Matratzenverkäufer

Kaum habe ich mich von meiner Sektenzugehörigkeit beziehungsweise meiner Tätigkeit als Finanzberater erholt und mich an mein neues, altes Leben als Arbeitsloser gewöhnt, bin ich auch schon wieder berufstätig. Plötzlich und unerwartet bin ich ein Matratzenverkäufer. Und so hat es sich zugetragen:

Knapp vier Monate nach Beginn meiner Arbeitslosigkeit, in einem schwachen Moment und genötigt von Petra, die behauptet, dass Arbeitslose bald gar kein Geld mehr bekommen und eines Tages sogar in Sammellagern untergebracht würden, entschließe ich mich, obwohl mir der Gedanke an ein Leben in einem solchen Sammellager zu gefallen beginnt, weil er Erinnerungen – zumeist positiver Art – an meine Aufenthalte in Jugendherbergen hervorruft, ein paar Bewerbungen zu schreiben.

Vorstellungsgespräche und ein Arbeitsvertrag
Dass diesmal alles anders kommen wird, kann ich nicht ahnen. Doch innerhalb kürzester Zeit habe ich drei Termine zu Vorstellungsgesprächen. Das finde ich zwar einigermaßen bedenklich, dennoch mache ich mich auf den Weg, um zwei dieser Vorstellungstermine wahrzunehmen. Und ehe ich mich versehe oder klar denken kann – falls ich das jemals konnte – habe ich die Zusage für den Job als Matratzenverkäufer. Meine berufliche Zukunft geht plötzlich und unerwartet bei Matratzen Concord weiter.

Ich bin wie gelähmt, kann weder fliehen noch den Job ablehnen und bin fortan, nach all den Jahren der Arbeitslosigkeit, Fortbildungen und der sinnlosen Finanzberatertätigkeit, ein berufstätiger Arbeitsloser. Das ist mehr als verrückt, und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Erste Arbeitstage im September 2005
Die ersten drei Tage sind maximal verwirrend. Ich werde von einer Kollegin in Lünen angelernt und komme mir dumm und unwürdig vor. Ich kann nicht mit Kunden reden – und erst recht nicht – wenn eine Kollegin mich dabei beobachtet. Sie ist aber sehr wohlwollend und redet mir gut zu. Ich glaube ihr zwar nicht, weil ich grundsätzlich nichts von mir halte, aber ich brauche Aufmunterung, weil ich schon ab nächster Woche alleine in der Filiale in Datteln arbeiten muss. Dreißig Stunden in der Woche.

Es ist Sommer, und ich stehe den ganzen Tag in einem Geschäft und verkaufe Dinge, wobei es den meisten egal ist, wer der Verkäufer ist und ob der was kann. Sie kaufen einfach nur. Oft ist aber außer mir niemand im Laden. Die Zeit nutze ich, um den Laden optisch ein wenig aufzupeppen. Das scheint mein Ding zu sein: alles aufräumen und freundlicher präsentieren. Ordnung schaffen.

Doof
Kinder erkennen immer recht schnell, wenn sie einen „Doofen“ vor sich haben. Und im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen teilen sie dies dem „Doofen“ auch gleich mit. Eines dieser klugen Kinder habe ich heute bei mir im Laden. Schon nach wenigen Minuten sagt der etwa vierjährige Junge mit der unglaublichen Menschenkenntnis „Du bist doof“ zu mir. Kinder können ja so gemein sein. Morgen kaufe ich mir einen „Kinder müssen draußen bleiben“-Aufkleber und klebe ihn direkt neben den „Hunde müssen draußen bleiben“-Aufkleber. Mal gucken, wer dann der „Doofe“ ist.

Kunde des Tages
Er betritt den Laden am frühen Nachmittag und keiner weiß warum. Er spricht miserabel Deutsch, denn als ich ihn frage, ob ich ihm helfen kann, sagt er nur „Ich gucken“ oder etwas in der Art. Also lasse ich ihn gucken und beobachte, wie er die Angebote inspiziert. Er nimmt ein Steppbett hoch, scheint es zu wiegen und liest dann die Pflegehinweise. Plötzlich verzieht sich seine Miene, er hebt die Hand, als ob er irgendwas oder irgendwen schlagen will, und stößt einen kurzen Fluch aus. Ich befürchte schon, er verprügelt erst das Steppbett und dann mich, doch dann begutachtet er spontan ein anderes Steppbett. Das gefällt ihm anscheinend auch nicht, und so kommt er zu mir und sagt „Das alles!?“. Keine Ahnung, was genau er meint, also drücke ich ihm einen Werbeprospekt in die Hand. Er ist überrascht und steht nun völlig verwirrt mit dem Werbeprospekt in der Hand im Laden, betrachtet die Bildchen, wirft einen kurzen Blick auf die Rückseite, gibt mir den Prospekt zurück und verschwindet. Was wollte dieser Mann bloß?

