Zweite 5-Tage-Woche 2022

Montag
Kaum bin ich fünf Minuten auf, bekomme ich einen Schweißausbruch. Das kommt vor und sollte gleich vorbei sein, ist es aber nicht und nach etwa fünf Minuten fühlt es sich an als wäre mein Körper von Kopf bis Fuß überhitzt. Sollte ich tatsächlich spontan Fieber bekommen haben, einen Infekt, die Corona-Seuche? Und wieso rebelliert mein Darm jetzt? Alles sehr verwirrend, weshalb ich, während ich auf der Toilette sitze, einfach mal Fieber messe. Es ist zu heiß für solche Anfälle. Mir ist heiß. Meine Temperatur beträgt 37 Grad. Mit Fieber hat das nichts zu tun. So plötzlich wie es gekommen ist, verschwindet es nachdem der Darm geleert ist. Das menschliche System ist echt ein komplexes und kompliziertes. Der Tag kann seinen gewohnten Gang nehmen.

Auf dem Weg zum Büro muss ich vor einer Ampel stehenbleiben. Im Audi TT hinter mir popelt ein Mann sehr konzentriert mit dem kleinen Finger in der Nase herum. Noch bevor ich sehen kann, was er aus der Nase holt, muss ich weiter fahren und frage mich, wohin er die Popel schmiert, wenn er fündig geworden ist.

Teilnehmer 7 hat mir angeblich eine AU-Bescheinigung geschickt, doch das sehe ich anders, denn auf besagter Bescheinigung steht lediglich, dass er eine Beratung bezüglich einer AU-Bescheinigung bei einem Arzt in Berlin hatte. Das ergibt für mich keinen Sinn und ist meiner Meinung nach wertlos. Ich teile dies dem Teilnehmer per Mail mit, erhalte aber keine Antwort, weshalb er für mich unentschuldigt fehlt. Anschließend leite ich diesen “Beratungszettel” an seine IFK weiter und frage nach, was wir damit machen sollen. Für mich fehlt Teilnehmer 7 unentschuldigt bis er mir eine ordentliche AU-Bescheinigung vorlegt.
Kollege Jörg ist natürlich nicht da, weil er so starke Schmerzen hat, dass er zum Arzt muss. Ich hätte mich auch sehr gewundert, wenn er heute hier gewesen wäre und bin gespannt, wann er tatsächlich arbeiten kann. Ich tippe auf nächste Woche. Wie werden sehen. Teilnehmerin 11 hat keine AU-Bescheinigung abgeliefert, darum fehlt sie für mich ebenfalls unentschuldigt. Teilnehmer 15 ruft an, um mitzuteilen, dass er sich verspätet. Ich hatte gehofft, er würde gar nicht herkommen, denn ich weiß auch heute nicht, was ich für ihn tun kann. Und so wird er seine drei Stunden hier absitzen, zwischendurch rauchen, sich an meinen Tisch setzen und mitteilen dass ihm langweilig ist. Als er wenig später da ist, schenke ich ihm ein Einzelticket für den Bus, welches ich neulich irgendwo gefunden habe. Er fragt mich, warum ich ihm das schenke. Ich antworte, dass es zum Service gehört. Unsinniger kann man einen Arbeitstag kaum beginnen. Teilnehmerin 13 erscheint mit sieben minütiger Verspätung. Nun sitzen hier schon zwei Leute, denen ich nicht helfen kann. Teilnehmer 15 zeigt mir ein paar Fotos vom Wochenende, Teilnehmerin 18 erscheint mit noch größerer Verspätung und hat mal wieder ihren Freund dabei, der sich brav in den Vorraum setzt und dort auf sie warten wird. Auf mich ist sie sauer, weil ich ihr eine Abmahnung geschickt habe. Mit Teilnehmerin 13 unterhält sie sich im Anschluss laut und angeregt auf Türkisch. Es ist wie in einem Kindergarten, nur ohne Kinder.

