Ein nicht ganz normaler Arbeitstag in Zeiten des Coronavirus

Es ist noch recht früh als ein Teilnehmer im Büro anruft und mir mitteilt, dass er krank ist. Er hört sich furchtbar an und klagt über Fieber, Halsschmerzen, Husten, Schnupfen und Durchfall. Gegen Mittag muss er zum Arzt, der ihn auf Covid-19 testen wird. Möglicherweise wird er der erste Corona-Fall in unserer Maßnahme, dabei sah er vorgestern, als wir drei Stunden zusammen im selben Raum verbracht haben, noch ganz gesund aus. Mir fällt ein, dass ich gestern über Kratzen im Hals klagte und mein Hals durchaus gerötet ist, weshalb ich seit gestern mit Wasserstoffperoxid gurgle und Anfokali nehme. Ob es da eventuell einen Zusammenhang gibt? Und wenn ja, was dann? Da ich keine Antwort habe, gehe ich davon aus, dass es mich nicht betrifft und mache weiter mit dem was ich so mache, wenn ich im Büro bin.
Später denke ich abermals darüber nach, ob ich das hier noch will. Diesen Job oder überhaupt einen Job. Manchmal denke ich, dass ich gehen muss, weil ich durch bin mit dem Ganzen hier. Seit dem letzten Urlaub denke ich das eigentlich ständig, obwohl die letzten Tage durchaus gut verlaufen sind und ich viel Organisatorisches zu tun hatte. Vielleicht bin ich einfach durch mit arbeiten. Ich werde es noch eine Weile beobachten und dann vermutlich nichts entscheiden, was auch eine Entscheidung ist.

Gegen 11.00 Uhr besucht uns ein ehemaliger Teilnehmer von uns. Er ist der bisher einzige körperbehinderte Teilnehmer in der Maßnahme gewesen und besucht uns seit Monaten regelmäßig. Manchmal duzt er uns, aber da können wir aus Gründen der Professionalität nicht mitmachen. Wir verstehen uns prima und er würde auch jederzeit wieder zu uns in die Maßnahme kommen. Wir waren immerhin die einzigen durch die er Einladungen zu Vorstellungsgesprächen bekommen hat. Ich sage ihm, dass er, wenn er nochmal zu uns in die Maßnahme kommt, ein Geschenk von uns bekommt. Er sagt, dass er schon einen Glücksbringer von uns bekommen hat, worauf ich erwidere, dass mich das überrascht, weil eigentlich nur ganz besondere Menschen einen Glücksbringer von uns bekommen haben. Zum Glück versteht er meinen komischen Humor. Als ich früher Maßnahmeteilnehmer war, hatte ich nie das Bedürfnis irgendwen nach Maßnahmeende zu besuchen. Das kann aber auch daran liegen, dass ich früher meist nur ein frustrierter Sauhaufen war. Oder daran, dass ich heute zumindest menschlich einfach den besseren Job mache, als die Leute damals, obwohl ich von nichts eine Ahnung habe. Oder es liegt daran, dass ich von nichts eine Ahnung habe, mich das aber sympathisch macht, weil ich es jedem sage, der nicht danach fragt. Keine Ahnung.

Ein anderer Teilnehmer, der heute seine ersten drei Stunden hier verbracht hat, bedankt sich bei mir, weil er das zu Hause alles nicht geschafft hätte und sagt, dass er es richtig gut bei uns fand. Ich muss aufpassen, dass mir zu viel positives Feedback nicht zu Kopf steigt, weil ich sonst eventuell überheblich werde. Es ist mittlerweile fast 12.00 Uhr und Zeit für die Nahrungsaufnahme.

Am Nachmittag besucht uns eine neue Teilnehmerin, 60 Jahre und sehr gesprächig. Sie erzählt von ihren Depressionen, dass sie gerne in Indien Menschen helfen würde und noch bevor ich irgendwas Dummes sagen kann, fängt sie an zu weinen. Mein Kollege und ich wissen nichts zu sagen und sagen nichts. Ich frage mich, ob das gleich vorbei geht oder ob das lange dauern wird mit dem weinen. Glücklicherweise fängt die Frau sich rasch wieder, lacht und sagt, dass wir sie merkwürdig finden müssen, aber es tut ihr gut endlich mal mit jemandem zu reden. Dann redet sie eine Stunde drauf los, nur gelegentlich von irgendwelchen Sprüchen, die ich einwerfe, unterbrochen. Irgendwann sage ich, dass wir mal langsam weitermachen müssen. Der Kollege geht ins andere Büro und ich stelle die üblichen Fragen. Anschließend redet die Frau weiter. Mittlerweile sind fast zwei Stunden vergangen, ein neuer Rekord für ein Erstgespräch, da möchte sie wissen, wie alt ich bin. Ich lasse sie schätzen, weil alles andere mich nur deprimieren würde. Laut ihrer Schätzung bin ich allerhöchstens 35, was ich natürlich großartig finde, weshalb ich ihr sage, dass ich sie mag. Meinen Kollegen schätzt sie auch auf 35. Vermutlich ist das ihre Lieblingsziel. Etwa eine halbe Stunde erzählt sie noch, dann sagt sie, dass wir toll sind und sie uns umarmen könnte. Wenig später geht sie und winkt mir nochmal fröhlich zu als sie am Fenster vorbei geht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wohin wir die Frau vermitteln könnten, aber vielleicht helfen ihr die sechs Stunden pro Woche bei uns, um ein wenig weniger depressiv zu sein.

Der Teilnehmer, der heute Morgen so angetan war, ruft an und fragt, ob er Montag vorbeikommen kann, weil er unbedingt eine Bewerbung erstellen will. Er hat zwar Dienstag seinen nächsten Termin, aber so lange kann er nicht warten. Am liebsten würde er morgen kommen, doch da hat er einen längeren Arzttermin. Was uns von den meisten Maßnahmen unterscheidet ist, dass wir ziemlich flexibel sind und für Teilnehmer, die gut mitmachen auch spontane Termine einschieben, wenn wir einen Platz frei haben. Also darf der Mann am Montag zu uns kommen, denn am Montag bin ich auch im Büro, was mir zwar nicht gefällt, aber sein muss, da mein Kollege Urlaub hat. Was mir dabei noch weniger gefällt ist die Tatsache, dass ich eine Woche lang der einzige Mitarbeiter am Standort sein werde. Irgendwie mag ich das nicht mehr. Ob das auch ein Grund ist, dass ich mich in letzter Zeit so oft frage, ob ich den Job noch machen will, weiß ich allerdings nicht. Möglicherweise habe ich auch einfach nur einen an der Waffel.

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