Die neue Kollegin

Kollege Jens ist in den nächsten Wochen an einem anderen Standort und ich darf eine neue Kollegin einarbeiten, die dort dann ab September eingesetzt wird, wenn Jens zurückkommt. Warum ausgerechnet ich sie anlernen soll, ist mir natürlich ein Rätsel. Die beiden Kollegen, die dafür eher in Frage kommen, haben wohl zu viel zu tun und da komme dann ich ins Spiel, wie mir mitgeteilt wurde. Das setzt mich natürlich unter Druck, denn es wird erwartet, dass die Kollegin nach vier Wochen Top vorbereitet ist und obendrein eigenständig arbeiten kann. Wie absurd doch manches ist. Die meiste Zeit meines Lebens war ich arbeitslos und nun lerne ich Leute an. Ich halte mich für einen Hampelmann und muss nun souverän jemandem vorgaukeln ich sei ein ganz normaler Mann, der weiß was er tut. Wir leben in einer wahrlich verrückten Welt und nun muss ich alles tun, damit auch weiterhin alle denken, dass ich gut arbeite und den Überblick habe. Insgesamt an 16 Arbeitstagen muss ich der Kollegin eine exzellente Show bieten, um auch in Zukunft weiter ungestört an meinem Standort arbeiten zu können. Wenn mir einer vor fünf Jahren erzählt hätte, dass ich mal jemanden anlerne, ich wäre vor Lachen gestorben.

Die Kollegin wartet schon als ich am Büro ankomme. Sie macht einen anständigen Eindruck und ich denke, es lässt sich mit ihr aushalten. Wirklich anlernen kann ich sie allerdings nicht, da ich schon gegen 09.00 Uhr Sehstörungen bekomme, eine Tablette nehmen und mich zurückziehen muss. Gegen 10.00 Uhr geht es wieder, aber etwa eine Stunde später bekomme ich erneut Sehstörungen und lege mich auf einen Tisch. Vorher nehme ich eine weitere Ibuprofen. Der Tag passt prima zu der Nacht in der ich vor Nackenschmerzen mehrfach aufgewacht bin. Gegen Mittag geht es wieder, doch nach kurzer Zeit bekomme ich ein drittes Mal Sehstörungen. Die Nackenschmerzen sind enorm, aber kein Vergleich zu den Schmerzen, die ich früher in solchen Situationen hatte. Die Schmerzen gehen von der linken Seite aus. Das ist eine Premiere, weil normalerweise die rechte Seite verantwortlich ist. Es ist auch eine Premiere dreimal kurz hintereinander Sehstörungen zu bekommen und eine weitere Premiere sind solche Probleme am Arbeitsplatz. Dieser Tag ist nicht meiner. Die Kollegin liest sich meine Coaching Berichte durch und hat viel zu lachen. Hauptsache, sie verrät keinem, was ich da so schreibe. Weil ich nicht weiter weiß, gehe ich zu Rossmann und kaufe Wärmepflaster, wovon ich mir eins direkt nach meiner Rückkehr ins Büro aufklebe. Die Kollegin sammelt indes weitere Pluspunkte, da sie mich auf Anfang vierzig schätzt. Das lässt mich mein Leid kurzzeitig vergessen. Dass Wärmepflaster nichts für mich sind, zeigt sich nach etwa einer Stunde. Mir geht es zwar besser, aber dafür brennt das Pflaster meinen Rücken scheinbar nieder. Ich vertrage diese Art Pflaster nicht, will aber bis kurz vor Feierabend durchhalten, was mir glücklicherweise auch gelingt.

Die neue Kollegin heißt übrigens Nadja, ist sieben Jahre jünger als ich, hat blondes Haar, trägt gelegentlich eine Brille, ist etwa 1,75m groß mit normaler Figur und großen Füßen. Vom Gesicht her erinnert sie mich an eine TV-Moderatorin vom WDR. Möglicherweise verwechsle ich sie aber auch und irre mich.

Vom ersten Eindruck her sollte es sich die nächsten vier Wochen gut mit ihr aushalten lassen, aber das weiß man nicht, weil Menschen sich anfangs oft von ihrer guten Seite zeigen und später lästig werden, wenn man sie erst besser kennt.

Somit lautet das Fazit nach dem ersten Tag: die Kollegin hat einen ordentlichen Eindruck hinterlassen, während ich geschwächelt und somit versagt habe. Das bedeutet aber immerhin für mich, dass ich noch Luft nach oben habe. Was es für Nadja bedeutet, weiß ich nicht.

2 Kommentare on "Die neue Kollegin"


  1. Ich habe immer gerne neue Leute angelernt. Allerdings nur, wenn es keine Pflegefälle waren. So welche hatte ich leider auch schon: die standen mit leerem Blick neben mir und haben irgendwann mit dem Handy gespielt, obwohl ich mir einbilde, dass ich die Arbeit immer recht unterhaltsam vermittelt habe. So macht das natürlich keinen Spass und man verliert die Lust.

    Aber meistens waren die Leute nett und aufgeschlossen und es hat Spaß gemacht, mit ihnen zu arbeiten.

    Sieh es als Chance, die Nadja scheint doch einen guten Eindruck zu machen 😉

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    1. Mich stresst so etwas leider. Neue Menschen und anlernen. Da bin ich grundsätzlich skeptisch. Aber in diesem Fall war es unterhaltsam und nicht schlimm.

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