wirklich sind. Wir sind wie die Oberflächlichkeit eines Chats. Auf der Suche nach irgendwas. Am Telefon bleibt sie zweideutig und meine Bedenken wegen ihres Aussehens sind wie weggeblasen. Vermutlich ist das Blut aus dem Kopf in eine tiefere Region gewandert. Dennoch sage ich ihr nach einer Weile, dass ich Telefongespräche zu teuer finde und das Gespräch beenden werde. Ziemlich konsequent für meinen fast schon erregten Zustand.

Ein paar Tage später rufe ich sie erneut an. Vielleicht bin ich doch nicht so konsequent, wie ich dachte und es ist völlig klar, dass sich mein Gehirn zwischen meinen Beinen befindet, denn sonst würde ich nicht so handeln. Meiner Meinung nach findet man im Chat keine Beziehung, vielleicht Zerstreuung und Sex. Sex glaube ich haben zu wollen, eine Beziehung nicht, weil ich dazu nicht in der Lage bin. Ich halte mich für eine Zumutung. Belanglose Begegnungen ohne Tiefe sind für mich das Beste. Oberflächlichkeit, um mich nicht wirklich mit mir auseinandersetzen zu müssen. Zumindest nicht mehr, als ich es eh ständig mache. Meine Lust, meine Geilheit, soll irgendwas verbergen, übermalen. Und jetzt bin ich im Gespräch mit einer Frau und es läuft so, wie es vermutlich nicht anders laufen kann. Es langweilt mich von Anfang an. Belanglose, aneinandergereihte Worte ohne großen Unterhaltungswert. Kurz bevor ich einschlafe, gibt sie allerdings plötzlich Gas. Vielleicht hat sie gemerkt, dass ich mich langweile, vielleicht hat sie sich auch selbst gelangweilt. Fortan dreht sich das Gespräch nur noch um Sex und ich bin hellwach und aufmerksam. Eventuell ist Sex das uns verbindende Element. Es ist echt blöd, wenn man untervögelt ist. Wenn doch nur ihr markerschütterndes, erdbebenartiges Lachen nicht wäre. Ich sollte aufhören, sie zwischendurch zum Lachen zu bringen. Ihr Lachen sollte mich eigentlich daran erinnern, was für einen Unsinn ich hier treibe, doch weit gefehlt. Ich bin dermaßen weggetreten, dass wir sogar ein Treffen am kommenden Wochenende vereinbaren. Ich muss definitiv den Verstand verloren haben, denn ich will mich tatsächlich mit einer Frau treffen, deren Gesicht mir nicht zusagt und die mich nicht weiter interessiert. Ich muss es echt nötig haben.

Bevor es zum Treffen kommt, sagt sie, wenig überraschend, ab. Keine Ahnung, was passiert ist, aber scheinbar will sie mich doch nicht vernaschen. Vielleicht ist zwischen uns doch zu wenig, um sich tatsächlich zu treffen und sie hat es rechtzeitig erkannt. Oder einen interessanteren Mann getroffen. Davon gibt es im Chat jede Menge. Wie es scheinbar üblich ist, hören wir danach nichts mehr voneinander. Es ist, als hätte es diese Zeit gar nicht gegeben. Als wäre es eine eingebildete Geschichte eines verstörten Mannes, von der nichts zurückbleiben wird. Vielleicht nicht einmal die Erinnerung.

Ich bin wahrlich kein Mann, der sich wegen großer Nachfrage beklagen kann. Vielleicht sollte ich mit dem Unsinn aufhören, im Chat nach Abenteuern suchen. Bringt ja nicht wirklich was und mein Verstand funktioniert nur bedingt, wenn ich chatte. Das kann nicht gut gehen. Einfach nicht gut gehen. Allerdings lenkt es mich für eine Weile ab.

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