Home Office – Eine neue Erfahrung

Ein Vorteil, wenn man zu Hause arbeitet, ist natürlich, dass man länger schlafen kann. Doch das war es erstmal mit Vorteilen, denn ohne Zugriff auf alle Kundenunterlagen zu haben, gestalten sich manche Gespräche etwas weniger flüssig als sonst, weil ich oft nicht weiß, was ich mit den Teilnehmern reden soll. Also noch weniger als es ohnehin der Fall ist. Überhaupt fühlt es sich merkwürdig an, im Schlafzimmer zu stehen und am Stehtisch mit dem Laptop Stellen zu recherchieren oder irgendwelche Gesprächsnotizen zu tippen. Dennoch bin ich den Vormittag über zumeist beschäftigt, was gut ist, weil ich sonst ein schlechtes Gewissen hätte, wenn ich zu Hause nicht wirklich arbeite. Allerdings wäre ich lieber im Büro.

Gegen Mittag schaue ich aus dem Fenster und stelle fest, dass selbst die Hauptstraße nicht vom Schnee befreit wurde. Wozu zahlen wir eigentlich Steuern für alles Mögliche, wenn nicht einmal die Hauptstraßen vom Schnee befreit werden? Das ist alles ziemlich lächerlich. Weil ich gerade frustriert bin, gehe ich kurz runter, um zu schauen, ob es eine Möglichkeit gibt, mit dem Coupé morgen vom Hof zu kommen. Irgendwie nicht, denn die Leute vom Nachbarhaus haben zwar einen Streifen freigeschaufelt, aber den Schnee dorthin geworfen, wo ich herfahren müsste. So habe ich keine Chance. Auch über die anderen Parkplätze komme ich nicht, weil auch dort überall Schneehaufen liegen, die das Coupé unverzüglich stoppen würden. Wie es aussieht muss ich entweder fast den kompletten Hof freischaufeln oder mit dem Bus fahren. Zurück in der Wohnung schaue ich den Busfahrplan an. Eine gute Stunde dauert die Anreise. Zwischendurch habe ich aber einen fast halbstündigen Aufenthalt, um auf den Anschlussbus zu warten. Bei den Temperaturen sicher mehr als gruselig. Eigentlich ist das nun keine Option mehr. Doch was soll ich tun? Zumal es kalt bleibt und der Hof sonst von niemanden benutzt wird derzeit. Am Ende werde ich mir einen Weg freischaufeln müssen, denn sonst bin ich tatsächlich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, was mich durchaus anwidert. Ob morgen tatsächlich Busse fahren, kann ich auch nirgends erfahren. Es gibt zwar eine Telefonnummer, aber da meldet sich niemand. Deutschland ist echt ganz weit vorne, wenn es mal kleine Abweichungen von den normalen Routinen gibt. Schneit es tatsächlich im Winter, dann klappt fast gar nichts mehr. Versagen auf ganzer Linie würde ich das ja nennen, aber das mache ich nicht, denn ich habe keine Ahnung und zwar von nichts.

Gegen 15.00 Uhr rufe ich im Büro an und sage, dass ich nicht weiß, wie ich morgen ins Büro kommen soll. Während ich auf eine Rückmeldung der Chefin warte, überlege ich, dass es gut wäre, wenn ich einen Tag Urlaub nehme, denn dann könnte ich den Hof in mehreren Etappen soweit herrichten, dass ich eventuell mit dem Coupé wegkomme. Letztlich muss ich das eh früher oder später machen, wenn ich das Coupé wieder benutzen will ich den nächsten Tagen. Nach 16.00 Uhr werde ich auf jeden Fall mit der Mission “Hof frei” beginnen, dabei tut mir noch alles von gestern weh. Aber ich habe leider keine andere Wahl und ein bisschen Bewegung kann mir eigentlich auch ncht schaden.

Während ich um kurz nach 16.00 Uhr den Parkplatz betrachte und mir überlege, wie ich mir am besten einen Weg freischaufle, ruft die Chefin an und ich kann auch morgen Home Office machen. Den Begriff Home Office finde ich übrigens total bekloppt. Nach dem Gespräch leihe ich mir den Schneeschieber aus der Apotheke und lege los. Der lose Schnee ist kein Problem, doch dort, wo die Nachbarn Berge für mich angehäuft haben, muss ich zum Teil recht große Eisstücke entfernen, was eine ganz schön schwierige Sache ist, wie ich finde. Petra besucht mich, um mich zu unterhalten und mir beim Arbeiten zuzusehen. Ich schwitze und spüre deutlich, dass ich ziemlich wenig Kraft habe. Dennoch halte ich eine halbe Stunde durch bis der Hof so frei ist, dass ich theoretisch mit dem Coupé wegkommen kann. Morgen muss ich das Coupé erneut vom Schnee befreien, denn es hat immer wieder geschneit und tut es auch jetzt noch. Was für eine deprimierende Situation. Nachdem ich meine Arbeit beendet habe, machen wir noch einen kleinen Spaziergang durch den Ort zum Verlieben. Nicht eine Straße wurde vom Schnee befreit. Dieses Land wird immer mehr zu einer einzigen Peinlichkeit.

