Resilienz

Das
Wort Resilienz habe ich letzte Woche zum ersten Mal gehört. Und heute sitze ich
zusammen mit Petra in der VHS Lünen, um mir einen Vortrag von Herrn S. zu dem
Thema anzuhören. Und alles nur, weil ich mal etwas anderes machen wollte als
immer nur dasselbe. Als ich mich entschlossen habe, diesem Vortrag zu lauschen,
hatte ich vergessen, dass heute das DFB-Pokalhalbfinale stattfindet. Ich bin
echt verwirrt.
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Teilnehmer können maximal an diesem Vortrag teilnehmen. Als Petra und ich
ankommen sind bereits vier Leute da, die sich angeregt unterhalten und
scheinbar von irgendwoher kennen. Wir nehmen Platz. Eine weitere Frau kommt
herein. Sie kennt sowohl die Anwesenden als auch Herrn S. Alle bisher
Anwesenden sind älter als ich und kennen sich scheinbar. Ob das etwas zu
bedeuten hat? Ein weiterer Mann und eine Frau kommen noch dazu, bevor es
losgeht. Herr S. beginnt seinen Vortrag und bedankt sich, dass wir alle nach
einem harten Arbeitstag die Zeit gefunden haben herzukommen. Ich habe das Gefühl,
dass ich hier falsch bin, meide ich doch schon seit Jahren harte Arbeitstage. Herr
S. erzählt, dass manche Menschen sich sehr bemühen, etwas für ihre Gesundheit
zu tun und sogar Sport treiben, doch am Ende dennoch oft unglücklich sind. Das
hört Petra gerne, weshalb sie froh ist, dass sie nichts für ihre Gesundheit
tut, weil es, wie soeben bestätigt wurde, sinnlos ist, und obendrein auch noch
teuer. Ich weiß nicht, ob sie die richtige Einstellung für diesen Vortrag hat.
Herr
S. erzählt von den 7 Säulen der Resilienz. Ich finde es erstaunlich, dass diese
Dinge, die eigentlich jeder wissen sollte, scheinbar doch keiner weiß. Oder
keiner weiß, wie man es umsetzen bzw. trainieren kann. Ich finde den Vortrag
zwar interessant, sehe aber noch nicht, wozu er gut sein soll, weil man das ja
auch alles nachlesen kann, sofern man lesen kann und mag.
Es
ist mittlerweile eine halbe Stunde vergangen, als ein weiterer Teilnehmer unsere
Runde vergrößert. Nun sitzen hier zehn Leute und hören sich die Geschichte der
Erfindung oder zufälligen Entdeckung der Resilienz vor etwa sechzig Jahren an.
Ich wusste gar nicht, dass es das schon so lange gibt und frage mich, wieso es
gerade jetzt in Mode kommt. Vermutlich, weil man da herrlich Geld mit verdienen
kann. Wieso verdiene ich eigentlich mit gar nichts Geld? Dazu sollte es mal
einen Vortrag geben. In den nächsten Minuten erfahren wir, dass wir alle
Resilienz haben. Manche mehr, manche weniger. Ist bestimmt wie mit der
Intelligenz. Die haben auch manche mehr und ganz viele weniger. Lustig.
Nach
einer Stunde verlässt der erste Teilnehmer die Runde. Vermutlich ist ihm das
alles zu Wischi Waschi und er möchte auch nicht an irgendwelchen
Tagesseminaren, die Herr S. anbietet und immer wieder erwähnt, teilnehmen. Etwa
zwei Minuten später ist der Vortrag vorbei und es dürfen Fragen gestellt
werden. Fragen werden tatsächlich gestellt. Von der Bekannten von Herrn S., die
ihn auch duzt und zwischenzeitlich immer Kommentare gegeben und viel gelacht
hat. Vielleicht hat Herr S. sie eingeladen, damit sie genau das tut. Ich
wundere mich, dass sie nicht gleich einen Tageslehrgang bucht, um uns zu animieren,
es ihr nachzutun. Jetzt hat der Vortrag endgültig etwas von einer
Dauerwerbesendung. Schade.
Eine
Frau fragt Herrn S., was sie tun kann, dass sie morgens nicht immer völlig
angewidert in den Tag startet. Er sagt, dass sie sich einen Notizblock kaufen
und jeden Abend vor dem Schlafen dort notieren soll, was ihr an dem Tag
besonders gefiel. Und diese positiven Dinge dann jeden Morgen direkt nach dem
Aufwachen lesen. Und schon ändert sich ihre Einstellung und ihr Tag wird schön.
Echt jetzt? Das hätte er besser nicht getan. Und ich weiß auch nicht, was das
jetzt mit Resilienz zu tun hat. Da hätte er uns auch die Geschichte mit den
Glücksbohnen erzählen können. Mit solchen Geschichten kann er mich ganz sicher
nicht von seinen Resilienzseminaren überzeugen. Da kann man auch eine Therapie,
die von der Krankenkasse bezahlt wird, machen und hat vermutlich mehr davon.
Herr
S. hat seine ganze Kompetenz aus Kursen an denen er teilgenommen hat und sein
Werden zum Resilienztrainer verlief viele Jahre im Schatten. Da so ein Schattendasein
bekanntlich finanziell wenig bringt, trat er dann, so stelle ich es mir
jedenfalls vor, aus dem Schatten hervor und war plötzlich ein Resilienztrainer.
Und ich Depp habe zwei Ausbildungen gemacht und es zu nichts gebracht. Während
er in Zukunft auf dem Resilienzzug reist und sein Geld verdient, suche ich mal
nach anderen Vorträgen, die ich mir anhören kann. Vielleicht entdecke ich in
der Zwischenzeit in meiner Schattenwelt auch eine Kompetenz, mit der ich in
Zukunft Geld verdienen kann.

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