Extraktion von Zahn 47

Vermutlich habe ich mir unnötig Gedanken gemacht, ob heute Zahn 47 gezogen wird oder eine Wurzelfüllung ansteht, denn Zahn 16 ist dazu gar nicht geeignet. Zum einen wegen der krummen Wurzel und zum anderen, weil er total verkalkt ist und man die Wurzelkanäle gar nicht sehen kann. Also gibt es nur die Möglichkeit ihn zu ziehen, wenn alles gut werden soll. Das ist zwar nicht unbedingt beruhigend, aber zumindest kann ich jetzt davon ausgehen, dass mir gleich zum fünften Mal in meinem Leben ein Zahn gezogen wird. Zweimal ging es bisher problemlos und zweimal war es eher furchtbar und äußerst schmerzhaft. Wie wird es heute sein?

Weil Zahn 47 zwischendurch weh tut, zumindest bilde ich mir das ein, bin ich dafür, dass er gezogen wird. Was für ein hin und her das mit mir doch ist. Ich bin froh, wenn es vorbei ist und ich nachher wieder zu Hause bin. Dieser ganze Mist macht mich nur noch verrückter als ich es ohnehin schon bin.

Kaum bin ich in der Praxis, werde ich aufgerufen und in den OP-Saal geführt, was ich etwas übertrieben finde. Schon bald wird mir allerdings klar, dass ich mich bei Zahn 47 geirrt hatte, denn er ist der mit der krummen Wurzel und nicht Zahn 37. Kaum ist der Zahnarzt da, fragt er, ob er mich die ganze Woche krankschreiben soll, was mir noch mehr zu denken gibt. Ich lehne ab, weiß aber nun endgültig, dass es heute kein Spaziergang wird, so wie ich es mir erhofft hatte, sondern eine heftige Behandlung zu erwarten ist. Vielleicht ist der OP-Saal doch keine so übertriebene Wahl. Die Betäubung wirkt rasch und ist ziemlich stark, wie ich finde. Und dann beginnt der Spaß, der keiner wird. Erwartungsgemäß löst sich zuerst die Krone, dann will der Zahn, wie erwartet nicht in einem Stück raus. Also wird er durchtrennt und die erste Hälfte geht auch noch fix raus, doch die krumme Wurzel, die auch in sich verdreht ist, wie ich erfahre, macht nicht mit, sie hat andere Pläne und so wird sie Stück für Stück ausgegraben. Es wird gebohrt und gefräst, gezerrt, gedrückt und mir Leid zugeführt. Ich schwitze mehr und mehr. Die Geräusche und der Druck in meinem Mund lassen auf eine heftige Behandlung schließen und ich überlege, ob es klug war zu sagen, dass ich morgen arbeiten kann. Der Eingriff verläuft ähnlich wie bei dem Weisheitszahn, der nebenan ausgegraben wurde. Nur wirkt dieses Mal zum Glück die Betäubung. Ich dachte damals echt, dass ich sicher nie wieder einen solchen Eingriff über mich ergehen lassen muss. So kann ich mich irren. Wie ein kleiner Junge wackle ich immer wieder während der Behandlung mit den Füßen und spiele mit den Fingern. Daumen gegen Zeigefinger, Daumen gegen Mittelfinger, Daumen gegen Ringfinger, Daumen gegen kleinen Finger und wieder zurück. Ich werde mit zunehmendem Alter immer merkwürdiger. Der Zahnarzt fragt, ob ich früher eine Zahnspange getragen habe, was ich bestätige. Er sagt, das ist wohl die Erklärung, warum die Wurzel so verdreht war und daher nur schwer zu entfernen. Irgendwie deprimiert mich das. Nun kündigt der Zahnarzt an, dass das letzte Stück Zahn an der Reihe ist und ich glaube ihn sagen zu hören, dass da eine Zyste ist, dann wird wieder gegraben, nochmal in der Wunde gewühlt, dann wird die Wunde vernäht und mir etwas zum kühlen gereicht. Es scheint vorbei zu sein. Ich bekomme zwei Termine, zur Kontrolle und zum Fäden ziehen, und Ibuprofen 600 verschrieben. Das war’s, ich kann gehen. Eine Weile sitze ich anschließend etwas ratlos im Coupé, dann fahre ich nach Hause. Das war definitiv ein Eingriff, den ich so nicht erwartet hatte und mir graut es schon vor den nächsten Stunden.

Um 13.00 Uhr nehme ich tatsächlich direkt eine Ibuprofen 600, wie der Arzt es empfohlen hat. Ist zwar eigentlich nicht meine Art eine so starke Tablette zu nehmen, aber der Schmerz zieht schon jetzt bis zur Stirn. Und das obwohl noch alles betäubt ist.

