Die elfte geteilte Arbeitswoche

Zu viele Autos verstopfen auch heute wieder die Straßen. Wenn ich das täglich ertragen müsste, würde ich irgendwann morgens einfach nicht mehr losfahren, weil das einfach gruselig ist. Diese Massen an Fahrzeugen. Alle müssen irgendwohin, alle haben es eilig und doch stehen alle ständig im Stau. Das ist eine Katastrophe für Mensch und Umwelt und wenn man sich das anschaut, dann ist unschwer zu erkennen, dass wir alle längst verloren sind. Obwohl ich innerlich nicht wirklich gelassen bin, versuche ich ruhig zu bleiben. Ich kann es nicht ändern, ich bin nicht verantwortlich und ich bin nur vorübergehend Teil dieses speziellen Wahnsinns. Exakt um 08.00 Uhr logge ich mich im Büro ein. Immerhin keine Verspätung, mehr kann ich vermutlich nicht verlangen.

Was wird der Tag heute bringen? Wem bringt es etwas und was kommt danach? Auf dem Weg über den Flur begegnet mir Oma Sheriff und beginnt einen Plausch, den ich aber direkt unterbinde, weil ich keine Zeit habe und arbeiten muss. Wenn ich eine Aufgabe habe, dann kann ich nicht plötzlich kommunizieren, weil ich sonst komplett den Überblick verliere und hinterher nicht mehr weiß, was ich überhaupt vorhatte zu tun. Das kommt bestimmt nicht gut an, ist aber alternativlos.

Als ich später erneut mein Büro verlasse, ist Oma Sheriff erneut auf dem Flur unterwegs. Sie wirkt gestresst und ist sichtlich genervt, weshalb ich sie mit albernen Sätzen aufzuheitern versuche. Ab morgen hat sie Urlaub, da kann es nur gut werden, vor allem, weil sie sich zwei Tage Wellness-Urlaub gönnt zwischendurch. Sauna und schwimmen werden ihr sicher guttun. Dass wir auch heute nicht flirten, erkenne ich daran, dass ich noch immer keine Ahnung habe, welche Augenfarbe sie unter ihrer Brille versteckt. Ich weiß aber auch, dass Außenstehende viele unserer Plaudereien leichtfertig als flirten bezeichnen. Wenn ich wirklich flirten würde, hätte man das hier allerdings längst bemerkt und auch angesprochen. So schaut´s aus.

Am Nachmittag erzählt mir Oma Sheriff, dass sie sich kürzlich spontan eine Oma Zeitung gekauft hat. Ich muss mich echt zusammenreißen, nicht zu sehr zu lachen. Als würde sich ein Kreis schließen. Oma Sheriff und die Oma Zeitung. Der perfekte Titel einer Sitcom-Folge. Landlust heißt die Zeitung, wobei es aber, wie Oma Sheriff anmerkt, nicht um die Lust geht. Also nicht um sexuelle Lust. Hätte ich bei einer Oma Zeitschrift auch nicht erwartet. Demnächst will sie eine Kartoffel-Kürbis-Suppe kochen. Es ist wichtig, wenn man Ziele hat.

Auch am Mittwoch bleibe ich gelegentlich auf der Autobahn stehen oder rase mit 30 km/h an den Landschaften vorbei. Weil das so deprimierend ist, schaue ich in die anderen Fahrzeuge. In wirklich jedem Fahrzeug sitzt genau eine Person, die sich diesen Irrsinn vermutlich täglich antut. Da muss man doch irgendwann total frustriert sein und sich fragen, was das soll. Viele müssen das sicher viele Jahre ertragen und haben sich damit abgefunden, weil es alternativlos und Teil des Lebens ist, im Stau zu stehen und ewig lange zum Arbeitsplatz zu fahren. Auf mich wirkt das, was wir hier tun, vollkommen hirnrissig und kann nicht normal sein. Eine Armee menschlicher Roboter auf dem Weg zur Hölle. Funktionieren und Geld erwirtschaften, Sinn und Zweck des menschlichen Daseins. Und weiter rollt die Blechlawine, immer weiter. Bis zum Ende aller Tage und darüber hinaus.

