Ein Samstag fast wie jeder Samstag

Meine Samstage laufen, wie auch alle anderen Wochentage, stets fast identisch ab. In den dunklen Monaten stehe ich lediglich etwas später auf. Und dann geht es los, fast wie von Experten geplant. Schablonenhaft, konsequent, unwiderstehlich. Irgendwie gruselig, aber auch beruhigend und weil meist ohne große Überraschungen in durchaus harmonischem Fluss. Nach der Morgentoilette gibt es Müsli, dann muss die Zeit bis zum Mittagessen überbrückt werden. Es ist noch nicht lange her, da ließ ich mich regelmäßig massieren, doch derzeit fällt dieses Ritual aus. Und so verbringe ich die Stunden bis es die nächste Mahlzeit gibt damit, so gut wie nichts zu tun. Meist spüle ich nach dem Frühstück, manchmal dusche ich auch, doch Letzteres ist an Samstagen eigentlich unwichtig und unnötig. Selten höre ich Musik oder lese gar, oft sitze oder liege ich nur so rum, träume vor mich hin oder denke über irgendwas nach. Einmal im Monat stelle ich die 26 Modellautos in meiner Vitrine um. Aber manchmal ist selbst das zu aufwändig und ich verzichte darauf. Heute entscheide ich mich überraschend dafür etwas zu tun, was ganz früher jeden Samstag getan wurde. Das Bad muss geputzt werden und zwar etwas mehr als nur Wischiwaschi. So räume ich alle Schränke aus und bin durchaus betroffen, wie jemand seine Schränke so dreckig werden lassen kann. Fast schon geschockt bin ich vom Zustand der Dusche. Es muss Monate her sein, dass sie ordentlich geputzt wurde. Sofort wird mir klar, dass ich sie heute nicht putzen werde, wie es sein müsste, aber zumindest so, dass sie einen halbwegs akzeptablen Zustand annimmt. Ich hole mir Zahnstocher, um die Ecken damit sauber zu kratzen. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, aber Zahnstocher benutze ich seit Jahren als Putzhelfer. Für meine Zähne hingegen benutze ich sie nie. Komisch.
Während ich die Dusche putze, schweife ich gedanklich völlig ab. Ob es an der Musik liegt oder meinem Zustand, dass ich nun übers Küssen nachdenke, weiß ich nicht, doch plötzlich werde ich irgendwie sentimental und auch traurig, weil ich mit dem Küssen auch aufgehört habe und frage mich, ob es nicht ausreicht zwar mit dem Sex, aber nicht mit dem Küssen aufzuhören. Doch was nützt es, wenn ich mich so entscheide, wenn keine kussbereiten Frauen zur Verfügung stehen? Und wenn mal eine Frau bereit ist, wie macht man von vornherein klar, dass es mehr als küssen nicht geben wird? Und was, wenn es so anregend ist, dass ich den Verstand verliere und mehr will? Das küssen so kompliziert ist, hatte ich fast vergessen. Woran ich mich indes gut erinnere sind erste Küsse. Der erste Kuss mit einer Frau ist einfach besonders, die ganze Entwicklung bis es endlich soweit ist, das habe ich immer sehr gemocht. Will ich den Rest meines Lebens wirklich darauf verzichten? Während ich ratlos nach einer Antwort suche, breche ich einen Zahnstocher ab und widme mich auch gedanklich wieder der Reinigung der Dusche, die Minuten später fast wieder anständig aussieht. Vielleicht sollte ich jeden Samstag irgendwas anständig putzen, denn schließlich war ich früher nicht so ein Ferkel und obendrein mag ich es ja sauber. Dennoch beende ich nun meine kleine Putzaktion, kehre ins Wohnzimmer zurück, lausche der Musik der 80er und beschließe, nicht nur die Autos in der Vitrine umzustellen, sondern diese bei der Gelegenheit auch zu entstauben. Ich muss nur einen Anfang finden, dann geht es. Heute zumindest. So ziehe ich meine Handschuhe an und beginne meine Arbeit. Die Handschuhe sind notwendig, damit die Modellautos nicht mit Fingerabdrücken verhunzt werden und ich bin froh, dass ich die Handschuhe habe. Am empfindlichsten sind die schwarz lackierten Modelle, von denen ich derzeit sieben habe. Einmal ist mir an einem Mercedes-Modell beim Putzen der Stern abgebrochen und verloren gegangen. Es hat eine Weile gedauert bis ich im Internet einen Anbieter gefunden habe, der Ersatz im Angebot hatte. Der neue Stern ist zwar nicht perfekt, aber tausendmal besser als ein Mercedes ohne Stern. Nachdem die Modelle und die Vitrine ordnungsgemäß entstaubt sind ist es auch schon fast Zeit fürs Mittagessen, welches Manni, Petra und ich zumeist gemeinsam einnehmen.
Bevor es losgeht wasche ich mir die Haare, stehe mit freiem Oberkörper vor dem Spiegel und störe mich nicht nur an meinem Bauch, sondern auch an den vielen weißen Haaren auf der Brust. Früher hätte es so etwas nicht gegeben, da habe ich den ganzen Mist abrasiert. Heute hingegen beginne ich die weißen Haare einzeln raus zu zupfen, stelle jedoch schon bald fest, dass das zu nichts führt und auch nicht endet, also beende ich den Quatsch und bin froh, dass unter den Armen keine weißen Haare zu entdecken sind, denn das würde mich noch mehr deprimieren.

