Der zweite Lockdown beginnt

Obwohl es nun wirklich nicht überraschend kommt, wirft es mich irgendwie aus der Bahn, dass wir ab Mittwoch die Teilnehmer nur noch per Telefon oder TeamViewer betreuen können. Veränderungen, ob erwartet oder unerwartet, werfen mich immer erstmal aus der Bahn und es dauert eine Weile bis ich mich darauf einstellen und mit den Veränderungen weiter machen kann. Daher bin ich ziemlich verwirrt und gehe eine Weile wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Büros. Als dann auch noch die ganzen neuen Anweisungen nach und nach eintreffen, bin ich komplett verständnislos. Zusätzliche Listen, um zu dokumentieren welcher Coach an welchem Tag wie lange mit welchem Teilnehmer kommuniziert hat. Drei Stunden dauert ein Termin bei Anwesenheit und ich frage mich, wie ich nur halb so lange mit den Teilnehmern telefonieren soll. Ich kann denen kurz Aufgaben geben, Fragen beantworten und fragen wie es ihnen geht, aber all das dauert kaum mehr als zehn Minuten. Und die meisten Teilnehmer werden während der Zeit vermutlich gar nichts machen. Schließlich ist ja auch bald Weihnachten und Silvester und was noch als Ausrede für komplette Verweigerung der Mitarbeit herhalten kann. Komplett ratlos und überfordert sitze ich da als die nächste Anweisung uns erreicht. Einmal pro Woche 90 Minuten Video-Klassenzimmer mit allen Teilnehmern. Eine Teilnehmerin fragt, was wir die ganze Zeit über reden sollen. Ich weiß es nicht und frage die Chefin, ob wir da Unterricht machen sollen und wenn ja, was für Unterricht. Eine Antwort bekomme ich nicht. Mein Kollege sagt, da geht er lieber in 100% Kurzarbeit. Ich denke, wenn jeder von uns 50% Kurzarbeit macht, ist es auch gut. Nur bitte keine Urlaubstage nehmen müssen, denn sonst erhole ich mich im ganzen nächsten Jahr nicht von dem Lockdown. In Anbetracht all der Erkrankten und Verstorbenen ist das sicher Jammern auf hohem Niveau, aber ich darf das, weil ich das darf. Damit gefährde ich auch niemanden, weshalb mein Egoismus durchaus angebracht ist. Ich frage mich, wie viele Lockdowns (Das Wort finde ich auch weiterhin blöd) wohl in nächster Zeit noch kommen werden und wie lange dieser Lockdown am Ende wirklich dauern wird.

Am nächsten Tag ist es Gewissheit, dass auch wir mit unseren Teilnehmern tatsächlich einmal in der Woche in einem Video-Klassenzimmer 90 Minuten verbringen müssen. In der Woche, wenn mein Kolleg Urlaub hat, werde ich also mit zwei bis maximal fünf, von fünfzehn Teilnehmern, gemeinsam, leicht behindert vor einer Kamera sitzen und wir werden uns zumeist anschweigen und blöd aus der Wäsche schauen. Wozu das gut sein soll, weiß ich nicht. Was unsere Aufgabe sein wird, weiß ich ebenfalls nicht, da meine Frage von der Chefin noch immer nicht beantwortet wurde. Alle 15 Teilnehmer bekommen heute einen Brief mit den Terminen und Anweisungen, wie sie den TeamViewer installieren und nutzen können. Ich weiß schon nicht, wie ich täglich mindestens eine Stunde mit den Teilnehmern telefonieren soll, wie soll ich da neunzig Minuten im Video-Klassenzimmer schaffen? Damit werden aus den letzten wohlwollenden Teilnehmern frustrierte Teilnehmer, die wohl eher kein positives Fazit ziehen werden, wenn sie mich 90 Minuten ratlos ertragen müssen. Jetzt tun die mir plötzlich total Leid und ich fühle mich schlecht, weil ich so unbrauchbar bin. Spontan bin ich für 100% Kurzarbeit, denn zu solchen Aktionen tauge ich nicht, vielmehr noch, bin ich dazu völlig ungeeignet. Da muss und kann man sich auch nichts schönreden. Meine einzige Art zu coachen ist der direkte Kontakt, ohne Plan, einfach drauflos. Irgendwie ergibt sich da meist eine Kommunikation, aber ein Gespräch führen und unterrichten, dazu bin ich ebenso ungeeignet wie eine Kuh ungeeignet ist ein Flugzeug zu fliegen. Nachher werde ich die ersten Teilnehmer anrufen und sagen, dass das Gespräch mindestens eine Stunde dauern muss. Das wird sicher ein voller Spaß und Erfolg.