Luftballon
Wie absurd ist es eigentlich, wenn man genau zu dem Zeitpunkt, in dem ein Kunde das Geschäft betritt, einen Luftballon auf seinem Kopf balanciert?

Ein heißer Sommertag
Es sind über 30 Grad, Kunden gibt es kaum. Der Laden ist schlecht belüftet, es ist stickig, langweilig und ermüdend. Ich lege mich auf eine der teuren Matratzen im hinteren Bereich. Nichts passiert. Stundenlang. Ich nicke kurz ein. Plötzlich ein Geräusch, Kundschaft, ich springe aus dem Bett. Verschlafen, orientierungslos. Eine Frau fragt nach irgendwas. Ich glaube, es verstanden zu haben, führe sie ans andere Ende des Ladens, zeige ihr irgendwas. Danach hat sie nicht gefragt, langsam werde ich wach. Sie wiederholt ihr Anliegen. Ich entschuldige mich, dass ich sie falsch verstanden habe, schiebe es auf die Hitze. Sie ist verständnisvoll. Gerade nochmal die Kurve gekriegt.

Arbeitsalltag
Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, ich habe mich an mein Leben als vorübergehend nicht Arbeitsloser gewöhnt. Möglicherweise macht es mir sogar Spaß.

Die Filiale ist aufgeräumt, ich werde nicht mehr total nervös, wenn viele Kunden gleichzeitig im Laden sind und ich verkaufen und kassieren muss. Ich kann Fragen beantworten, habe auf fast allen Matratzen, die wir verkaufen, schon gelegen, kenne die meisten Namen und Unterschiede. Ich bringe nach Feierabend das Geld zur Bank, arbeite alleine, habe meine Ruhe – alles scheint zu laufen. Vielleicht ist das ja der Job, der für mich gemacht wurde. Mal sehen, wie lange es so weitergeht.

Scheißer
Eine Familie ausländischer Herkunft mit zwei Kindern sucht irgendwas. Die Kommunikation ist schwierig, es ist kurz vor Feierabend. Sie gehen durch den Laden, trennen sich, ich misstraue ihnen. Vielleicht bin ich ein Rassist. Was sie wollen, verstehe ich nicht. Plötzlich muss ein Kind unfassbar dringend auf die Toilette. Ich sage, dass es hier nicht geht. Wir diskutieren, ich gebe nach. Mann und Kind gehen zur Toilette, kommen irgendwann wieder, sie kaufen nichts. Ich schließe den Laden ab.

Nächster Tag. Es stinkt fürchterlich im hinteren Bereich. Ich gehe dem Geruch nach und stehe dann vor der Toilette. Die Scheiße vom Vortag liegt in der Schüssel. Abziehen scheint man nicht zu müssen, wenn man auswärts scheißt. Mir ist schlecht, ich muss würgen, ziehe die Scheiße ab. Der Geruch bleibt noch eine Weile. Nie wieder lasse ich jemanden auf die Toilette. Wer nicht abzieht, der kann auch auf die Straße scheißen.

Langsam
Benutze niemals das Wort „langsam“, wenn ein Vorgesetzter – in meinem Fall Herr A., den ich obendrein für unfähig halte – eine Frage stellt. Denn langsam ist ein Wort, das einen Vorgesetzten, selbst wenn man ihn für unfähig hält, auf komische Ideen bringen kann. Jedenfalls darf ich nun am kommenden Montag eine Reise ans Ende der Welt machen (natürlich weiß ich, dass Dülmen nicht wirklich das Ende der Welt ist), um einen der besten Verkäufer des Unternehmens zu bewundern und um von ihm zu lernen. Gerade will ich meine grenzenlose Freude über diese Gelegenheit rausbrüllen, da trifft mich der nächste Schlag. Zusätzlich darf ich in naher Zukunft auch noch an einem Seminar teilnehmen. Natürlich nicht an irgendeinem Seminar, sondern an einem Motivationsseminar, welches vermutlich an einem anderen Ende der Welt stattfindet. Ich sehe mich schon „Tschakka“ rufend über glühende Kohlen laufen und dabei Matratzen verkaufen. Ein abstoßender Gedanke. In mir keimt immer mehr der Verdacht, dass ich kein guter Matratzenverkäufer bin und keine große Zukunft in diesem Unternehmen habe. Nur warum geben die vorher noch Geld für mich aus? Das wird vermutlich für immer ihr Geheimnis bleiben.

