Sim Jü

Weil in diesem Jahr das Wetter
mitspielt, besuche ich gemeinsam mit Petra die Sim Jü. Normalerweise wollte
Manni uns begleiten, doch dann hat er sich anders entschieden, so dass er auf
das Vergnügen verzichten muss. Es ist voll und die Menschenmassen verwirren
mich. Das Tempo, mit dem wir über die Kirmes wandern, variiert, so dass ich
ständig aufpassen muss, niemanden in die Hacken zu treten. Dummerweise gelingt
mir das nicht wirklich. Und so trete ich den Leuten, die vor mir gehen und
spontan das Tempo reduzieren, immer wieder in die Hacken. Als ich noch jünger
war, ist mir das nicht so oft passiert. Mittlerweile kann ich einfach nicht
mehr auf die Geschwindigkeit und alles, was um mich herum zu sehen ist,
konzentrieren. Und je länger wir wandern, desto unkonzentrierter werde ich. So
ist es wenig verwunderlich, dass ich irgendwann spontan auf eine vor mir
gehende Frau auflaufe. Die Frau reagiert nicht wirklich, weshalb ich davon
ausgehe, dass ihr das öfter passiert. Ich entschuldige mich auch nicht, weil
ich nicht mit fremden Frauen rede. 

Wenig später passiert wieder etwas,
was mich irritiert. Vor mir geht ein älteres Paar im Jack Wolfskin Partnerlook,
was wenig gut aussieht. Die an der Jacke der Frau angebrachte Kapuze ist
irgendwie nach außen gestülpt. Sofort will ich nach der Kapuze greifen, um sie
in einen ordnungsgemäßen Zustand zu bringen. 
Nur ganz knapp kann ich verhindern, dass ich es tatsächlich mache. Man
darf fremden Leuten nämlich nicht einfach so an die Kapuze fassen. Ich weise
Petra auf die Kapuze und meinen Drang, das in Ordnung zu bringen, hin. Sie
nennt mich Monk. Agnes würde mich Sheldon nennen. Ich beschließe, die Kapuze zu
vergessen. Als die Frau nicht mehr vor mir geht, schaffe ich es endlich. Ich
kann dennoch nicht verstehen, dass jemand seine Kapuze nicht ordentlich tragen
kann.
Um 21.00 Uhr, Petra hat sich gerade
einen mit Helium gefüllten Luftballon mit Micky Mouse Gesicht gekauft, beginnt
das große Feuerwerk. Die Musik geht aus, die Menschen hören auf sich zu bewegen
und starren gen Himmel. Das Feuerwerk ist eher lahm und ich bewundere
stattdessen den Vollmond. Dann schaue ich mir die Leute an. Wie Zombies, die
verwirrt sind, starren sie alle nach oben und bewegen sich nicht weiter. Es ist
schon erstaunlich, wie so ein einfaches Ereignis wie ein Feuerwerk die
Menschenmassen zur Ruhe bringen kann. Mich faszinieren all die Zombies
jedenfalls mehr als das Feuerwerk. Kaum ist das Feuerwerk vorbei, wird es
wieder laut und die Zombiemassen bewegen sich als wäre nichts geschehen.  Das ist irgendwie verrückt und dieser
bewegende und auch denkwürdige Moment beendet den diesjährigen Besuchs auf der
Sim Jü. Ob ich nächstes Jahr wiederkomme, um mir menschliche Zombies anzusehen,
entscheidet ganz allein das Wetter.
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