Gespräche mit Tauben

Als ich aus dem Fenster auf den Balkon schaue, sehe ich eine Taube, die irgendwie orientierungslos, möglicherweise erschöpft, auf meinem Balkon sitzt. Eine Weile schauen wir uns an, dann bemerke ich eine weitere Taube, die auf dem Balkon umherspaziert. Vermutlich ein verwirrtes Pärchen, denke ich. Früher hätte ich sie beschimpft und verjagt, weil die am Ende immer alles vollkacken, doch früher ist lange vorbei und so öffne ich die Balkontür und frage die beiden, ob sie vielleicht Hunger haben. Die Taube, die ich zuerst bemerkt habe, wird etwas nervös und fliegt aufs Geländer, während die zweite Taube mich anschaut und sitzen bleibt. Ich beschließe, dass sie das Weibchen und die andere Taube das Männchen ist. In meiner romantischen Vorstellung der Tierwelt kann es nicht anders sein. Obwohl ich es ahne, dass es nicht klug ist, wenn ich die beiden nun versorge, kann ich nicht anders, weil sie mich so traurig anschaut und auch erschöpft auf mich wirkt. Das tut mir natürlich Leid und da ich täglich Dohlen zu Besuch auf meinen Balkon habe, weil ich diese füttere, kann ich der süßen Taube, die mich weiterhin aufmerksam beobachtet, während ich sie vollquatsche, das Futter nicht verwehren. Das Männchen ist mittlerweile weggeflogen. Vermutlich fand es mein Gequatsche suspekt. Also bringe ich der Taube eine Portion Futter, kippe sie auf den Boden und stelle später, als ich ihr eine zweite Portion Futter bringe, etwas Wasser dazu.

Am nächsten Tag sind beide Tauben wieder da und weil ich davon ausgehe, dass sie Hunger haben, bekommen sie auch heute eine Mahlzeit inkl. Wasser serviert. Während die beiden ihr Mahl zu sich nehmen, frage ich mich, ob das mit der Fütterung eine gute Idee ist. Vor allem, weil Tauben auch da kacken, wo sie essen. Und ein vollgekackter Balkon entspricht nicht meinem Ideal eines Balkons. Und natürlich hinterlassen die beiden eine Menge von dem Scheiß, der meinen Balkon nun völlig verunstaltet. So kann es nicht weiter gehen, da werden wir drüber reden müssen.

Am nächsten Tag kommt die Taube, also sie, alleine und ich erkläre ihr, dass es mir nicht gefällt, wenn sie mir alles vollkackt und dass sie ihr Futter nun im Blumenkasten zu sich nehmen muss. Und zwar dort, wo auch die Dohlen speisen. Ich hole die Tüte mit dem Futter und fülle es in den Blumenkasten während sie mich beobachtet. Damit sie in Ruhe futtern kann, verlasse ich den Balkon. Doch anstatt nun in den anderen, mit Futter gefüllten Blumenkasten, zu flattern, landet die Taube auf dem Boden, sucht ihr Futter und schaut mich fragend an. Also erkläre ich ihr, dass aus hygienischen Gründen die Fütterung im Blumenkasten stattfindet. Sie hört mir aufmerksam zu, aber versteht mich nicht. Oder sie sieht es nicht ein, woanders essen zu müssen. Nach weiteren Erklärungsversuchen, die ich mit Gesten unterstütze, wo das Essen von nun an serviert wird, gebe ich auf und hole das Futter aus der Küche zurück. Die Dame isst nicht, wo Dohlen essen. Ich kippe ihr etwas Futter in eine Ecke des Balkons und ziehe mich zurück. Wenig später genießt sie am Boden ihre Körner, während zwei Dohlen im Blumenkasten über ihr speisen. Ich muss einen Weg finden, wie ich den Balkon zurückerobern kann, wenn es wärmer wird und ich wieder draußen sitzen kann.

Nächster Tag, nächster Besuch. Heute beehren mich beide Tauben gemeinsam. Ohne zu diskutieren flitze ich los, um die beiden ordnungsgemäß zu füttern. Morgen werde ich sie ignorieren.