Am Nachmittag bringt mir Teilnehmer 16 eine AU-Bescheinigung für die nächsten beiden Wochen. Ich denke nicht, dass er hier irgendwann tatsächlich an der Maßnahme teilnehmen wird. Die Bescheinigung über seine Anwesenheit, die er von mir für seine Frau wollte, war übrigens nicht für seine Frau, sondern für eine Anwältin, weil er kein Alibi für einen Ladendiebstahl hat. Das weiß ich, weil ich Post von einer Anwältin bekommen habe, die wissen möchte, wann er tatsächlich hier war. Ladendiebstahl in seinem Alter. Dazu fällt mir nichts weiter ein. Einen Job wird der in seinem Zustand sicher nicht bekommen. Teilnehmer 19, Teilnehmerin 12 und Teilnehmerin 17 haben heute ebenfalls keine Lust ihre Zeit hier zu verbringen und fehlen unentschuldigt. Gerne würde ich allen die Kündigung schreiben, aber da ich Regeln einhalten muss, geht das noch nicht. Etwa eine Stunde bevor der Arbeitstag endet, besucht mich spontan Teilnehmerin 11 und bringt die versprochene AU-Bescheinigung. Und nicht nur das, sie kann auch ab sofort wieder teilnehmen, da die Nachwirkungen ihrer Corona-Erkrankung langsam weniger werden. Daher vereinbaren wir, dass sie am Mittwoch und am Freitag zu uns kommt. Ich muss gestehen, dass ich damit gar nicht gerechnet habe. Mal schauen, ob sie für eine Vermittlung in Frage kommt oder ob sie sich zu den hoffnungslosen Fällen gesellen wird.

Seit zwei Jahren geht es abwärts, seit zwei Jahren kippt scheinbar alles und laut irgendwelchen Experten hätte ich auch längst tot sein müssen. All die ungeimpften Arschlöcher hätten längst tot sein sollen. Sind wir aber nicht. Ich war schon immer ein Meister darin mich der Umgebung soweit anzupassen, um überleben zu können. Noch sehe ich da nichts, wieso sich das ändern sollte. Ich kann genügsam sein, ich kann warten. Konnte ich schon immer. Mal fällt es mir leicht, so wie jetzt, ein anderes Mal deprimiert es mich. Das passiert aus unterschiedlichsten Gründen. Und es wird wieder passieren. Nur eben nicht jetzt. Jetzt ist Sommer und die Politik bereitet den Untergang vieler weiter akribisch vor. Ich habe nicht vor schon im nächsten Winter unterzugehen. Ich habe eine Wohnung, Kleidung, eine riesige Auswahl an Filmen und wenn es optimal läuft habe ich im Winter vielleicht Sex. Und wenn nicht, dann nicht. Vor Oktober können mich diese ganzen Horrormeldungen mal. Ich nehme sie zur Kenntnis, aber mehr auch nicht. Ich bin zu alt für so einen Irrsinn und zum Glück derzeit auch nicht empfänglich. Ich werde nicht mit dieser Welle untergehen. Vielleicht mit der nächsten, oder einer folgenden. Es ist Sommer, den lasse ich mir nicht von den beliebtesten Politikern Deutschlands oder irgendwelche Nachrichten versauen. Ab Oktober ist dann vermutlich Schluss mit lustig. Und nächstes Jahr werden wir möglicherweise nicht mehr essen gehen können, wird es vielleicht auch kaum noch Möglichkeiten geben, wo man überhaupt hingegen kann, dank unserer fantastischen Regierung, die für alles eine Erklärung hat, aber entweder keine Ahnung oder alles aber genauso will, wie es gerade läuft. Also lassen sie uns ab Oktober unseren Untergang genießen und bis dahin die letzten Sommertage zelebrieren. Wie es sein kann, dass ich einfach nicht auf der negativen Welle mitschwimmen will? Vielleicht liegt nicht Deutschland im Sterben, sondern ich. Oder wir beide. Und weil mein Körper das weiß, stört es ihn nicht weiter. Ich habe keine Ahnung, was es ist, aber bis es soweit ist, geht es mir am Arsch vorbei. Morgen ist ein neuer Tag. So viel ist sicher.

Dienstag
Morgens wird es leider immer später hell, daher weckt mich nicht mehr das Tageslicht, sondern die Lampe, die langsam immer heller wird. Reicht das nicht aus, geht irgendwann Musik an. Spätestens dann bin ich wach. Der Vorgang verbraucht Strom. Anschließend mache ich Licht an, wenn ich Müsli zubereite und anschließend zu mir nehme. Ich weiß, dass ist eine Zumutung, denn wir einfachen Bürger sollen Strom sparen, aber ich schaffe es einfach nicht. Ich bräuchte einen Energiecoach, der eine Woche bei mir wohnt und mir erklärt, wie ich mein Leben energietechnisch verbessern kann. Ich glaube, ein Leben ohne Coaches ist eigentlich nicht mehr möglich und jeder Mensch braucht irgendwann irgendwen, der sein Leben optimiert und auf ihn aufpasst. Das wird sicher geil.

