Backkartoffeln und Unsichtbarkeit

Spontan und unerwartet schlägt Manni vor, dass wir nach Lünen
zum Weihnachtsmarkt fahren, um dort Backkartoffeln zu essen. Weil ich mir sowieso
vorgenommen habe in diesem Jahr meine erste Backkartoffel zu essen, bin ich sofort
einverstanden. Und so geht es bei angenehmen 13° los. Erstaunlicherweise bin
ich gar nicht aufgeregt als ich meine erste Backkartoffel probiere. Ich bin
lediglich überrascht, dass ich in meinem Alter noch solche Experimente wage.
Die Backkartoffel ist mit Kräuterbutter garniert und schmeckt in der Tat ganz
angenehm. Schon komisch, dass ich dieses Gericht bisher nie probieren wollte.
Aber da ich insgesamt komisch bin ist das wahrscheinlich doch nicht komisch.
Nachdem meine erste Backkartoffel verspeist ist, beschließe ich, dass ich auf
dem Weihnachtsmarkt 2016 auch wieder eine Backkartoffel essen werde. Vorausgesetzt
es ist nicht zu kalt. Denn wenn es zu kalt ist, dann mag ich draußen nichts
essen.
Da es noch früh ist, gehen wir noch ins Opera, um etwas zu
trinken. Es ist erstaunlich, wie wenig Leute dort sind. Trotzdem hat die
Bedienung viel zu tun. Sie rennt die Treppen hoch und runter, bringt essen,
räumt Tische ab und lässt uns zunächst in Ruhe. Ich mag es ja, wenn ich in Ruhe
gelassen werde, aber bitte erst nachdem ich was zu trinken bekommen habe. So
sitzen wir da und ich beobachte die Bedienung, die wirklich sehr attraktiv ist,
weshalb ich sie gerne beobachte. Irgendwann kommt sie dann doch zu uns und wir
dürfen bestellen. Sie scheint zwar wahrzunehmen, dass ich auch am Tisch sitze,
sieht mich aber nicht an als ich bestelle. Entweder liegt es an mir oder sie sieht
ihre Gäste grundsätzlich nicht gerne an. Egal, Hauptsache wir bekommen unsere
Getränke. Als sie wenig später die Getränke bringt, sieht sie mich erneut nicht
an. Manni sieht sie sehr wohl an, was meine These, dass sie Gäste grundsätzlich
nicht ansieht, widerlegt. In den nächsten Minuten kommt sie zweimal an unseren
Tisch, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Wobei sie eigentlich nur Manni
fragt. Mich nimmt sie auch weiterhin nicht wahr. Als sie das dritte Mal zu uns
kommt, um Manni zu fragen, ob alles in Ordnung sei, sage ich, dass wir zahlen
möchten. Sie nimmt es sehr wohl zur Kenntnis, scheint sich aber zu wundern,
woher die Stimme kommt, die zahlen möchte. Sie scheint Gefallen an Manni
gefunden zu haben, während ich für sie scheinbar unsichtbar bin. Sehr
interessant. Auch beim bezahlen nimmt sie mich nur am Rande wahr. Wie die
Stimme aus dem Off. Dummerweise bekommt Manni von all dem nichts mit, weil er sie
ebenso wahrnimmt, wie sie mich wahrnimmt. Nämlich maximal als Randerscheinung. Wenn
sie kurze, blonde Haare hätte, hätte er vermutlich bemerkt, dass sie nur ihn
ansieht. So aber ist sie für ihn ebenso unsichtbar, wie ich für sie unsichtbar
bin. Es ist wahrlich erstaunlich, was man alles erleben kann, wenn man nicht
alleine in seiner Wohnung sitzt. Bei Gelegenheit werde ich darüber mal nachdenken
müssen.

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