Nachdem mit Oma Sheriff gestern erzählt hat, dass der Übersetzer in Mails an sie zur Begrüßung gerne mal „Guten Morgen, meine Chefin“ schreibt, will ich ihr zur Begrüßung auch eine derartige Mail schreiben, doch da wir uns direkt bei meinem Arbeitsbeginn begrüßen, ergibt das mit der Mail keinen Sinn mehr. Oma Sheriff hat gute Laune und als ich mich spontan zu einem Wortspiel hinreißen lassen, nennt sie mich einen Poeten. Ihre gute Laune ruht sicher daher, weil sie ab Morgen Urlaub hat. Nach dem kurzen Plausch bin ich sicher, dass sie eine aktive Frau ist, die gerne etwas unternimmt.

Später kommt der Übersetzer in mein Büro, um zu telefonieren. Er kontaktiert einen früheren Teilnehmer, um sich zu erkundigen, ob dieser noch arbeitet. Dabei duzt er ihn und nennt ihn Bruder. Er hat, wie ich in den letzten Wochen beobachten konnte, eine Vielzahl von Brüdern.

Oma Sheriff schlägt vor, dass ich während ihres Urlaubs jeden Tag eine Art Tagebuch für sie schreibe. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. In meinem E-Mail Postfach finde ich eine Mail mit folgendem Wortlaut: How about to meet a hot girl? I am free for you now ;). Darunter ein Foto einer jungen Frau mit mächtiger Oberweite. Als Oma Sheriff mir ein paar Neuigkeiten übermittelt, sage ich ihr, dass ich mich freue, dass sie bereits aktiv für mich nach einer Frau sucht und zeige ihr die Mail, was sie sehr amüsiert. In ihrem Urlaub will sie weitere Frauen für mich auftun und mir während meines Urlaubs täglich Vorschläge per Mail schicken. Meine E-Mail-Adresse, so sagt sie, entnimmt sie der internen Mitarbeiterdatenbank auf die sie Zugriff hat. Wir beide wissen, dass sie das nicht tun wird.

Der Bürokratiewahnsinn wird indes immer gruseliger. Reichte es bis vor kurzem noch, wenn ein Arbeitgeber ein Formular ausfüllte, der Arbeitsvertrag vorlag und eine Einverständniserklärung des Teilnehmers, so muss neuerdings auch noch der Teilnehmervertrag, der mit Teilnehmern abgeschlossen wird, wenn sie in eine Maßnahme aufgenommen werden, vorgelegt werden. So wird der Papierkram immer und immer mehr, weil man so möglicherweise hofft, dass irgendwas nicht mehr vorliegt, und man deshalb die vereinbarten Honorare nicht zahlen muss. So etwas können sich nur geistig minder bemittelte Pappköpfe ausgedacht haben, die ohne all diese unsinnigen Regeln vermutlich keine Daseinsberechtigung im Berufsleben mehr hätten. Wir entwickeln uns immer weiter, nur leider in eine vollkommen falsche Richtung.

Der Arbeitstag endet bei schönstem Wetter. Ich verabschiede mich von Oma Sheriff und wünsche ihr einen wundervollen Urlaub. Wir sehen uns in fünf Wochen hier wieder und wollen uns dann von unseren Urlauben erzählen. In meinem Büro, was wir dann natürlich abschließen müssen, wie sie sagt. Es scheint als hätte sie eine Schwäche dafür Bürotüren abzuschließen, wenn sie sich in dem betreffenden Büro befindet. Ob sie das tatsächlich öfter macht, oder ob es nur eine Wunschvorstellung ist, frage ich sie in fünf Wochen, wenn ich es nicht wieder vergessen habe. Zum Abschied winken wir Anke, Oma Sheriff und ich nochmal, dann bin ich raus. Mal sehen, wie es hier ohne sie laufen wird und wie lange ich an diesem Standort tatsächlich bleiben muss. Schon nächste Woche weiß ich mehr.