Jörg ist tatsächlich heute da, obwohl er es ohne Schmerzmittel nicht aushält. Teilnehmer 1 ist ordnungsgemäß nicht da. Teilnehmer 2 ist weiterhin krank und Teilnehmer 3 erscheint wie üblich ein paar Minuten zu spät, aber wirklich helfen können wir ihm nicht, weshalb wir uns bis zum Nachmittag Gedanken über unsere Arbeitslosen, die manchmal auch Arbeitssuchende sind, machen können. Wir einigen uns darauf, dass wir bald noch weniger Argumente für eine Arbeitsaufnahme haben werden, weil die Kosten für eine warme Wohnung kaum noch zu zahlen sein werden. Um sich diese zu sparen, muss man eigentlich arbeitslos bleiben, denn dann kümmert sich der Staat um alles. Vielleicht gibt es da auch Obergrenzen, aber das wird immer noch besser sein als bei Mindestlohn die ganzen Kosten selber zu tragen. Ich wüsste da auch kein sinnvolles Gegenargument, um den Teilnehmern eine Arbeitsaufnahme schmackhaft zu machen. Ich glaube auch nicht, dass es wirklich helfen wird, wenn der Mindestlohn auf 12 Euro angehoben wird. Es kommen wahrlich spannende Zeiten auf uns zu.

Am Nachmittag meldet sich Teilnehmer 10 ab. Weil er erkältet ist, hat er einen Schnelltest auf die derzeit bedeutendste Krankheit der Welt gemacht und dieser zeigte an, dass er, sollte er nicht geimpft sein, in Lebensgefahr schwebt. Teilnehmer 5, Teilnehmerin 6 und völlig überraschend auch Teilnehmer 4 nehmen ordnungsgemäß ihre Termine war. Teilnehmer 5 hat dummerweise derzeit keinen Aufenthaltstitel und ist somit nicht vermittelbar. Außerdem hat er so starke Rückenprobleme, dass er kaum gehen kann. Sollte er sich so zu einem Vorstellungsgespräch schleppen, hat er eh keine Chance. Teilnehmerin 6 wartet weiter auf die Rente. Teilnehmer 4 hat eventuell die Chance auf einen nach 16i geförderten Arbeitsplatz. Damit ist er nun der größte Hoffnungsträger unter den Teilnehmenden, denn wenn ein Arbeitgeber 0 Cent für eine Arbeitskraft bezahlen muss, dann wird durchaus gerne zugegriffen. In ein paar Tagen wissen wir mehr.

Mittwoch
Wer schafft es wohl heute an der Maßnahme teilzunehmen? Teilnehmerin 14 schafft es ganz locker und auch Teilnehmer 9 ist pünktlich da. Er hat sogar eine Erkältung mitgebracht, was mich natürlich stört und frustriert. Letzte Woche konnte ich ihm einen Ausbildungsplatz anbieten, aber nicht schmackhaft machen. Kollege Jens versucht es dennoch nochmal und plötzlich hat Teilnehmer 9 Interesse und wenig später habe ich ihm einen Termin für ein Vorstellungsgespräch verschafft. Dennoch ärgere ich mich über mein Versagen, denn offensichtlich habe ich in der letzten Woche irgendwo einen Fehler gemacht und das Desinteresse des Teilnehmers nicht beseitigen können. Sollte ich weiter so versagen, muss ich wohl in die Politik wechseln. Da wird Versagen ganz wunderbar bezahlt. Teilnehmerin 17 fehlt weiterhin unentschuldigt, weshalb ich erneut Kontakt zu ihrem Betreuer von der Jugendhilfe aufnehme, um die Optionen und auch die Konsequenzen ihres unentschuldigten Fehlens zu besprechen. Der Betreuer wird sich kümmern, denn mittlerweile ist der Corona-Schnelltest von Teilnehmerin 17 nicht mehr positiv und sie müsste eigentlich an der Maßnahme teilnehmen. Mal schauen, was er in Erfahrung bringen kann. Dank des erkälteten Teilnehmers habe ich mittlerweile ein Kratzen im Hals und glaube eine Erkältung zu bekommen. Normal ist das nicht, aber auch nicht überraschend. Schauen wir mal, wie es sich entwickelt, wenn der Teilnehmer nicht mehr da ist. Während Jörg ein Vorstellungsgespräch mit Teilnehmer 9 übt, macht Teilnehmerin 14 einen Spaziergang. Warum auch nicht, einen Job sucht sie ja nicht und so ein Spaziergang ist gesund und gut fürs Gemüt. Teilnehmerin 11, die am Montag völlig überraschend hier aufgetaucht ist, um einen Termin zu vereinbaren, hat diesen Termin zwischenzeitlich wohl wieder verdrängt und fehlt dementsprechend unentschuldigt. In der Regel bleiben hoffnungslose Fälle hoffnungslose Fälle, was Teilnehmerin 11 souverän bestätigt.