Gegessen wird, wie zuletzt fast jeden Samstag, asiatisch in Waltrop. Anschließend zieht Manni seine Runden während Petra und ich bei Kaufland in Mengede einkaufen. Ich brauche in letzter Zeit immer viel Hafermilch, Dinkelmilch oder Mandelmilch für meine goldene Milch. Goldene Milch soll gesund sein und mich hoffentlich von innen schön und frisch machen. Außerdem erhoffe ich mir von der goldenen Milch, dass sie meine Haut verbessert und mich attraktiver erscheinen lässt als ich tatsächlich bin. Nur der Bauch geht damit leider nicht weg.

Entweder träumt Petra oder sie ist der Meinung, dass es langweilig ist, wenn das Ausladen der Einkäufe aus ihrem Coupé immer gleich abläuft. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie, während ich meine Sachen aus dem Kofferraum nehme, spontan losfährt. Schnell lasse ich die Tasche Los und rufe „Ey“, weil mir sonst nichts einfällt. Ich frage mich, wie weit Petra wohl mit dem geöffneten Kofferraum fahren wird, da bleibt sie auch schon stehen. So einfach kann man Abwechslung in sich stets wiederholende, monotone Abläufe bringen. Vielleicht fährt sie schon beim nächsten Mal rückwärts während ich meine Einkäufe aus dem Kofferraum nehme. Was dann wohl von mir übrig bleibt und ob ich dazu auch „Ey“ sage, ist schwer zu sagen.

Eigentlich wollen wir noch mit Manni in Lünen etwas trinken gehen, doch da wir zu lahmarschig sind und Manni auf niemanden mehr wartet, findet das Treffen nicht statt. So machen Petra und ich, wie auch fast jeden Samstag, einen Spaziergang. Regen und Wind sorgen dafür, dass es nur ein sehr kurzer Spaziergang wird.

Zu Hause gibt es die goldene Milch und dann habe ich Zeit, weil um 18.00 Uhr nicht wie üblich Fußball in der Sportschau zu sehen sein wird. Ich überlege kurz, meiner Prostata etwas Gutes zu tun, finde die Idee aber absurd und Spiele stattdessen über zwei Stunden Shadow Tactics. Kurz nach 19.00 Uhr beende ich das Spiel und sitze eine ganze Weile unentschlossen rum. Ich denke dabei an nichts Bestimmtes und bin ziemlich überrascht als etwa eine Stunde später das Telefon klingelt. Die frühere Hausmeisterin teilt mir mit, dass die Heizung wohl ausgefallen ist. Erstaunlich, dass mir das nicht aufgefallen ist während ich einfach so dasaß. Weil sich irgendwer kümmern muss, gehe ich in den Keller und schalte die Heizung wieder an. Möglicherweise hat sich jemand einen Scherz erlaubt und die Heizung einfach ausgeschaltet. Manche Scherze verstehe ich nicht. Zurück in der Wohnung versuche ich einen geeigneten Film zu finden, doch nichts gefällt mir oder interessiert mich. Normalerweise gucke ich um diese Zeit längst einen Film, weshalb ich mir mein heutiges Desinteresse nicht erklären kann. Vielleicht sollte ich doch etwas für meine Prostata tun. Weil ich dazu keine Lust habe und es mir obendrein grotesk erscheint, versuche ich es mit „The Aeronauts“ als mir plötzlich einfällt, dass Kirsten heute Geburtstag hat. Ich gratuliere ordnungsgemäß per WhatsApp und bekomme ein paar Urlaubsfotos geschickt. Ich weiß absolut nicht mehr, wohin Kirsten gereist ist und kann es auf den Fotos auch nicht zuordnen. Ist wahrscheinlich auch nicht von Bedeutung. Der Film ist spannend und unterhaltsam, der Samstag neigt sich dem Ende entgegen. Kurz vor Mitternacht liege ich im Bett. Ein Samstag, fast wie jeder Samstag, geht zu Ende. Doch er lässt auch die Frage zurück, wieso er heute an einigen Stellen so stark von der Norm abgewichen ist und welche Folgen sich möglicherweise daraus ergeben.

10 Kommentare on "Ein Samstag fast wie jeder Samstag"


  1. ich habe gestern abend mal die kompletten einträge unter “damals” gelesen. eigentlich könntest du das etwas ausbauen und dann veröffentlichen.
    es erinnerte mich ein kleines bisschen an “vielen dank für das leben” von sybille berg, auch wenn du ganz anders schreibst.

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  2. Wer ist eigentlich Petra? Ist sie nichts zum Küssen? Sowas liesse sich doch bestimmt absprechen unter alten Freunden.
    Sie sollte allerdings darauf verzichten, spontan rückwärts oder vorwärts zu fahren, während Sie am Auto zugange sind, das könnte böse enden.

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          1. Metaphorische Dinge werfen mich immer völlig aus der Bahn.
            Außerdem ging es um den ersten Kuss in den Gedanken. Dazu braucht man jemanden, den man noch nie geküsst hat. 😉


  3. Übrigens, die Hafermilch habe ich auch vor kurzem für mich entdeckt. Die von Alpro. Ist weicher im Geschmack als die Mandelmilch, aber auch komplett ohne Zucker und fast nen Euro günstiger. So weiß man wenigstens, woher es kommt, wenn einen wieder der Hafer sticht 😉

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    1. Alpro meide ich, die klatschen da immer zu viel unnötigen Kram in ihre Produkte. Musst mal drauf achten.
      Wie viel muss ich von der Milch zu mir nehmen, damit mich der Hafer sticht?

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