Damals 2014 – Frau Hülle und Herr Ranzig

Heute präsentiere ich zwei, wie ich finde, ganz wunderbare Geschichten aus der Zeit als ich lediglich ehrenamtlich arbeitete. Die Geschichten sind lustig, aber irgendwie auch traurig.


Frau Hülle und die Tabstopps
Während meiner ehrenamtlichen Mitarbeit lerne ich mitunter interessante Leute und komische Vögel kennen. Manchmal auch eine kauzige Mischung aus beidem. Frau Hülle, die jetzt vor mir sitzt, könnte so eine Mischung sein. Sie ist 50 Jahre und sucht einen Job. Vielleicht sucht sie aber auch nicht. Wirklich schlau werde ich aus ihr nicht, denn sie ist weder qualifiziert, noch geeignet für einen normalen Job und möchte eigentlich auch keinen solchen. Körperlich ist sie wenig belastbar und ich fürchte, dass sie auch sonst wenig belastbar ist. Sie möchte etwas mit den Händen machen, am liebsten basteln. Ich sage ihr, dass Bastelarbeiten eher Hobby als Beruf sind. Sieht sie ähnlich, findet es aber blöd. Ich auch, aber die Welt ist nun einmal so. Und für Träumer oder Trampel, je nachdem, wie man uns nun bezeichnen mag, gibt es einfach keinen Platz auf dem Arbeitsmarkt. Jeden Job, den ich ihr suche, findet sie ungeeignet bzw. sich nicht ausreichend qualifiziert oder grundsätzlich nicht dazu in der Lage. Aber sie muss jede Woche fünf Bewerbungen schreiben. Ein Witz, wenn man bedenkt, dass sie nix kann und Jobs in der Politik selten über eine Bewerbung vergeben werden. Zum dritten Mal sitzt sie heute vor mir und ist wie immer ganz durcheinander, fast schon verzweifelt, dann aber doch zu gefasst, um wirklich verzweifelt zu sein. Sehr mysteriös und auch bemitleidenswert. Mein Mitleid verfliegt aber sofort, als sie mir sagt, dass sie von den Bewerbungen, die ich ihr zuletzt geschrieben habe, kaum welche abgeschickt hat. Warum sie es nicht getan hat, kann ich nicht wirklich verstehen und sie nicht wirklich erklären. Vermutlich ist das Leben einfach zu verwirrend für sie. Verschiedene Schriftarten, Kurzschlüsse in ihrem Kopf, Tabstopps, die ihr angezeigt haben, dass im Lebenslauf die Abstände nicht stimmen und interne Probleme in ihren Schaltkreisen sind vermutlich Schuld an der ganzen Misere. Letzte Nacht, so sagt sie, hat sie ihren Lebenslauf überarbeitet. Die Tabstopps mussten für korrekte Verhältnisse sorgen. Und es fehlte was im Lebenslauf. Außerdem ist sie ganz durcheinander, weil wir geschrieben haben, dass sie bereit zur Schichtarbeit ist, in der Stellenanzeige aber nichts von Schichtarbeit steht. Vielleicht kann man das dennoch stehen lassen. Stundenlang arbeitete sie an dem Lebenslauf, aber es ist alles noch nicht richtig. Tabstopps zeigen an, dass es nicht gerade ist. Ich drucke ihren Lebenslauf aus, um ihr zu zeigen, dass alles gerade ist. Zu Hause, so sagt sie, an ihrem PC, da sieht man es deutlich, die Tabstopps beweisen, dass alles krumm ist. Die Tabstopps bereiten ihr große Sorgen. Ach, wären Tabstopps doch nur ihr einziges Problem, dann würden wir die Tabstopps einfach abschalten und alles wäre gut. Doch bei Frau Hülle ist gar nichts gut und es ist abzusehen, dass auch niemals alles gut sein wird. Ob sie Arbeit suchend oder Arbeitslos ist, ist auch von immenser Wichtigkeit. In dem einen Fall muss sie sich bewerben, im anderen Fall nicht. Ich weiß nicht, wovon sie spricht und schreibe ihr vier Bewerbungen. Kaum hält sie diese in den Händen, stört sie das Datum, weil das ja von heute ist. Ich frage sie, wo das Problem ist. Wenn sie die Bewerbungen heute nicht abschickt, dann stimmt das Datum ja nicht, antwortet sie. Ich frage sie, was dagegen spricht, die Bewerbungen heute abzuschicken. Das weiß sie nicht, findet die Möglichkeit es dennoch zu tun für einen kurzen Moment aber gut und nachvollziehbar. Doch ich weiß, dass sie schon bald vergessen haben wird, dass sie die Bewerbungen heute abschicken kann. Und es ist davon auszugehen, dass die Tabstopps und die eben erstellten Bewerbungen ihr weitere schlaflose Nächte bereiten werden. In ihrer Hülle möchte ich nicht stecken. Sie möchte in zwei Wochen wiederkommen, um weitere Bewerbungen zu schreiben. Vielleicht hat sie bis dahin das Problem mit den Tabstopps gelöst. Sollte sie allerdings bis dahin die Bewerbungen nicht abgeschickt haben, kann ich ihr keine weiteren Termine geben. Es gibt Leute, die ihre Bewerbungen wenigstens abschicken und nicht Nächtelang völlig verzweifelt an ihren Bewerbungsunterlagen sitzen, Tabstopps bewundern und die ganze Welt nicht verstehen. Nein, Frau Hülle ist nicht nur komischer Vogel, sie ist krank und braucht dringend eine Therapie. Nur wie kann ich ihr das schonend beibringen? Mit Tabstopps vielleicht? Denn Tabstopps lügen nie. Und schon gar nicht Frau Hülle an.