Teilnehmer 15 ist am Nachmittag unser einziger Gast. Da ich bei ihm schon lange mit meinen Coachingkünsten am Ende bin, kümmert sich heute Jörg um ihn.
Der Kunde fürs Persönlichkeitscoaching erscheint um 14.00 Uhr. Da ich ihm keine Stelle anbieten kann, erstelle ich ihm lediglich seine Bewerbungsunterlagen. Während ich das mache, benimmt sich Teilnehmer 15 wie ein Kleinkind. Weil Jörg bereits um 14.00 Uhr Feierabend hatte, sitzt er alleine im anderen Raum, macht Lärm, ruft nach mir, braucht Unterhaltung, eine Aufgabe, telefoniert. Als ich später mit dem Kunden fürs Persönlichkeitscoaching fertig bin, wird es nicht besser. Teilnehmer 15 zeigt mir Stellenangebote, liest sie mir vor, obwohl ich sage, dass es nicht passt, quengelt, singt und raubt mir völlig den Nerv. Ich verkrafte echt viel, aber das überfordert selbst mich. Er indes albert weiter herum und freut sich sicher, dass er Aufmerksamkeit bekommt, weshalb ich ihm sage, dass ich froh bin, wenn er endlich weg ist. Es fehlt mir jegliche Phantasie, wie dieser junge Mann einen Job bekommen soll. Weil ein Jobcoach aber immer Lösungen haben muss, muss ich an meiner Einstellung arbeiten und einen Plan entwickeln, schließlich werde ich dafür bezahlt.

Donnerstag
Erwartungsgemäß erscheint Teilnehmer 19 nicht zu seinem Termin. So kann ich ihm morgen endlich die zweite Abmahnung schicken und in absehbarer Zeit die Kündigung. Das wäre besser für alle Beteiligten. Teilnehmer 4 fehlt auch mal wieder und Teilnehmerin 13 hat keine Zeit, weil ihr Sohn nicht in den Kindergarten gehen will. Vielleicht klappt es morgen, vielleicht auch nicht. Eine frühere Teilnehmerin besucht uns, weil sie noch eine Frage hat. Sie hat ihren Hund dabei, dem ich zuerst einen Hundestick spendiere und mit dem ich wenig später fangen spiele und wie ein Kind durch die Räume tobe. Der Hund bellt, ich versuche ihn zu beruhigen, aber letztlich ist das Quatsch, denn wenn man ausgelassen mit einem Hund tobt, dann muss gebellt werden. Ich weiß nicht, wie professionell das ist, vermute aber, dass mein Verhalten unangemessen ist. Mit zweistündiger Verspätung erscheint Teilnehmer 4. Jörg kümmert sich und fragt ihn, warum er nicht für ein Personaldienstleistungsunternehmen arbeiten will. Weil er keine Hure ist, antwortet Teilnehmer 4. Die Diskussion der beiden wird emotionaler und nach 50 Minuten verlässt Teilnehmer 4 das Gebäude, nachdem er darauf hingewiesen hat, dass er freiwillig hier ist und kommen und gehen kann, wann er will. Ich glaube, Teilnehmer 4 hat nicht nur ein Problem. Ob er nächste Woche nochmal Lust hat zu uns zu kommen? Wir werden sehen. Jörg ist ziemlich wütend und will nichts mehr mit dem Teilnehmer zu tun haben. Ich sage ihm, dass wir uns nicht mit Teilnehmern streiten und wenn er merkt, dass er wütend wird, soll er einfach eine Weile den Raum verlassen und wiederkommen, wenn er sich beruhigt hat. Wir können uns wundern, wir müssen sie nicht verstehen, aber wir führen keine Kriege gegen Teilnehmer. Wir haben einen Job, sie nicht. Wir helfen, wenn sie das wollen und wenn nicht, dann eben nicht. Ich will hier keine Streitereien, weil das nicht gut für meinen Gemütszustand ist.

