Fehlerhaftes Selbstbild

In dem Auto, welches vor mir an der Kreuzung steht, sitzt eine Frau mit der ich einst zur Schule ging. Während ich sie betrachte denke ich „Komisch, wir waren doch früher gleich alt.“ So als wäre sie in den letzten dreißig Jahren älter geworden, ich aber nicht. Ich habe, wie so oft, kein Bewusstsein zu meinem Ist-Zustand. Als wäre ich ein Zeitreisender. Es ist jedenfalls schwer für mich zu akzeptieren oder bewusst zu begreifen, dass ich, ebenso wie alle anderen, altere. Alterslos bin ich maximal im Geiste. Entwicklungstechnisch gefangen in den 80ern und 90ern, mit gelegentlichen Abstechern in die frühen 2000er. Das Jahr 2010 habe ich nie erreicht, wie also könnte ich einen realistischen Blick auf meinen körperlichen Zustand im Jahr 2019 haben? Die Vorstellung, andere könnten meine alte Hülle als eben diese alte Hülle erkennen, erschreckt mich. Schlagartig wird mir, mal wieder und hoffentlich nur kurz, bewusst, dass ich in diesem Zustand für junge, knackige Frauen noch uninteressanter bin als ich es schon vor vielen Jahren war. Dieses Bewusstsein gefällt mir nicht. Ich bin ein alter Mann und wenn ich mich im Auto an einer Kreuzung sehen könnte, würde ich vermutlich denken: „Komisch, wir waren doch früher gleich alt. Was ist nur mit Dir passiert? Wo ist Deine Jugend hin, wo ist das Gesicht ohne Falten geblieben und wieso hast Du nichts davon retten können?“ Nein, dieser ganze Alterungsprozess ist im höchsten Maße unerfreulich und unbefriedigend. Und viel zu wahr, um schön zu sein.

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