Silvester

Als Manni mich gegen 19.40 Uhr zum traditionellen
Silvestertreffen bei Petra abholt, habe ich bereits über fünf Stunden Musik
gehört, währenddessen eine halbe Stunde auf dem Fahrradergometer geschwitzt und
unglaublich lange, verdammt heiß, geduscht. Eine Kleinigkeit gegessen muss ich
auch irgendwann haben. All das wäre nicht erwähnenswert, wenn ich während
dieser Zeit nicht so entspannt gewesen wäre. Das lästige Denken wich
Gedankenlosigkeit und Tagträumen, die Schwere verließ mich und ich hätte diesen
Zustand gerne noch weitere Stunden genossen. Es ist unglaublich, dass so etwas
scheinbar nur an Silvester möglich ist. Es scheint keine Zeitbeschränkungen zu
geben, kein Morgen, kein ödes Leben außerhalb. Nur die Musik und mich. Der Rest
der Welt ist so weit weg von mir, wie es sich gehört. Leider verhindert die
Tradition, dass ich den Musikgenuss fortsetze. Und so verstummt die Musik und
ich muss raus in die Welt, die bis eben nicht mehr existierte. Musik hören und
sterben, das wäre was. Vielleicht schaffe ich das ja im nächsten Jahr. Bis es
soweit ist, hänge ich meinen Erinnerungen an den Tag nach. Lange wird es aber
sicher nicht dauern bis diese Erinnerungen so weit weg sind, dass ich nicht
mehr glauben kann, dass ich tatsächlich vorübergehend so entspannt und das
Leben so leicht war. Willkommen zurück in der Realität. Auf zu Petra.
Petra hat fast alles vorbereitet und es muss nur noch der Tisch gedeckt
werden. Zusammen mit Markel übernehmen wir diesen Teil. Wie üblich sind so
viele Nahrungsmittel vorrätig, dass zwei weitere Gäste locker mit gefüttert
werden könnten. Der Raclette-Grill, den Petra im letzten Jahr für dieses
traditionelle Treffen gekauft hat, kommt heute zu seinem zweiten Einsatz. Er
ist damit offiziell ein Silvester-Raclette-Grill. Während wir unsere Speisen
grillen und genießen singt Dean Martin für uns. Es kommt in der Tat darauf an, dass
man die richtige Musik für einen traditionellen Abend auswählt.
Nach dem üppigen Mahl zeigt uns Manni seine Künste auf dem Tony
Hawk SHRED. Das ist eine Art Skate- oder Snowboard mit dem man eine Menge Spaß
haben kann. Manni gewinnt fast alle Spiele, was mir natürlich nicht gefällt,
weil ich kein guter Verlierer bin. Andererseits habe ich in meinem Leben auch
nie ein Board gehabt, während Manni früher eine Art Skategott war. Da ist es
vermutlich logisch, dass es so weit vorne liegt. Unverzüglich planen wir, ab
sofort jeden dritten Samstag im Monat einen PS3-Spieleabend bei Petra zu
machen. Ich glaube nicht, dass so ein Spieleabend wirklich zustande kommt. Aber
da sich Menschen zu Silvester immer viel vornehmen und nur wenig davon
umsetzen, ist es vermutlich auch egal.
Wenig später ist es soweit. Wir stoßen aufs Neue
Jahr an und gehen nach unten, um das Feuerwerk, welches Manni organisiert hat,
abzufeuern. Auf meinen Wunsch hin hat er auch dieses Jahr Wunderkerzen
mitgebracht, welche dafür sorgen, dass ich sehr zufrieden bin. Ich möchte
Silvester nie wieder ohne Wunderkerzen feiern. Wunderkerzen sind toll. Auf der
Straße sind weniger Menschen als im letzten Jahr und unser Feuerwerk ist eine
Enttäuschung. So gehen wir nach wenigen Minuten wieder in die Wohnung, wo der Raclette
Grill noch einmal angeworfen wird. Weil ich um diese Uhrzeit nichts mehr esse,
sitze ich einfach nur da und höre Musik.
Es ist beinahe 02.00 Uhr als ich wieder zu Hause
bin. Selbstverständlich riecht meine Kleidung nach Zigarettenqualm, weshalb ich
sie am Morgen waschen muss. Vielleicht sollte man Zigaretten einfach
abschaffen, dann würde diese Geruchsbelästigung nicht mehr existieren.
Vielleicht sollte man aber auch einfach mich abschaffen, dann gäbe es auf der
Welt einen unzufriedenen Menschen weniger.
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