Am Nachmittag möchte mir Teilnehmerin 16 eine Flasche Wein schenken. Da ich keinen Wein zu mir nehme, bekommt Jörg diese geschenkt, obwohl sie, wie sie sagt, Jörg nicht mag, da sie einfach kein gutes Gefühl bei ihm hat. Großartig, da fühle ich mich gleich irgendwie aufgewertet. Zur Belohnung schenke ich Teilnehmerin 16 einen gelben Turnbeutel. Als sie anschließend im Beurteilungsbogen schreibt, dass ich ihr an der Maßnahme am besten gefalle, fühle ich mich menschlich drastisch aufgewertet. Ich liebe es, wenn ich beliebter als andere bin. Darum darf sie mich auch duzen und anfassen, weil wir heute Kumpel geworden sind. Jörg indes gibt sich schwer beeindruckt und zählt gleich drei Frauen auf, die aus seiner Sicht ganz angetan von mir sind. Ich glaube zwar, dass er übertreibt, will meinen Höhenflug aber nicht beenden und widerspreche nicht.
Teilnehmer 3 und Teilnehmer 5 nehmen auch ordnungsgemäß an der Maßnahme teil. Teilnehmer 5 sucht nach Stellen und Teilnehmer 3 gestaltet Excel-Tabellen für seine Statistiken farblich neu, was ich großartig finde, denn auch ich habe für alles Mögliche Excel-Tabellen erstellt, um mein Leben zu optimieren.

Freitag
Kaum passt man einen Moment nicht auf, da ist schon Freitag und Teilnehmerin 14 besucht mich im Büro. Sie scheint Schnupfen zu haben, denn sie zieht sich auffallend oft die Nase hoch. Ansonsten sitzt sie wie immer an ihrem Platz und schaut die Stellenanzeigen an, die sie nicht interessieren, weil sie ihren Minijob behalten und auch nicht mehr Stunden arbeiten will. So wird sie ihre Zeit hier weiterhin absitzen bis es vorbei ist und sie erlöst wird. Teilnehmerin 13 hat heute nur zwei Stunden Zeit, weil ihr Mann dann zur Schule und sie aufs Kind aufpassen muss. Ich glaube nicht, dass ich es verantworten kann, eine Umschulung zu unterstützen, denn dafür hat sie offensichtlich keine Zeit. Vielleicht eine Umschulung in Teilzeit, aber auch da bin ich mir nicht sicher. Ihre Träume und die Realität scheinen nicht vereinbar. Nur wer erklärt ihr das? Ich finde, Jörg sollte das tun, wenn er nächste Woche wieder hier ist. Heute ist er zum Fäden ziehen und kann das daher nicht machen.

Wenig später erhalte ich von Markus die Mitteilung, dass er erkältet ist und der Corona-Schnelltest positiv ausgefallen ist. Mittwochabend war ich bei ihm zu Besuch, weshalb ich unverzüglich ein Kratzen im Hals verspüre. Solange ich all diese Erkältungskrankheiten nur simuliere, bin ich vermutlich auf der sicheren Seite. Ich werde es beobachten.

Lediglich Teilnehmerin 6 besucht mich am Nachmittag. Teilnehmer 7 wird vermutlich so lange nicht erscheinen, bis wir ihm kündigen und Teilnehmer 10 ist vermutlich noch krank. Aus unerklärlichen Gründen schätzt mich Teilnehmerin 6 auf 35. Darum bitte ich sie, dass sie sich ihre Brille aufsetzt und erneut mein Alter schätzt. Maximal 40 schätzt sie nun, weshalb ich ihr früher frei gebe. Somit ist der Nachmittag entspannt und es passiert nichts weiter. Dafür, dass ich Kontakt zu einem frisch Corona Infizierten hatte, die Strompreise explodieren, Gas möglicherweise so knapp wird, dass ich im Winter frieren muss und unsere Politiker mit Vollgas, quasi ganz bewusst, die Katastrophe herbeiführen, bin ich auch weiterhin sehr gelassen. Daher muss ich davon ausgehen, dass ich wohl in Kürze sterbe, denn sonst würde ich doch irgendwie panisch werden und mich aufregen. Aber ich will das einfach nicht. Falls ich jedoch nicht rechtzeitig sterbe, schlittere ich vollkommen naiv und unvorbereitet in den schlimmsten Winter aller Zeiten und die einzige Frage, die ich mir dann frierend stelle, wird lauten: Wie konnte das passieren? Dann ist es aber zu spät und während ich zugrunde gehe, bleibt mir nichts weiter als mir Fotos dieses wunderbaren Sommers anzusehen, ein letztes Mal zu seufzen und aus dem Leben zu scheiden. Was für eine absurde Entwicklung.

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