GVS Herdecke

Hallo liebe Herdecker,

ich bin der Arndt und schreibe Ihnen, weil man mir bei der CJG Kinder- & Jugendhilfe St. Josef mitgeteilt hat, dass eine Familienberatungsstelle der richtige Ansprechpartner für mich ist. Und Sie sind ja eine Familienberatungsstelle.

Deshalb schildere ich Ihnen nun kurz meine Problematik, damit Sie mir anschließend helfen oder mir gute Ratschläge erteilen können. Ich bin ein schlanker Mann mit wenigen Interessen und noch weniger Hobbies und meine Eltern mögen mich scheinbar nicht mehr, weil sie mir seit Jahren nahe legen, dass ich ausziehen soll. Ich empfinde das als sehr abwertend und unverschämt, weil die mich ja damals unbedingt haben wollten und nun unbedingt loswerden wollen. Ich kann das nicht verstehen. Ich bin pflegeleicht und freundlich. Ich mache nicht ins Bett, räume mein Zimmer immer auf und trage immer frische Unterwäsche. Wenn nötig gehe ich einkaufen und trage den Müll runter. Ich bringe selten Freunde und noch seltener Frauen mit. Ich bete jeden zweiten Abend und ziehe mich am Sonntag extra fein an.

Ich möchte nicht alleine leben, weil ich das auch gar nicht kann. Seit 24 Jahren werde ich von meinen Eltern immer wieder aufgefordert auszuziehen, doch ich mag einfach nicht. Wo soll ich mit meinen 44 Jahren denn auch hin? Ich habe sehr viel Angst alleine zu wohnen und zu verderben. Die Welt da draußen ist ja voller Gefahren. Das sehe ich täglich auf RTL, RTL 2 und Sat1. Etwa 80% meiner Freizeit verbringe ich vor dem Fernseher. Ich esse nicht viel und lege keinen großen Wert auf schöne Kleidung. Gerne laufe ich den ganzen Tag im Jogginganzug rum. Das sieht nicht nur sportlich aus, es gibt mir auch ein gutes Gefühl und erinnert mich an bessere Tage.

Aus all diesen Gründen frage ich sie nun, ob sie mich nicht bei sich aufnehmen können? Ich würde auch nicht viel Arbeit machen und könnte mich sogar irgendwie nützlich machen. Ich habe einen Beruf erlernt. Ich bin Elektriker. Ich könnte also in Ihrer Einrichtung kleine Reparaturen selbst durchführen. Dazu möchte ich von Ihnen nur ein Zimmer und ein Badezimmer und regelmäßige Mahlzeiten, weil ich nicht kochen kann. Außerdem habe ich noch nie Wäsche gewaschen. Vielleicht können Sie mir das ja beibringen.

Ich würde Ihnen das auch bezahlen. Ich bekomme Arbeitslosengeld II und würde Ihnen das überlassen, wenn Sie sich im Gegenzug um mich kümmern. Wenn Sie mir nicht weiterhelfen können, wäre es toll, wenn Sie mir sagen könnten, wer mir helfen kann. Lange kann es nämlich nicht mehr dauern bis meine Eltern mich rauswerfen. Davor habe ich Angst.

Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und bitte Sie, dass Sie meinen Eltern nichts von meinem Schreiben verraten.

In Erwartung Ihrer baldigen Antwort und mit hoffnungsvollen Grüßen
Arndt

© 02.2015

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