Damals – November 2008

Im November ging das Praktikum weiter, das Sexleben lief ebenfalls weiter, ansonsten ist nicht viel passiert. Es folgen drei Texte vom November 2008. Viel Spaß damit.


Ramazzotti Ursula & 10.000 Kerle
Ein riskanter Abend liegt vor mir als ich mich am Freitag auf den Weg zu Ursula mache, denn heute werde ich ihre Kinder und andere Menschen aus ihrem Leben kennenlernen. Da ich Kinder für gefährlich halte, ist mir etwas mulmig als ich aufbreche. Schließlich übertragen Kinder nicht nur Krankheiten, sie sind auch schonungslos ehrlich und können furchtbar gemein sein. Doch scheinbar haben Ursulas Kinder heute ihren sozialen Tag. Die Tochter ist sehr freundlich, neugierig und kommunikativ und der Sohn beachtet mich nicht weiter. Das war fast zu einfach.

Am Abend machen Ursula und ich uns auf zu einer Geburtstagsparty. Dort wimmelt es vor fremden Menschen. Schnell wird klar, dass ich einige der Anwesenden nicht unbedingt kennenlernen will. Und zum Glück muss ich das auch nicht. Ursula scheint vergnügt, trinkt Ramazzotti und leidet unter einem furchtbaren Drang zu tanzen. Und so dauert es nicht lange bis sie zum ersten Mal die Tanzfläche stürmt. Mal tanzt sie alleine, mal mit irgendwelchen Bekannten. Ich bleibe an meinem Platz und beobachte alles, was um mich herum passiert. Und es ist in der Tat so, dass ich mit der auffälligsten Frau des Abends zusammen bin. Ich überlege, ob es mich überrascht, entscheide dann aber, dass es keine Rolle spielt. Ursula ist okay. Ich bin zufrieden.

Irgendwann spricht mich Gunther an und fragt, ob er direkt sein kann. „Sicher. Immer raus damit.“ – „10.000 Kerle beneiden Dich um Deine Olle.“ – „Hier sind keine 10.000 Kerle.“ Das war wohl nicht die Antwort, die er von mir erwartet hatte. Nun habe ich ihn aus dem Konzept gebracht. Er sagt mir, dass er nicht nur die Kerle hier meint, sondern auch die von woanders, wo Ursula schon mal aufgefallen ist. Vermutlich ist er auch einer von diesen 10.000 ominösen Kerlen. Ich kann ihm da nicht weiterhelfen. Weil ihm das Gespräch mit mir scheinbar nichts bringt, geht er mit Ursula tanzen.

Wenig später komme ich mit Nils ins Gespräch. „Du trinkst kaum was. Du rauchst nicht. Hast Du gar keine Laster?“ – „Doch. Frauen.“ Irgendwie hat ihn meine Antwort wohl irritiert. Doch er hakt nach. „Echt?“ – „Ja. Frauen sind mein Laster.“ – Und die findest Du im Internet?“ – „Es ist mir egal, wo ich die finde. Hauptsache Frauen.“ Er wirkt zwar ein wenig ungläubig, aber er scheint mir glauben zu wollen. Wenig später weist er mich darauf hin, dass wir die gleichen Lachfalten haben und dass man an diesen Lachfalten glückliche Menschen erkennt. Bin ich ein glücklicher Mensch oder habe ich nur die Lachfalten eines glücklichen Menschen?

Als Ursula wenig später genug Ramazzotti getrunken hat verlassen wir die Party und gehen unverzüglich zusammen ins Bett, um Sex zu haben. Ich habe kurzzeitig das Gefühl als wäre ich in der Tat ein glücklicher Mensch. Hatte Nils mit seiner kindlichen Theorie am Ende also doch Recht?

Zerreißprobe
Als ich um 07.36 Uhr bei der ARGE ankomme erfahre ich, dass das ‘normale‘ Arbeitsamt jetzt woanders ist. Ich glaube, die sind alle vollkommen verrückt. Macht aber nichts, denn ich bin am richtigen Ort. Nach einigen Minuten des Wartens darf ich eintreten. „Ich ziehe um und möchte wissen, wie das hier abläuft.“ – „Wieso wollen sie denn umziehen?“ – VWeil meine Eltern ohne mich leben wollen. Was muss ich tun, um Geld für den Umzug zu bekommen?“ Ich zeige der Frau meinen Mietvertrag. „Der ist ja schon unterschrieben.“ – „Richtig.“ – „Da Sie einen Vertrag unterschrieben haben, ohne uns vorher zu informieren, kriegen sie weder Renovierungskosten noch die Erstausstattung.“ – „Dann zerreiß ich den Vertrag.“ – „Das geht nicht. Der ist ja schon unterschrieben.“ – „Natürlich geht das. Und dann fangen wir nochmal ganz von vorne an und sie erklären mir, wie ich mich verhalten muss, um das Geld zu bekommen.“ Damit hat sie wohl nicht gerechnet. Und so erklärt sie sich tatsächlich bereit, den weiteren Verlauf abzuklären. Sie verlässt das Büro und nach einer Weile scheint es so zu gehen, wie ich es mir vorstelle. Allerdings besteht Sie darauf, dass meine Eltern eine schriftliche Erklärung abgeben, warum ich plötzlich ausziehen muss. Geht sie zwar nichts an, aber soll sie kriegen. Sie händigt mit noch ein paar Formulare aus und scheint kooperativ. Wie kooperativ sie wirklich ist, wird sich nächste Woche Freitag zeigen, wenn ich alle meine Forderungen in schriftlicher Form einreiche. Für heute soll es genug sein. Wir sehen uns.

