Mein Verfall und ich

Vielleicht ist es zwangsläufig so, dass man, wenn man tagein tagaus sein Leben nach Schema F und ohne Überraschungen lebt, sich mehr und mehr in seine eigene Welt verflüchtigt. Vielleicht ist das aber auch nur bei mir so. Doch dadurch, dass ein Tag dem anderen gleicht, bin ich oftmals so sehr in dem Trott versunken, dass ich vieles, was nicht täglich stattfindet, einfach vergesse. Auch ist meine Konzentration die meiste Zeit gemindert, da eine scheinbare Endlosschleife keine besondere Aufmerksamkeit benötigt. Dafür stressen mich Termine, die von den Routinen abweichen, immer mehr. Schon alleine die Vorstellung, dass ich mal etwas anderes mache, selbst aus Spaß an der Freude, lähmt mich mittlerweile. Ich kann mich zu nichts aufraffen und lasse meine Lebenszeit einfach so runterlaufen. Den gesunden Grad an Monotonie und Routine habe ich längst überschritten und lebe oft in einer verträumten Gedankenwelt, die mit der Realität nichts zu tun hat. Ich treffe stets die gleichen Leute und kommuniziere vorwiegend per WhatsApp. Die Vorstellung jemanden anzurufen finde ich dermaßen abwegig, dass ich es einfach nicht mache. Wenn ich nicht angerufen würde, dann hätte ich bald privat ausschließlich WhatsApp Kontakte. Besuch habe ich seit Monaten nur noch in Ausnahmefällen, z. B. zu meinem Geburtstag oder wenn die traditionelle Herrenrunde bei mir stattfindet. Kurze, spontane Unternehmungen sind mir fremd, so wie ich mir auch irgendwie fremd bin. Auf die Frage, wer ich bin oder was mich ausmacht, kann ich maximal mit den Achseln zucken. Sollte ich mich in wenigen Worten beschreiben, würden mir die Worte fehlen und ich ratlos ins Nichts starren. Fragt man mich, was ich will, so kann ich im besten Fall ein paar Dinge aufzählen, die ich mir kaufen will. Es scheint so als drifte ich immer mehr aus der Realität in eine andere Dimension. Ich funktioniere, lebe aber eigentlich nicht mehr. Immer öfter gleicht mein Leben einer Nulllinie, und auch das registriere ich, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Ich glaube, ich habe längst den Punkt überschritten, an dem ein gegensteuern noch möglich ist. Ich habe scheinbar keine Ziele und bin zu einem völlig überflüssigen Nichts geworden. Sollte ich tatsächlich aufhören zu existieren, ich würde es nicht einmal mitbekommen. Aber das ist dann vermutlich normal, nur ist es dann zu spät normal zu sein. So führe ich mein recht freudloses Leben noch eine Weile weiter und sehe mir und meinem Körper beim verwelken zu. Der Verfall lässt sich nicht aufhalten, man kann nur anders damit umgehen. Ich kann es allerdings derzeit nicht.

8 Kommentare on "Mein Verfall und ich"


  1. ich finde mich in deiner Beschreibung wieder.
    Nur die Kinder halten mir das Kinn etwas über Wasser, obwohl sie schon erwachsen sind

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  2. Mein lieber Herr Gesangverein, das hört sich nicht gut an! Ich hatte auch mal solche Zeiten, aber das hat jeweils nur kurz angedauert. Aber bei Dir klingt das gar nicht gut.

    Das mit dem unbefriedigenden Alltagstrott kenne ich nur zu gut. Kein Wunder – man bekommt ja immer eingetrichtert über Medien und Werbung, dass das Leben verdammt nochmal total crazy und abgefahren zu sein hat. Lauter total verrückte Freunde muss man haben, viel reisen, tolle Dinge erleben, dann vielleicht noch einen Traumjob und die Top-Frau. Das wirkt bei mir nicht, das habe ich schon lange entlarvt, dass das Schwachsinn ist.

    Mein eigener Verfall macht mir auch zu schaffen, aber ich versuche, nicht darüber nachzudenken. Meine Mutter und die Eltern meiner Frau hat es schon dahingerafft und da kommt man auch zum Nachdenken.

    Ich kann Dir keinen Tipp geben, ich habe nämlich keinen. Aber ich wünsche Dir, dass es besser wird. Ansonsten ist es immer eine gute Idee, dass man sich Hilfe vom Profi holt, wenn gar nichts mehr geht. Vielleicht hilft es Dir ja, dass ich gerne noch länger gute, neue Blogartikel bei Dir lesen will.

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    1. Mein lieber Herr Gesangsverein, auch ein Klassiker.

      Die Phasen kommen und gehen auch bei mir. Manchmal bleiben sie auch länger.

      Zur Zeit möchte ich keinen Profi und den Blog schreibe ich vermutlich bis zum bitteren Ende. Also ein paar Beiträge wird es noch geben bis dahin.

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