Telefonieren – Damals und heute

Früher konnte ich vom Telefonieren scheinbar nicht genug bekommen. Ich liebte Scherzanrufe und konnte auch sonst stundenlang am Telefon meine Freunde und Bekannten vollquatschen. In der Schulzeit während meiner pubertären Phase fand ich die Telefonnummern der für mich attraktivsten Mitschülerinnen raus und rief sie an. Ich sagte nie meinen Namen, telefonierte aber stundenlang mit den Mädels. Mit einer sogar über mehrere Wochen regelmäßig. Ich hatte anscheinend viel zu erzählen, war witzig und unterhaltsam. Erst als die Mädchen herausfanden, dass ich sie angerufen habe, war der Spaß vorbei. Fortan rief ich sie nicht mehr an und sprach auch kein Wort mehr mit ihnen. Ich war also schon recht früh ziemlich gestört, aber durchaus unterhaltsam. Jahre später klemmte der Loerz meine Telefonnummer einer attraktiven Frau, die an einem Nebentisch Billard gespielt hatte, unter ihren Scheibenwischer, weil wir aus mir nicht mehr bekannten Gründen wussten, mit welchem Auto sie kam. Ich dachte damals, dass er die Telefonnummer eines anderen Mitspielers dahinter geklemmt hatte und war sehr überrascht, dass ich am Abend angerufen wurde. Mit der Frau telefonierte ich bis spät in die Nacht, wobei ich mehrfach darauf hinwies, dass ich ziemlich merkwürdig bin, was sie nicht abschreckte, weil ich am Telefon äußerst witzig, unterhaltsam und vermutlich auch interessant war. Am Telefon war ich früher ziemlich genial, fast schon unwiderstehlich. Irgendwann mussten wir das Gespräch beenden und die Frau frage, wie es nun weiter geht. Ich sagte, dass man sich normalerweise trifft, wir das aber nicht machen werden, weil ich zu gestört bin und nur am Telefon zu überzeugen weiß, bei realen Treffen aber zu nichts zu gebrauchen bin. Die Frau war mir eindeutig zu attraktiv und klug, dass ich mich hätte mit ihr treffen können. Mir war sehr wohl bewusst, dass das keiner verstehen würde, aber mich Witzfigur könnte ich ihr auf keinen Fall zumuten. Sie fand das zwar merkwürdig, dass man sich nach so einem Telefonat nicht trifft, akzeptierte es aber und ich habe natürlich nie mehr von ihr gehört. Auch in den folgenden Jahren als ich Frauen übers Internet kennenlernte, waren stundenlange Telefonate mein Markenzeichen. Am Telefon war ich das Beste von mir. Doch seit etwa zehn Jahren ist alles anders und wenn nicht Agnes und Loerz regelmäßig bei mir anrufen würden, wüsste ich vermutlich gar nicht mehr, dass man mit einem Smartphone telefonieren kann, vermutlich wüsste ich nicht einmal mehr, dass private Telefonate mit Festnetztelefonen heutzutage noch möglich sind. Meine Arbeitskollegen telefonieren regelmäßig miteinander, was mich völlig irritiert, weil ich überhaupt nicht wüsste, was ich sagen sollte bei so einem Telefonat. Ich habe ja so schon meist nichts zu erzählen und außer blöden Witzen kommt selten was Brauchbares von mir. Und wenn es keine Kollegen wären mit denen ich telefonieren würde, sondern vielleicht eine Frau, die ich von mir überzeugen wollte, so wüsste ich erst recht nichts zu erzählen. Ich bin einfach zu langweilig, weshalb ich schon lange niemanden mehr anrufe außer Agnes und Loerz, den ich manchmal zurückrufe. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mit mir telefonieren würde, bekomme ich sofort ein unbehagliches Gefühl. Dass telefonieren früher eine Paradedisziplin war, ist heute quasi undenkbar geworden. Ich glaube auch nicht, dass sich das je wieder ändern lässt, weil ich von Tag zu Tag langweiliger werde und einfach niemanden mit meinen langweiligen Geschichten langweilen will. Es ist offensichtlich, dass ich immer gestörter werde. Aber immerhin gehe ich noch fast jedes Mal ran, wenn ich angerufen werde.

2 Kommentare on "Telefonieren – Damals und heute"


  1. Zu schade, sonst könntest du jetzt in einem Callcenter arbeiten. Oder als Callboy. Hahahaha. A propos… nein, einfach so: Was macht das Gradierwerk?

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    1. Einen Job im Callcenter biete ich nicht einmal meinen Teilnehmern an. Und als Callboy wäre ich sofort pleite, weil ich nicht ans Telefon gehe.

      Das Gradierwerk. Gute Frage. Ich bin da zwiegespalten. Aber es ist fast täglich in Betrieb. Ausführlicher Bericht folgt in ein paar Wochen.

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