Um 16.30 Uhr wirkt die Betäubung teilweise immer noch, ich habe nichts gegessen und nur ein Glas Wasser getrunken. Die Wunde blutet etwas und ich kann den Mund kaum öffnen. Die Schmerzen sind auszuhalten, allerdings reagiert Zahn 16 auf Berührungen. Zahn 16 hat übrigens auch eine krumme Wurzel. Damit weiß ich in etwa, was auf mich zukommt, wenn er entfernt werden muss

Erste Nahrungsaufnahme nach 17.00 Uhr. Vier Rühreier, die ich mir in kleinsten Stücken durch die leider nur kleine Mundöffnung schiebe. Als vor dreißig Jahren mein erster Weisheitszahn gezogen wurde, war es ähnlich, da dauerte es über eine Woche bis ich den Mund wieder öffnen konnte. Ein erstes Stück Rührei landet auf der Wunde, was tierisch stört und überhaupt tut es mittlerweile ziemlich weh und blutet auch noch. Die Ibuprofen Wirkung lässt wohl langsam nach und ich habe ernste Zweifel daran morgen arbeiten zu können. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht in meine übliche Panik zu verfallen. Außerdem habe ich noch immer Hunger. So macht das alles keinen Spaß.

Gegen 19.00 Uhr nehme ich ein durchaus umstrittenes Mittel ein. Kolloidales Silber. Wenn es mir besonders schlecht geht, probiere ich auch Dinge aus, die ich, obwohl ich für vieles offen bin, sonst nicht probiert hätte. Schaden wird es sicher kaum, also kann ich nur gewinnen.
Um 19.30 Uhr nehme ich die nächste Ibuprofen 600. Ich fürchte, die nächsten Tage werden kein Vergnügen.

Kurz vor 19.00 Uhr fängt die Wunde plötzlich zu bluten an. Einfach so. Ich bin komplett überfordert und beiße auf ein Wattepad, welches ich nur mit Mühe durch die kleine Zahnöffnung zum Zahn bekomme. So kann ich vorläufig nix essen und dabei ist mir vor Hunger schon voll schlecht. Alles in allem ist das definitiv bisher das schlimmste Erlebnis mit einem gezogenen Zahn.

6 Kommentare on "Extraktion von Zahn 47"


  1. Die Extraktion von Weisheitszähnen fand ich bisher nicht wirklich schlimm. Ok, es hat mich etwas irritiert, wenn der ZA mir fast auf dem Schoß saß und versuchte, den Zahn herauszuheben.

    Aber die Tage danach waren schlimmer. Die Schwellung kann man durch kühlen bekämpfen. Die hübsche Färbung muß man aushalten. Den Mund wieder richtig öffnen konnte ich erst nach einer Woche wieder, als mir die Fäden gezogen wurden und die Arzthelferin mich anmeckerte, dass ich mir die Zähne nicht richtig geputzt hätte. Ja, wie denn auch?

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  2. Geht der Mund wieder auf? Ich durfte mir auch vor kurzem (im stolzen Alter von 53) zwei Weisheitszähne rausfräsen lassen, was eine echt blutige Sache war, hatte aber hinterher keine Maulsperre. Dafür war ich sonst fix und fertig. Also das mit dem Krankschreibenlassen ist schon eine gute Sache. Mach das doch.

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    1. Beim nächsten Mal sollte ich das besser machen mit dem Krankenschein, aber das konnte ich ja nicht ahnen.
      Mittlerweile öffnet sich der Mund wieder fast normal.

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  3. ich fühle mit ihnen. letztes jahr hatte ich ja das vergnügen, nachdem sich der nerv eines wurzelgefüllten zahns entzündet hatte. allerdings tat das so fies weh, dass ab dem tag der extraktion alles nur noch besser wurde. schlimmer als das ziehen fand ich das einsetzen des implantats. und die 500 mal, die ich danach noch zum chirurgen und zum zahnarzt eiern musste. im november hab ich den letzten kontrolltermin, bin inzwischen 2.500 tacken los und das alles für ein so kleines ding, das noch nicht mal pures gold ist. nervkram.

    das mit der zahnspange finde ich hochinteressant. ich musste auch ewig zahnspange tragen (meine eltern sind privatversichert und ließen mir als kind alles sinnvolle und unsinnige an behandlungen angedeihen), was eine unglaubliche folter für mich damals war. ständig wundes zahnfleisch, nach jedem nachstellen irre schmerzen in allen zähnen, schlaflose nächte. als ich die wurzelfüllung für meinen zahn bekam, der extrahiert werden musste, sagte mir die ärztin auch, die wurzeln seien lang und extrem gebogen, was die behandlung sehr schwierig mache.

    kurzum, zahnspangen sind der letzte müll und übrigens auch der grund für fehlkontakte der zähne, wodurch ich heute kieferprobleme habe.

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    1. Verdammt teuer so ein Implantat. Das kommt dann bei mir nächstes Jahr.
      Immerhin habe ich Dank Zahnspange nicht ganz so schiefe Zähne, nur krumme Wurzeln. Alles hat wohl seinen Preis, den wir früher oder später zahlen.

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