Ein fast normaler Montagvormittag

Als ich um kurz nach 09.00 Uhr aufstehe, ahne ich noch nicht, dass ich den ganzen Tag über die Wohnung nicht verlassen werde und kaum telefoniere ich mit Agnes, muss ich auch schon meinen Kollegen anrufen, weil es eine Entscheidung zu treffen gibt. Kurz halte ich mich für wichtig und einflussreich, doch dann werde ich mir wieder meiner Bedeutungslosigkeit bewusst. Ich treffe eigentlich keine Entscheidung, ich werde nur zu etwas gefragt, was eigentlich schon entschieden ist, es muss nur vom Maßnahmeleiter, der ich merkwürdigerweise bin, abgesegnet werden. Vielleicht muss es auch nicht von mir abgesegnet werden und wir sind alle einem Irrtum erlegen. Die Frau, die sich über mich beschwert hat, will nun die drei Wochen Urlaub, die ihr zustehen. Warum Arbeitslose glauben, es stünde ihnen Urlaub zu, werde ich nie verstehen. Auf Urlaub, besser gesagt Ortsabwesenheit, zu bestehen, während man an einer Maßnahme teilnimmt, ist schon ziemlich dreist, passt aber insgesamt zu dem Verhalten der Frau. Der Vermittler vom Jobcenter möchte wissen, ob das Maßnahmeziel, wenn er ihr den Urlaub genehmigt, gefährdet ist. Ich sage meinem Kollegen, dass die Frau niemals ein Maßnahmeziel erreichen wird, weil sie gar nichts versteht und immer nur fordert. Sie kann nur Ansprüche stellen, wir können ihr nicht helfen. Sie wird nie arbeiten gehen, wenn nicht ein Wunder passiert oder sie ihre komplette Einstellung überdenkt, was letztlich auch einem Wunder gleichkäme. Obwohl Katja Ebstein damals “Wunder gibt es immer wieder” sang, denke ich nicht, dass die Teilnehmerin und irgendein Wunder in nächster Zeit zueinander finden werden. Die junge Frau glaubt, sie könne Dinge, die sie nicht kann. Sie kann von mir aus der Maßnahme genommen werden, weil ich nicht helfen kann. Wir alle hier können nicht helfen. Ich werde in dem Bericht deutlich auf ihre Sturheit und ihre Unbelehrbarkeit hinweisen. Jetzt denke ich wieder wie einer, dessen Meinung von Bedeutung ist und der es sich erlauben kann über andere ein Urteil zu fällen. Auch wenn das mein Job ist, steht es mir eigentlich nicht zu. Andererseits wurde früher, als ich auf der anderen Seite meinen Dienst verrichtete, auch von Jobcoaches und so Leuten über mich geurteilt. Dennoch ist es so gekommen, dass ich nun urteilen soll, muss und darf. Vermutlich ist es einfach so, dass einer das Recht hat zu urteilen und ein anderer nimmt sich zwar das Recht raus, hat aber nichts zu melden und es interessiert keinen, was er sagt, selbst wenn er etwas Bedeutendes sagt. Nun sitze ich halt auf der Seite, auf der in gewisser Weise die Sonne scheint und meine Meinung irgendwie zählt, fast schon von Bedeutung ist. Die Sonne, die mich quasi erleuchtet und mir die Macht gibt, über andere zu urteilen, scheint auf mich herab und ich sauge die Strahlen auf und (ver)urteile, was das Zeug hält. Ich könnte vermutlich Stunden über so Sachen nachdenken, weiß aber nicht, ob mir das zusteht oder irgendwem hilft. Wenige Minuten nach dem Telefonat ist die Teilnehmerin Geschichte und wird durch einen Mann ersetzt, der lange Zeit wegen seiner Schizophrenie als arbeitsunfähig galt. Nun soll überprüft werden, ob er nicht vielleicht doch noch für den Arbeitsmarkt geeignet ist. Das wird bestimmt sehr unterhaltsam, weil ich ja dank zweier Ausbildungen und einer Ausbilderprüfung sicherlich über genug Fachwissen verfüge, um den Mann ordnungsgemäß zu betreuen und anschließend fachmännisch über seine berufliche Zukunft zu urteilen. Wenn das nicht alles grotesk ist, was ist es dann? Bevor ich weiter über die Absurditäten des Lebens nachdenke, telefoniere ich wieder mit Agnes, denn das macht mehr Spaß und hat, so denke ich wenigstens, mehr mit der Realität zu tun als irgendetwas, was mit meinem Job zu tun hat, der in ein paar Monaten theoretisch ganz anders sein wird. Dann fragt mich keiner mehr nach meiner Meinung und ich kann wieder vollkommen untertauchen, wie es sich für mittelmäßige Mitläufer gehört.

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