Dreiundzwanzigste Praktikumswoche
Am Donnerstag wird es wieder lustig mit Robocop. Er ruft seine Mails nicht ab. Begründung. “So lange ich keine Visitenkarten habe, kann mich auch kein Kunde anschreiben. Also interessieren mich die Mails nicht.” Der Typ ist echt knallhart. Vielleicht ist er aber auch nur eine Knalltüte.

Letzte Woche sollte der 18 jährige Auszubildende, Manuel C., einen Brief verschicken. Er konnte Absender und Empfänger nicht richtig zuordnen und so kam der Brief mittlerweile zurück. Ihn interessiert es nicht wirklich, denn er weiß, dass er gut ist. Und wann verschickt er schon mal einen Brief? Schwamm drüber.

Die 21 jährige Auszubildende, Doreen S., fand die ganze Aktion witzig. Dabei wusste sie vor ein paar Wochen nicht einmal, wohin die Briefmarke gehört und wollte diese direkt mit dem Firmenstempel abstempeln. Jetzt soll sie einen Brief für den Chef schreiben, doch leider weiß sie nicht mehr so ganz genau, was sie in den Brief schreiben soll und klagt mir ihr Leid. Ich formuliere ihr zwei Sätze und sage, dass sie darauf aufbauen kann. Doch anstatt darauf aufzubauen, legt sie dem Chef nur die beiden Sätze vor. Dummerweise wimmelt es in den beiden Sätzen auch noch vor Fehlern. Rechtschreibung und Grammatik sind scheinbar nicht ihre Welt. Der Chef ist jedenfalls außer sich.
Als ich später in ihr Büro komme sitzt sie da wie ein Häufchen Elend und ist kurz davor zu heulen. Sie kann das alles gar nicht verstehen, denn in der Schule hatte sie immer eine Eins in Deutsch. Ich hatte immer eine Vier. Und für Leistungen, wie sie sie hier regelmäßig abliefert, hätte es damals maximal eine Fünf gegeben. Ich frage mich ernsthaft, wie sie eine Eins bekommen konnte. Ich fand meine Vier damals immer absolut gerechtfertigt und würde auch heute mit einer Vier für meine Leistungen zufrieden sein. Doch vermutlich würde ich heute auch eine Eins bekommen. Wahrscheinlich sogar eine Eins Plus.

Reicht es heute wirklich schon, wenn man im Unterricht anwesend ist, um eine Eins zu bekommen? Oder sind schlechte Noten schlecht fürs Selbstbewusstsein der Schüler und sie bekommen deshalb nur gute Noten? Ich finde das jedenfalls sehr bedenklich. Da glaubt die Auszubildende nun, dass sie einfach nur einen schlechten Tag hat und eigentlich weiß, wie man richtig schreibt. Als ich ihren neuen Entwurf sehe, weise ich sie darauf hin, dass sie ihn so besser nicht dem Chef vorlegt, da die Grammatik doch etwas daneben und die Anzahl der Rechtschreibfehler etwas hoch ist. Ich korrigiere den Mist und sage ihr, dass sie demnächst besser zuerst zu mir kommt, damit ich ihre Briefe korrigiere, bevor sie den Chef noch mehr verärgert. Erneut weist sie mich darauf hin, dass sie heute einen schlechten Tag hat, da sie ja früher eine Eins in Deutsch hatte und weiß, wie man alles richtig schreibt. Dass ich den Eindruck habe, dass für sie jeder Tag ein schlechter ist und sie nicht wirklich etwas weiß, sage ich ihr nicht. Ich will die Traumwelt, die man ihr mit solchen Noten geschaffen hat, nicht zerstören. Nicht heute.


Weiter aufregende Praktikumserlebnisse vom November 2008 gibt es hier.

4 Kommentare

  1. Sie sind so speziell, dass ich eine Diagnose vermute. 🤷‍♀️ Ist aber nicht böse gemeint. 🙂

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