Lustigerweise vergesse ich am nächsten Tag zu füttern und bin auch die meiste Zeit unterwegs, so dass das Thema für mich erledigt ist. Ich schreibe mir gerade am Laptop eine Art Gedicht, als ein Geräusch mich irritiert. Weil ich es nicht zuordnen kann, folge ich dem Geräusch Richtung Wohnzimmer zum Balkon. Und da sitzt sie und macht Lärm, meine Freundin, die Taube. Ich sage ihr, dass sie damit aufhören soll und es gleich Futter gibt. Still beobachtet sie mich und hüpft direkt runter zum Platz der Fütterung. Ich sage ihr, dass ich sie wohl vergessen habe und es merkwürdig finde, dass sie so spät, es ist fast 19.00 Uhr, noch unterwegs ist. Sie geht ein paar Schritte zur Seite während ich ihr das Menü serviere. In spätestens drei Tagen ist das Futter alle und ich weiß nicht, was dann passieren wird.

Samstagvormittag sitzt sie ganz entspannt auf einem Blumenkasten. Wir schauen uns an und ich winke ihr. Dann frage ich mich, welcher Idiot einer Taube zuwinkt. Der einzige Idiot, der mir dazu einfällt bin ich. Ich gebe ihr ein Zeichen, dass ich ihr Futter hole und sie kurz warten soll. Möglicherweise bin ich ziemlich gestört. Ich hole das Futter, öffne die Balkontür und gehe auf sie zu. Sie flattert los, erst ein wenig zur Seite, dann noch ein Stück weiter weg und nimmt auf der Balkonbrüstung Platz. Während ich ihr das Futter hinschütte, erkläre ich ihr, dass sie nicht wegfliegen muss und ihre Aufregung unnötig ist. Als ich zurück in der Wohnung bin, mache ich ein Geräusch, um ihr anzuzeigen, dass sie nun essen kann. Schon kommt sie angeflattert. Warum nur wurde ich ausgewählt? So war das alles nicht geplant.
Um 19.15 Uhr werde ich gerufen. Zu meiner Überraschung ruft nicht sie, sondern er nach mir. Bevor ich mich zeigen kann, landet sie aber auch schon. Und kaum werde ich erblickt, gibt er Ruhe und fliegt auf den Boden, um gefüttert zu werden. Wie komme ich aus der Nummer nur wieder raus und wie konnte es nur so weit kommen?

Ich habe es mir angewöhnt, morgens, meist gegen 08.00 Uhr, kurz aufzustehen und die Balkontür zu öffnen, um frische Luft in die Wohnung zu lassen. So auch am Sonntag. Kaum ist die Tür geöffnet, sehe ich die beiden Tauben auf meinem Balkon umher spazieren. Das ist irgendwie putzig und hätte durchaus Zukunft, wenn die beiden nicht überall hinkacken würden. Trotzdem begrüße ich sie freundlich und bringe ihnen Futter. Sie machen brav Platz und beginnen mit dem Frühstück als ich den Balkon verlassen habe. Ich indes klettere zurück ins Bett, weil ich noch nicht wirklich wach bin und einen Plan brauche, um meinen Balkon sauber zu halten. Ich fürchte, die beiden Tauben werden bis zu ihrem oder meinem Tod meine Gäste sein. Irgendwie macht mir das Angst. Das möchte ich nicht.
Ich werde morgen, wenn das Futter aufgebraucht ist, ein Gespräch mit den beiden Tauben führen müssen. Und egal, was auch immer sie für Argumente bringen und wie lieb sie gucken, mit der Fütterung muss es vorbei sein. Sie können gerne kurz mal zum Quatschen vorbei kommen, aber gegessen wird woanders. Und gekackt dann hoffentlich auf. Denn das mit dem Gekacke ist einfach keine Basis für eine gute Freundschaft. Ich hoffe, die beiden sind zugänglich für meine Argumente und sehen ein, dass es so nicht weiter gehen kann.

4 Kommentare on "Gespräche mit Tauben"


  1. Vielen Dank für diese unterhaltsame Erzählung, sehr plastisch, witzig und ein bisschen verrückt. :o)

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  2. Ja, das hab ich jetzt gern gelesen. Deshalb hoffe ich auf eine Fortsetzung. Die Kacke würde ich in Kauf nehmen.

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