Ein Verlorener Namens Karl 3

Karl verwahrlost immer mehr und ich gehe ihm, wann immer es möglich ist, aus dem Weg. Immer, wenn er mich doch irgendwo erwischt, redet er davon, wie lange seine und meine Eltern schon tot sind und bekommt seine berüchtigten Heulanfälle, die meist tränenlos verlaufen . Sein Zustand wird immer schlimmer und es ist erschreckend, wenn man das so sieht. Heute ist wieder einer der Tage an dem ich ihm quasi direkt in die Arme laufe. Das kommt davon, wenn man nicht aufpasst.  Unerfreulicherweise hält er mir auch noch seine Pfote zur Begrüßung hin. Er ist wirklich nur noch eine Ruine. Im vorderen Bereich seines Unterkiefers befinden sich etwa vier Zähne. Dank mangelnder Pflege sind sie zu einem Zahnblock verschmolzen. Die Haare sind wunderbar ungepflegt und seine Kleidung wurde sicher mindestens ebenso lange nicht gewaschen, wie er selbst. Während er irgendwas erzählt, versuche ich mich so zu positionieren, dass der Wind in seine Richtung weht, da sein Gestank kaum zu ertragen ist. Manchmal bin ich kurz davor mich zu übergeben. Wie immer hält er sich die Hände vor den Mund und bekommt eine Art simulierten Weinkrampf, wenn er von seiner längst verstorbenen Mutter erzählt. Ich stehe dann einfach nur da und hoffe, dass er bald mit dem Unsinn aufhört. In der Regel fängt er sich rasch und redet dann weiter. Ich frage mich, wie so oft, ob es so kommen musste mit ihm, oder ob irgendetwas ihn hätte retten können, nachdem seine Mutter gestorben war. Ich werde nie eine Antwort bekommen.

Mittlerweile hat er sich angewöhnt beim Sprechen zu spucken, was für mich zum Glück recht ungefährlich ist, da ich wegen seines Geruchs einen ausreichenden Abstand halte, um nicht angespuckt zu werden. Meine Mutter würde ihm vermutlich gesagt haben, er solle sich mal waschen, ich sage nichts und achte nur auf ausreichenden Abstand. Als er nun kurz den Tod meiner Eltern erwähnt, droht ein erneuter Weinkrampf seinerseits. Glücklicherweise fällt ihm dann ein, dass er mir noch erzählen muss, dass er kürzlich einen Herzinfarkt hatte. Er ist so verwahrlost, dass ich nicht einmal Mitleid mit ihm empfinde. Erschreckend, aber es lässt mich völlig kalt. Als nächstes erzählt er mir wild gestikulierend, dass in seine Wohnung eingebrochen wurde und fast 4000 Euro gestohlen wurden. Vielleicht wäre das nicht passiert, wenn er nicht jedem von seinem Geld erzählen würde. Er ist so dumm, dass er eigentlich einen Betreuer bräuchte. Und eine Desinfektion.

Wie immer während unserer einseitigen Gespräche wünscht er sich, dass ich ihn mal besuchen komme. Diese fixe Idee wird er wohl mit ins Grab nehmen.  Als nächstes gratuliert er mir zu meinem vierzigsten Geburtstag, der im August war. Ich habe es aufgegeben ihm zu widersprechen. Zumindest sagt er heute nicht, dass er mein Vater sein könnte. Dann lädt er mich zu seinem sechzigsten Geburtstag ein, wenn ich in zwei Jahren noch lebe und Zeit habe. Auch so eine Marotte von ihm. Geburtstagseinladungen, die ich niemals annehme. Zeit ihm zu sagen, dass ich weiter muss. Wieder hält er mir seine Pfote hin. Was für eine unerfreuliche Angewohnheit. Ich werde meine Hände nachher zu Hause desinfizieren müssen und in Zukunft besser aufpassen, dass Karl mich nicht erwischt. Karl war vermutlich schon immer verloren und hätte nur jemanden gebraucht, der besser auf ihn aufpasst. Leider hatte Karl dieses Glück nicht.

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