Versetzt
Als mein Klassenlehrer mir damals mitteilte, dass ich versetzt werde, war ich zumeist positiv überrascht und fand es okay. Als mein Bezirksleiter mir mitteilt, dass ich versetzt werde, finde ich das weder positiv noch überraschend oder gar okay. Doch da ich es in knapp fünf Monaten geschafft habe, eine der besten Filialen des Bezirks so runterzuwirtschaften, dass sie nun zu den schlechtesten des Bezirks gehört, bleibt ihm wohl keine andere Wahl. Dabei bin ich dafür nicht allein verantwortlich, denn die Filiale leite ich mit einer Kollegin. Und außerdem ist es meiner Meinung nach wenig verwunderlich, dass die Umsätze einbrechen, wenn in der Nähe die Konkurrenz ein Geschäft eröffnet hat. Doch vermutlich verstehe ich von all dem nichts und bin tatsächlich nur ein schlechter Verkäufer. Daher werde ich in den nächsten Tagen nach Herne versetzt. Die Filiale dort lief schon immer schlecht, deshalb sollte es selbst mir nicht möglich sein, dort großen Schaden anzurichten. Vielleicht sollte ich auf diese Versetzung verzichten und unverzüglich wieder zurück zur Agentur für Arbeit wechseln. Da passe ich einfach besser hin. Ich bin der geborene Arbeitslose und definitiv zu blöd, um als Verkäufer zu arbeiten. Das ist echt erbärmlich.

Erste Arbeitstage in Herne
Mein erster Tag in der Filiale in Herne. Mal schauen, wie lange ich brauche, um sie runterzuwirtschaften, bzw. bis man mir vorwirft, dass ich nicht gut genug bin, um weiter hier beschäftigt zu sein. Bis jetzt bin ich allerdings nicht ganz so erfolgreich dabei. Aber keine Sorge, Rom wurde schließlich auch nicht an einem einzigen Tag erbaut. Und falls ich nicht schlecht genug sein werde, bin ich mir sicher, dass mein Vertrag trotzdem nicht verlängert wird. Alles andere würde mich doch sehr wundern.

Der zweite Arbeitstag läuft schon besser. Ich habe die Einnahmen mehr als halbiert, und es sieht so aus, als wäre ich auf einem guten Weg. Mein Arbeitsvertrag endet allerdings schon am 14.03.2006. Ob die Zeit ausreicht, um den Laden richtig runter zu wirtschaften? Das könnte selbst für mich schwierig werden.

Monatsfazit eines schlechten, sich selbst überschätzenden Matratzenverkäufers
So sehr ich mich auch bemühe, die Verkaufszahlen zu verringern, so erfolglos bin ich dabei. Ich bin nicht einmal schlechter als die Kollegin, die schon lange in dieser Filiale arbeitet. Im Gegenteil. Je länger ich hier bin, desto besser scheine ich zu werden, und die Filiale sieht auch viel aufgeräumter aus, seit ich hier bin. Bin ich vielleicht doch nicht so schlecht, wie man es mir nachsagt, ohne es wirklich auszusprechen, oder verstehe ich das System nur nicht? Versuche ich mir nur einzureden, nicht wirklich schlecht zu sein, um mich nicht wirklich schlecht zu fühlen? Sind in meinem Fall Verkaufszahlen nur ein vorgeschobenes, falsches Argument? Denn selbst in der Filiale in Datteln war ich nicht schlechter als die Kollegin, die dort schon seit über zehn Jahren beschäftigt ist.
Da mittlerweile alle, die mit mir bei diesem Matratzendiscount angefangen haben, ihre Verträge verlängert bekommen haben, kann ich mit Sicherheit davon ausgehen, dass ich bald wieder arbeitslos bin. Jeder kriegt halt das, was er verdient.

Letzter Arbeitstag?
Laut Vertrag ist heute mein letzter Arbeitstag. Demnach bin ich ab morgen wieder arbeitslos. Wie in alten Zeiten. Aber vielleicht kommt ja auch alles anders. Wer weiß das schon? Ich mache mich jedenfalls ordnungsgemäß auf den Weg zur Arbeit und schaue, was passiert.