Frau Hülle und Herr Ranzig
Zwei Wochen nach ihrem letzten Besuch, sitzt Frau Hülle wieder bei mir im Büro. Die letzten beiden Bewerbungen, die ich für sie erstellt habe, hat sie verschickt. Immerhin. Doch das war es auch schon mit der Herrlichkeit und den guten Nachrichten. Frau Hülle hat nämlich danach verzweifelt und in großer Verwirrung ihre Zeit damit verbracht nachzudenken, Stellenanzeigen zu lesen und sich gefragt, wie es weitergehen soll. Ganz aufgelöst sitzt Frau Hülle vor mir und ich habe nicht das Gefühl, dass sie hier ist, um sich Bewerbungen schreiben zu lassen, sondern eher um jemanden zum Reden zu haben und ihren seelischen Ballast abzuwerfen. Ich, als nicht für solche Zwecke ausgebildeter Arbeitsloser, bin da genau der richtige Zuhörer. Verständnisvoll und aufmerksam höre ich, was Frau Hülle vorzutragen hat. Ihr Ohrenarzt hat sie zu einem Neurologen überwiesen, weil er das Gefühl hat, dass Frau Hülle Hilfe braucht. Ich überlege, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn ich auch Überweisungen ausstellen dürfte. Dann hätte ich Frau Hülle längst zu einem Psychologen überwiesen. Stattdessen höre ich mir weiter an, was in ihrem wirren Köpfchen vor sich geht und stelle fest, dass Frau Hülle sich heute geschminkt hat. Gegen ihre Depressionen hilft das leider nicht. Wir suchen, wie es mittlerweile Tradition ist, nach einem Job für Frau Hülle, was in etwa so unsinnig ist, wie auf die Landung von Marsmännchen zu hoffen. Frau Hülle möchte Spülmaschinen einräumen, oder etwas mit den Händen machen, vielleicht basteln. Vielleicht sollte sie Bedürftigen mit ihren Händen einen runterholen, was ich allerdings nicht vorschlage, weil ich meinen Job schon seriös ausübe. Stattdessen schlage ich ihr die Zeitarbeitsfirma vor, bei der ich mich letzte Woche vorstellen musste. Ob sie sich vorstellen kann, im Call Center zu arbeiten? Natürlich nicht. Schließlich wird sie immer ganz nervös, wenn sie mit Fremden reden muss. Warum nur redet sie hier immer so viel? Ich drucke ihr zwei weitere Stellenangebote aus und sage, dass sie dort mal anrufen und nachfragen soll, ob jemand sie einstellen möchte. Ich fürchte, dass Frau Hülle nun wieder Tage und Nächte damit verbringen wird, sich Gedanken über die Stellenangebote und ihre Fähigkeiten zu machen. Bevor sie geht, fragt sie, was sie sagen soll, wenn jemand nach ihren Stärken, die sie, wie sie ausdrücklich betont, nicht hat, fragt. Ich sage ihr, dass sie einfach etwas von Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sagen soll. Frau Hülle hat da Bedenken, weil sie Schwierigkeiten mit der Pünktlichkeit hat. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihr zu sagen, dass sie möglichst bald den Termin beim Neurologen wahrnehmen soll und unbedingt mit ihrem Arbeitsberater sprechen muss. Die geforderten fünf Bewerbungen pro Woche sind nicht nur zu viel, sondern völlig unmöglich für sie. Und das nicht nur, weil sie tagelang über alles nachdenken muss. Einen neuen Termin möchte Frau Hülle nicht. Sie will sich zunächst sammeln, den Neurologen und den Arbeitsberater anrufen und sich danach wieder melden. Auch wenn sie mir Leid tut, hoffe ich, dass sie sich viel Zeit lässt, bevor ich wieder etwas von ihr höre. Denn helfen kann ich ihr leider nicht.

Der Arbeitstag ist allerdings noch nicht vorbei und es wird noch einmal ganz anders als erwartet, denn der letzte Besucher des Tages, der fast jede Woche hier ist, überrascht mich heute auf ganz besondere Weise. Er hat einen Ordner mitgebracht. Fein säuberlich hat er dort alle Bewerbungen, die er in den letzten zwei oder drei Jahren geschrieben hat, abgeheftet. Ebenso alle Schreiben, die er von der Agentur für Arbeit bekommen hat. Eine solche übertriebene Sammelleidenschaft ist schon fast bedenklich. In den Ordner passt nicht mehr viel rein und Herr Ranzig möchte irgendwelche Anschreiben für die Agentur für Arbeit kopieren. Doch Herr Ranzig ist zu verwirrt, dass alles problemlos abläuft. Er verteilt seine Zettel und Kopien über einen kompletten Tisch, vergleicht, versteht die Welt nicht, schüttelt den Kopf, wird immer aufgekratzter und hektischer. Er sucht etwas, ohne wirklich zu wissen, was er sucht und was da gerade passiert. Es scheint völlig losgelöst von der Welt um ihn herum. Inmitten all seiner Zettel wirbelt er ratlos umher. So stelle ich mir die Abende bei Frau Hülle vor. Nur nutzt sie wahrscheinlich ihre ganze Wohnung für das Chaos. Herr Ranzig muss sich auf den Tisch beschränken. Ob Frau Hülle und Herr Ranzig sich wohl verstehen würden? Eine Stunde dauert der merkwürdige und auch nachdenklich machende Auftritt von Herrn Ranzig. Dann sind alle Kopien gemacht, alle Blätter sortiert und der Ordner geschlossen. Herr Ranzig hat es geschafft, aus minimalen Möglichkeiten ein maximales Chaos entstehen zu lassen und dieses dann fast von Zauberhand wieder aufgelöst. Vielleicht wird aus Herrn Ranzig ja doch noch was. Was auch immer das sein wird.

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