Die Teilnehmerin mit der ich zuerst spreche, wartet nur noch auf ihren Arbeitsvertrag. Dies verzögert sich durch Corona, aber dennoch gibt es keinen Grund länger als 5 Minuten zu telefonieren. Und selbst dabei wiederholt sich während des Gesprächs das meiste. Reden um des Redens willen. Auf eine Stunde Coaching kommt man so nicht. Was soll ich ihr auch sagen? Seien Sie lieb zu Ihrem Chef. Seien Sie lieb zu den Leuten, die sie betreuen. Duschen Sie regelmäßig und vergessen Sie unter keinen Umständen unter der Maske zu lächeln. Selbst so bekomme ich keine Stunde voll. Der junge Mann, mit dem ich das zweite Gespräch führe, hat ein defektes Smartphone, weshalb die Stellensuche sich als schwierig gestaltet. Ihm könnte ich vielleicht einen Vortrag halten, wie man ein Smartphone behandelt, damit es länger lebt. Eine Stunde lang. Der junge Mann mit dem ich das letzte Gespräch führe, kann immerhin von einem Vorstellungsgespräch erzählen, welches aber, leider wenig überraschend, nicht zum Erfolg führte. Ich sage ihm, er muss am Ball bleiben und sich weiter bewerben. Alternativ können wir das auch für ihn machen. Wenn er hier ist reden wir auch stets im Kreis, aber das macht wenigstens etwas Sinn. Am Telefon ist das ähnlich zielführend als würde er sich das Wort zum Sonntag anhören und dabei einschlafen. Ich bin kein Telefoncoach und er ist kein Teilnehmer, der von sich aus irgendetwas machen wird. Und jetzt wo er mich nicht sechs Stunden pro Woche ertragen muss, muss er mich auch keine Gründe nennen, warum dieses und jenes schiefgeht. Er kann einfach das tun, was er scheinbar am besten kann. Abwarten.

Wenn es irgendwann nur noch Maßnahmen gibt, die ausschließlich online stattfinden, dann bin ich raus, weil nicht mehr zu gebrauchen. Ich brauche dummerweise den realen Kontakt, dann kann ich improvisieren, reagieren und spontan irgendwas von den Teilnehmern fordern. Telefonisch bin ich nichts weiter als eine Wurst, die in einem Büro vergessen wurde. Sollte jemals während eines solchen Lockdowns der schlechteste Coach Deutschlands gewählt werden, dann habe ich den Titel sicher in der Tasche. Es ist echt deprimierend, wenn man größtenteils talentfrei ist und obendrein mit Veränderungen nicht wirklich klar kommt.

4 Kommentare

  1. Oh Mann, was für ein Leerlauf. Da fällt mir echt auch nichts dazu ein. Oder doch, kauf irgend ein Coachingbuch und lies einfach eine Stunde daraus vor.

  2. Vermeiden sie fettes essen und seien sie nett zu ihren Nachbarn. Der Sinn des Lebens, ein großartiger Film. Haben sie eigentlich sendungsbewusstsein den Teilnehmern ihrer Maßnahmen gegenüber, oder wissen sie, dass die den pflichtscheiss des jobcenters nur absitzen und anspruchslos aushalten?

    • Ich bin pflichtbewusst und dankbar. Oft sage ich meinen Teilnehmern, dass ich nur einen Job habe, weil sie arbeitslos sind und sie gerne jedes Jahr wiederkommen können, weil sie so quasi dazu beitragen meinen Arbeitsplatz zu sichern. Vielleicht brauche ich sie mehr als sie mich.

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