Pünktlich schließe ich, vermutlich zum letzten Mal, die Filiale auf und frage mich, warum ich überhaupt noch herkomme. Man will mich hier nicht, wieso also komme ich her? Noch bevor ich eine Antwort finde, kommen die ersten Kunden. Kaum sind die Kunden weg, klingelt das Telefon. Es ist der Bezirksleiter, der mir mitteilt, dass er gleich vorbeikommen wird. Hat also er die Aufgabe, mir mitzuteilen, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Einer muss es ja tun, und er hat mich schließlich auch eingestellt, da ist es nur konsequent, wenn er mich auch entfernt.
Noch bevor der Bezirksleiter mich besucht, um mir mitzuteilen, dass ich nicht mehr benötigt werde, betreten meine vermutlich letzten Kunden den Laden. Während ich sie berate, erscheint auch der Bezirksleiter. So sieht also jemand aus, der einem mitteilen wird, dass man nicht gut genug ist, um weiter beschäftigt zu sein. Er sah schon mal fröhlicher aus und setzt sich an die Kasse, während ich dem älteren Ehepaar, meinen letzten Kunden, Waren im Wert von über 1.300 € verkaufe. Nicht unbedingt schlecht für einen schlechten Verkäufer. Die Kunden fragen, ob ich auch in Zukunft ihr Ansprechpartner sein werde und ich lüge sie an, anstatt ihnen zu sagen, dass ich in wenigen Augenblicken nicht mehr hier beschäftigt sein werde. Ich bin ein Feigling, aber ein Feigling, der ein letztes Mal eine gute Provision verdient hat. Die Kunden verabschieden sich und auch meine Verabschiedung steht kurz bevor.

Es ist 11.15 Uhr als mein Bezirksleiter mir mitteilt, dass mein Vertrag nicht verlängert wird und er liefert mir die Begründung, welche mir besonders gut gefällt, gleich mit. Ich sah beim letzten Seminar so unmotiviert aus, dass Herrn A., der ja auch sein Vorgesetzter ist, keine andere Wahl blieb als meinen Vertrag nicht zu verlängern. Sehr witzig. Herrn A. hat also meine Visage nicht gefallen, vielleicht war es auch die Kleidung. Genau festlegen will sich der Bezirksleiter nicht. Möglicherweise hat Herr A. auch gemerkt, dass ich ihn für einen unfähigen Trottel halte. Vielleicht hätte ich ihn nicht immer so fragend und angewidert anschauen sollen, wenn er irgendeinen Müll erzählt hat. Oder lauter über seine flachen Witze lachen sollen. Wenn er doch nur ein wenig witziger gewesen wäre. Dummerweise kann ich mich nicht anders verhalten, wenn ich jemanden für einen Blödmann halte. Nur gut, dass man mir sonst anscheinend nichts vorzuwerfen hat. Ein bis zwei Gesichtsoperationen, bei denen ich mir ein Grinsegesicht modellieren lasse, dann bewerbe ich mich vielleicht erneut irgendwo.

Nun bin ich also tatsächlich wieder arbeitslos und habe plötzlich irgendwie Lust, etwas kaputt zu machen. Das mache ich aber nicht, weil es nicht meine Art ist. Daher verabschiede ich mich ordnungsgemäß von meinem Bezirksleiter und mache mich auf den Weg zurück ins Leben eines Arbeitslosen. Da kenne ich mich eh viel besser aus.

Normalerweise machen mir Entlassungen nichts aus, doch irgendwie war der Job wie für mich geschaffen. Ich musste lediglich dreißig Stunden in der Woche arbeiten und an der Tätigkeit gab es auch nicht wirklich etwas auszusetzen. So hatte ich nebenher noch genügend Zeit, um Filme zu gucken und merkwürdige Berichte zu verfassen. Und mit dem Geld, das man mir für meine Dienste zahlte, konnte ich mir hin und wieder ein paar sinnlose Dinge gönnen. Alles in allem ein angenehmer Job. Ich sollte wirklich langsam lernen, meine Meinung über Vorgesetzte nicht immer so deutlich mitzuteilen. Etwas mehr Zurückhaltung und ein gewisses Maß an Vernunft können manchmal nützlich sein. Aber leicht wird das nicht, wenn ich mal wieder einen so dummen Vorgesetzten habe. Ich finde, dass man dumme Vorgesetzte verbieten sollte. Die Gefahr, dass ich in nächster Zeit wieder einen dummen Vorgesetzten habe, ist zum Glück nicht besonders hoch, da ich von einer länger andauernden Arbeitslosigkeit ausgehe.

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