Bevor der zweite Tag im sogenannten Home Office beginnt, schaue ich aus dem Fenster. Die Straßen sind weiterhin weiß und ich glaube auch nicht, dass sie irgendwann vom Schnee befreit werden. Die Räumdienste haben versagt. Passend für ein Land voller Versager, die glauben echte Macher zu sein.

Am Meeting per TeamViewer nehmen sechs von fünfzehn Teilnehmern teil. Zum Teil ist es erschreckend, was eine Teilnehmerin von sich gibt. So viel Schlichtheit ist schon fast nicht zu toppen. Noch mehr so Leute und in ein paar Jahren ist Idiocracy endlich Realität.
Nach dem Mittag wird es langweilig und ich bin echt froh, wenn dieser Home Office Unsinn vorbei ist. Es ist übrigens sehr befremdlich, wenn, während ich mit Teilnehmern telefoniere, plötzlich der Nachbar singt oder seine Stimme verstellt als wäre er eine Comicfigur. Überhaupt sind die beiden Nachbarn am Nachmittag zwischendurch so laut, dass ich mich absolut nicht auf die Arbeit konzentrieren kann. Die beiden haben ihren Spaß und ich will zurück ins Büro. Das passt alles hinten und vorne nicht.

Nachdem auch der Arbeitstag überstanden ist, befreie ich das Coupé vom Schnee und überprüfe, ob es überhaupt Fahrbereit ist. Der Motor springt sofort an und ich bin entzückt. Während der Motor läuft, versuche ich die Motorhaube zu öffnen, was mir allerdings nicht gelingt. Ich mache den Motor aus und bin zuversichtlich, dass ich Morgen den Hof zusammen mit dem Coupé verlassen kann.

Zeit ein Fazit zum Home Office zu ziehen. Für mich ist das nichts. So als Notlösung für ein bis zwei Tage geht das, aber ansonsten sind weder meine Wohnung noch ich dafür geschaffen. Doch ich erkenne natürlich auch die Vorteile. Ich kann länger schlafen, spare Benzin, schone die Umwelt, muss nicht nach Hause fahren, weil ich schon da bin, mein Coupé hält vermutlich länger und muss nicht so oft neue Reifen haben. Ich kann mich nicht mit irgendwelchen Krankheiten stecken, muss mich nicht anständig anziehen, brauche kein Parfum und mir nicht die Haare waschen, spare so also Seife und Parfum ein. Ich müsste seltener neue Kleidung kaufen, würde auch meine Schuhe weniger abnutzen, weil man in meiner Wohnung keine Schuhe tragen darf. Dafür verbrauche ich mehr Strom und muss im Winter mehr heizen, weil ich es warm mag. Mehr fällt mir dazu jetzt nicht ein. Das waren meine ersten Erlebnisse und Erfahrungen mit Home Office.

6 Kommentare

  1. Man muss sich aber auch nicht mit anderen Menschen abgeben, was durchaus von Vorteil ist.

  2. Ist denn der da rumliegende Schnee wenigstens weiss? Solange alles clean ausschaut, bin ich mit dem Winter versöhnt. Wenns dann dreckig wird (Strassendreck, Hundekacke und -pisse)… weniger.

    • Langsam wird er dreckig und bekommt auch gelbe Akzente. Schön war er nur als er noch ganz frisch war. Jetzt kann er von mir aus auch ganz weg.

  3. Wegen mangelnder Ausstattung und aus Datenschutzgründen kann ich leider nicht im Homeoffice arbeiten. Also gehöre ich zu den wenigen Leuten, die jeden morgen zur Arbeit fahren und dort einen ruhigen Tag haben – da geschätzt 90 % der Kollegen im HO arbeiten 😀

    Ich bin eher Misanthrop. Ich muß nicht den ganzen Tag von Kollegen “bespaßt” oder vollgelabert werden.

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