Donnerstag. Bestes Wetter, wenig Verkehr. Im Büro bin ich alleine. Kunden erwarte ich erst um 13.00 Uhr. Zeit genug, um über den Job und meine Leistungen nachzudenken. Wieder einmal frage ich mich, ob das, was ich hier abliefe, nicht eine Frechheit ist. Ich werde bezahlt, weil ich ab und zu mit Teilnehmern rede. Ich mache etwas Verwaltungskram und bin doch eigentlich nutzlos. Nebenbei verblöde ich immer mehr, weil ich mich auf der Arbeit einfach nur durchmogle. Dieses Durchmogeln begann schon zur Schulzeit und wurde seitdem immer weiter ausgebaut. Ein ungebildeter Mann mittleren Alters mogelt sich durch. Wäre auch ein guter Buchtitel. Mittlerweile arbeite ich sogar fast lieber an dem anderen Standort, weil ich da für nichts verantwortlich bin und nur machen muss, was man mir sagt. Ich arbeite fast komplett unter dem Radar und wenn ich etwas vergesse, dann werde ich darauf hingewiesen und kann es regeln. Hier bin ich alleine, hier habe ich die Verantwortung. Ich bin lieber Mitläufer als Verantwortlicher, will aber dennoch die Kontrolle haben, was irgendwie widersprüchlich ist und keinen Sinn ergibt.

Am Freitag ist es zunächst ruhig und ich nutze die Zeit, um die neuesten Corona-Nachrichten aufzusaugen. Bald schon, so lese ich, können die fünf- bis elfjährigen endlich geimpft werden. Das ist hervorragend und wird ein weiterer Meilenstein in der Corona-Geschichte. Doch leider gibt es nicht nur gute Nachrichten, denn fast alle Corona-Intensivpatienten sind ungeimpft, was das Personal auf den Stationen verständlicherweise sehr frustriert. Vor allem, weil es sich dabei um Risikopatienten handelt, die entweder übergewichtig oder schwanger sind, Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben oder schon älter sind. Ungeimpfte Schwangere ergeben dabei vermutlich am wenigsten Sinn, denn auf der einen Seite wollen sie Leben geben, aber andererseits sind sie ungeimpft und vernichten am Ende direkt zwei oder mehr Leben. So geht das einfach nicht. Leider fehlt mir die Angabe bei den älteren ungeimpften Patienten, wie alt denn älter ist. Wo fängt dieses älter sein, was das Risiko offensichtlich erhöht, an? Das ist alles so unnötig, aber irgendwie auch menschlich. Da finde ich den Vorschlag, dass Ungeimpfte, wenn sie in Quarantäne müssen oder gar erkranken, keine Lohnfortzahlung erhalten, konsequent und sinnvoll. Abschließend noch eine Meldung, die entweder Hoffnung macht oder ein Zeichen dafür ist, dass die Dänen komplett den Verstand verloren haben, denn dort fallen die letzten Corona-Beschränkungen weg. Bei einer Impfquote von derzeit 73% bei den Menschen über 12 Jahren. Entweder ist das vernünftig und mit dieser Quote können auch andere Länder lockerer werden, oder es ist lebensgefährlicher Wahnsinn, den wir auf keinen Fall nachmachen sollten. Ich fände es zwar wunderbar, wenn die Corona-Beschränkungen verschwinden würden, aber ich muss gestehen, dass mir das zu gewagt erscheint. Ich denke, wir sollten vielleicht besser warten, bis die Quote über 80% angestiegen ist. Jetzt sind wir bei etwa 62%, da brauchen wir über so etwas gar nicht nachdenken. Und wenn diese Impfverweigerer nicht langsam wach werden, dann gehören die weggesperrt. Und zwar so lange bis sie endlich geimpft sind. Dann kommen wir schon auf 80%, da wollen wir doch mal sehen.

Nachdem ich fertig bin mit Corona-Nachrichten habe ich plötzlich gut zu tun und die nächsten drei Stunden vergesse ich fast völlig, dass ich ab und zu auch mal was trinken muss. Ich kann wirklich unglaublich konzentriert arbeiten. Wahnsinn.

2 Kommentare

  1. A propos täglicher Irrsinn: Ich finde, der Film “Falling Down – Ein ganz normaler Tag” mit Michael Douglas zeigt ganz schön, wie es sein könnte, wenn nur einer mal standesgemäss ausrastet. Der Film ist fast 30 Jahre alt, aber sehr überzeugend.

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