Fliegende Kollegen

Nach sechs Monaten ist Patzi zurück und beginnt mit der Wiedereingliederung, nach seiner krankheitsbedingten Ausfallzeit, in der Maßnahme, die er vorher geleitet hat, und ich hoffe irgendwie, dass er die Leitung wieder übernimmt, weil ich den Mist dann los bin. Mir gefällt seine Rückkehr, denn so bin ich nur noch freitags zur Maßnahmebesprechung und sonstigem organisatorischen Kram dort eingesetzt. Und es kommt noch besser, denn Dieter ist auch in der Maßnahme eingesetzt und nicht mehr in meiner Lieblingsmaßnahme. Ich hoffe, daran ändert sich nichts mehr und er bleibt dort. Kirsten ist in beiden Maßnahmen eingesetzt, ebenso wie Jens, der aber überwiegend bei mir sein wird. Auf den ersten Blick eine Verbesserung zum Vormonat, die ganz nach meinem Geschmack ist. Darauf lässt sich eigentlich aufbauen, doch zu Beginn der zweiten Woche bricht Patzi die Wiedereingliederung ab und ich habe das Gefühl, dass es das damit für ihn war und wir ihn nicht wiedersehen werden.

Dieter möchte nicht Dieter, sondern Don genannt werden, weil er von allen, wer auch immer alle sind, so genannt wird. Nur sein Vater nennt ihn Dieter. Immerhin. Zum Spaß frage ich, ob Don von Don Corleone abgeleitet ist. Er bejaht. Ich kann ihn nicht Don nennen, weil es für mich zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn ergibt. Allein die Vorstellung, wie dieser Mann, der beim Erzählen mit den Armen flattert als würde er abheben wollen, Don genannt wird, verwirrt mich. Was mir dazu spontan einfällt ist Don Ente, dem alle zurufen:” Flieg Don, flieg!”. Und während ich das denke und ihn betrachte habe ich folgende Melodie im Kopf “Don Holgersson fliegt mit den Gänsen davon”. Was so ein ständiges Flügelschlagen mit den Armen doch alles auslösen kann.

Don Dieter reagiert auch nicht, wenn man ihn mit seinem Namen anspricht. Er scheint überzeugt zu sein, dass er nicht gemeint ist. Scheinbar kann nur die Stimme seines Vaters den Dieter in ihm erreichen. Wenn ein Rauhaardackel, den man mit seinem Namen ruft, nicht reagiert, kann ich das irgendwie verstehen. Bei Katzen ebenso und manchmal auch bei bockigen Kleinkindern. Bei einem erwachsenen Mann hingegen fehlt mir durchaus das Verständnis. Menschen sind schon komische Geschöpfe und während ich darüber nachdenke warte ich irgendwie darauf, dass Don Ente trotzig mit den Flügeln schlägt und davon fliegt, weil wir ihn einfach nicht Don nennen können oder wollen. Verrückte Welt.

Mitte der Woche kommt Carsten vorbei, um sich von allen zu verabschieden. Seine berufliche Zukunft liegt woanders und ich verliere einen Kollegen mit dem ich eigentlich die nächsten Jahre zusammenarbeiten wollte. Das ist, wenn man es so sagen darf, schlicht und ergreifend Scheiße. In der Mittagspause gehen wir, wie es eine Weile Tradition war, asiatisch essen. Auf dem Weg dorthin treffen wir auf den dritten Mann. Dieser arbeitet mittlerweile beim Jobcenter und umarmt zur Begrüßung Carsten. Umarmungen, eine Angewohnheit bei der ich nur selten mitmache. Als ich dem dritten Mann zur Begrüßung die Hand reiche, werde ich auch schon umarmt. Gut, dass ich damit gerechnet hatte, sonst hätte ich mich gewundert. Anschließend wandern wir gemeinsam zum Essen. Zwei ehemalige Kollegen, die die nächste Stufe der Karriereleiter erklommen haben und ich, der Mann, der bis ans Ende seines Arbeitslebens den aktuellen Job machen will. Eine irgendwie skurrile Situation in der ich mich frage, ob ich nicht auch irgendwann mal was aus mir machen will. Rasch finde ich die Frage albern und bestelle mir eine Suppe und Frühlingsrollen.

Am Ende der zweiten Arbeitswoche des Monats wird es irgendwie unschön. Eine Teilnehmerin der anderen Maßnahme beschwert sich so sehr über uns, dass sie vo Jobcenter aus der Maßnahme genommen wird. Patzi und ich sind für die Kritik verantwortlich. Zunächst verstehe ich nicht genau, was mein Fehler war, erfahre es aber später von der Teilnehmerin, die keine mehr ist, als ich sie anrufe. Meine Witze und Sprüche hätten ihr gezeigt, was wir von ihr halten. Ich sage nämlich oft zu Teilnehmern, dass sie sich beim Jobcenter beschweren sollen, wenn wir unsere Arbeit nicht ordentlich machen oder ihnen auf den Keks gehen. Für die Kundin klang das leider nach: “Gehen Sie sich doch beschweren, mir doch egal.” Und weil Kollege Patzi anschließend ständig Sachen gemacht hat, mit denen sie nicht einverstanden war, hat sie sich folgerichtig beschwert. Während des Gesprächs entschuldige ich mich etwa drei- bis fünfmal und sage, dass Sie mich völlig falsch verstanden hat, ich es aber aus ihrer Sicht verstehen kann. Immerhin endet das Gespräch damit, dass wir uns ein schönes Wochenende wünschen. Wäre ich gut, hätte ich es geschafft, dass sie uns eine zweite Chance gibt. Wäre ich richtig gut, hätte ich es gar nicht so weit kommen lassen, dass sie sich hätte beschweren müssen. Wie hätte ich ahnen können, dass ein Kollege, der den Job seit drei Jahren macht, nicht in der Lage ist auf unsere Teilnehmer einzugehen? Nun weiß ich, dass ich ihn hätte kontrollieren müssen. Ich weiß aber auch, dass ich es in Zukunft nicht mehr muss, weil er sich damit ins Aus manövriert hat und hier nicht mehr arbeiten wird. Schon bald wird seinen Platz ein neuer Kollege oder eine neue Kollegin einnehmen. Die Mitarbeiter Ab- und Zugänge sind fast schon schwindelerregend und kaum habe ich einen neuen Namen gelernt, darf ich ihn wieder vergessen. Wann werde ich wohl an der Reihe sein? Sicher bald, wenn sich meine Fehler weiter so häufen.

Werde ich in Zukunft wenigstens auf meinen merkwürdigen Humor, blöde Sprüche und Hinweise, dass sich alle gerne beim Jobcenter über uns beschweren können, verzichten? Petra ist der Meinung, dass ich damit aufhören muss, weil ich sonst irgendwann richtig Ärger bekommen werde. Ich indes sehe das anders, weil ich nicht immer vor dem Reden denken kann. Zu oft ist der Mund schneller als der Verstand. Da helfen auch keine Pillen.

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