Ein fast normales Wochenende

Es ist Samstag, Petra und ich waren zusammen essen, Manni war zusammen mit jemand anderem essen, Petra und ich waren einkaufen und jetzt sitzen wir mit Manni bei Kanne in Lünen und reden und reden und um uns herum sitzen fast nur Rentner oder solche, die aussehen als wären sie welche. Und dann bekomme ich echte Zweifel, ob wir nicht mittlerweile näher an der Rentnerklasse sind als es nötig ist. Manni erzählt von künstlichen Knien, die er irgendwann brauchen wird, Petra von ihrer Leidensgeschichte und mir wird plötzlich klar, dass wir in diesem Moment vermutlich älter sind als alle um uns herum. Wir führen Gespräche bei denen ich mich früher immer abwenden musste, weil man davon höchstens Depressionen kriegt und die einen auch niemals weiterbringen. Das ist also aus mir geworden. War es das wirklich, geht das jetzt immer so weiter? Ununterbrochene Gespräche über irgendwelche Leiden? Weil mehr nicht bleibt? Ich frage die beiden, wie es sein kann, dass wir reden als wären wir bald tot und müssten demnächst beerdigt werden, wo wir doch im besten Alter sind. Vermutlich muss ich mir einreden, im besten Alter zu sein, um nicht direkt darum bitten zu müssen, dass man mich einschläfert. Ich meine, es ist ja nicht nur worüber wir reden, es ist ja auch so, dass dieser Ausflug zu den Rentnern hier, einer der Aktivitätshöhepunkte meiner Woche ist. Da kommt nichts mehr. Der Sarg kann gezimmert werden, ich komme bald zum Probeliegen. Was mich noch mehr erschreckt ist allerdings, dass ich kein Aufbäumen mehr verspüre. Während Manni vor Ideen für den Sommer sprudelt, habe ich nicht wirklich was vor. Aufstehen, arbeiten, essen, fernsehen, schlafen. Und wieder von vorn. Alles also exakt so, wie ich es nie wollte, aber eben auch so, wie ich immer schon war. Nur jetzt halt in alt mit weißen Haaren, einem Bauch und gesundheitlichen Kleinigkeiten, die mich spüren lassen, dass ich nicht mehr bin, was ich nie war. Ist doch toll. Nach dem aufregenden und aufschlussreichen Ausflug wird direkt der samstägliche Routinevorgang gestartet. Sportschau, zwei Filme, etwas Musik hören, einschlafen. Alles, was ein Mann meines Formats braucht.

Es folgt der Sonntag. Die Sonne scheint und Sonne bedeutet, dass man eine Ausrede weniger hat inaktiv zu sein. Doch so langsam wird auch das egal, denn ich muss nichts tun, wenn ich nichts tun will. Sonne hin oder her. Die Stimme, die immer wieder sagt, ich muss etwas unternehmen und so kann es nicht weitergehen, wird immer leiser und irgendwann wird sie verstummen, dann endlich kann ich meine Passivität akzeptieren ohne schlechtes Gewissen. Lange kann es nicht mehr dauern. So sitze ich tatsächlich seit 11.00 Uhr vor dem Fernseher und schaffe es erst nach 13.00 Uhr eine Dose mit Suppe zu öffnen, um wenigstens zu essen. Dann gucke ich einen Film mit Günther Pfitzmann und es ist mir egal, dass der Film typisch deutsch ist. Würde ich jetzt ein Feinrippunterhemd tragen und Reste meiner Suppe darauf verteilt haben, wäre das Bild perfekt. Ich sollte echt über Feinrippunterwäsche nachdenken. Weil Manni und Petra plötzlich einen Spaziergang machen wollen, muss ich meine Feinrippfantasien unterbrechen und mich anziehen. Der aktive Höhepunkt des Tages steht an. Während des Spaziergangs meckert Manni ständig über die schlechten Bodenverhältnisse und ärgert sich, dass seine Schuhe dreckig werden. Petra bekommt einen Ast ins Gesicht, woran ich Schuld haben soll, was ich gemein finde. Wir versuchen Gespräche über Krankheiten im Keim zu ersticken und merken, dass man uns nicht ernst nehmen kann. Nicht einmal wir können uns noch ernst nehmen. Dann ist der Spaziergang vorbei und ich sitze bis etwa 22.30 Uhr vor dem Fernseher. An Feinrippunterwäsche denke ich nicht mehr.

Weil mein Wochenende länger ist als für viele andere, habe ich einen weiteren Tag Zeit mich der Passivität hinzugeben. Immerhin koche ich am Montag etwas zu essen und gehe zum Friseur. Auf dem Weg stelle ich fest, dass das Wetter eigentlich zu schön ist, um zu Hause zu sein. Da Manni arbeitet, Petra einen Arzttermin hat und ich nicht weiß, was ich machen soll, gehe ich brav nach Hause, wo ich nichts weiter tue als nichts zu tun. Ich kann wirklich stolz auf mich sein. Nachdem Petra beim Arzt war, geht es ihr nicht gut, weshalb wir später nur einen kurzen Spaziergang machen können. Dann frage ich mich, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn ich meine Arbeitszeit verlängere, weil ich eh nichts mit meiner Freizeit anfangen kann. Da ich mir aber vorgenommen habe, niemals freiwillig länger als 30 Stunden in der Woche zu arbeiten, kann ich mich schon kurze Zeit später von dem Gedanken verabschieden, den Fernseher einschalten und mein langes Wochenende standesgemäß ausklingen lassen.

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