Der Nachbar spricht mich an und alles ändert sich

Als ich am Samstagmorgen auf dem Weg zum Briefkasten bin, sehe ich, dass der Nachbar mit seinen Einkäufen vor der Hintertür steht und vermutlich nach seinem Schlüssel sucht. Man erkennt ihn durch die Milchglastür sehr leicht an seiner kurzen, roten Hose. Niemand sonst trägt bei diesen Temperaturen eine kurze, rote Hose und Badeschläppchen. Ich öffne ihm die Tür und überlege kurz, ihn wegen des Lärms anzusprechen, aber irgendwie mag ich nicht und gehe nach kurzem Gruß zum Briefkasten. Der Nachbar fragt, was ich mache, ob ich arbeiten muss. Ob er weiß, dass heute Samstag ist? Oder hält er mich jemanden, der auch am Wochenende arbeitet? Ich sage ihm, dass ich auf dem Weg zum Briefkasten bin und dann den Müll wegbringe. Warum ich derart detailliert antworte, weiß ich nicht. Als ich an ihm vorbeigehe, während er auf den Fahrstuhl wartet, fragt er, was ich heute noch mache. Ich sage ihm, dass ich jetzt Freunde treffe. Nun fragt er, ob ich Alkohol trinke. Ich verneine, was ihn erstaunt. Außer seiner Mutter, so sagt er, trinken alle Leute, die er kennt, Alkohol. Er findet es ganz toll, dass ich keinen Alkohol trinke. Ich indes frage mich, ob wir hier gerade zu Freunden werden sollen. Das möchte ich nicht, weil ich zu allen, die hier im Haus wohnen ein distanziertes Verhältnis haben möchte. Also verabschiede ich mich freundlich von ihm, weil wir nun genug Konversation betrieben haben. Kaum bin ich draußen, frage ich mich, was da gerade passiert ist und plötzlich empfinde ich Mitleid für den Nachbarn, der sicher sehr einsam ist und seinen Bekanntenkreis erweitern will. Vielleicht habe ich eine ganz falsche und vor allem zu negative Einstellung zu meinen Nachbarn entwickelt. Wo ist nur meine Empathie? Diese junge Leute sind in einem fremden Land, einsam, arbeitslos und nur unter sich. Einheimische betrachten sie vermutlich abschätzig und so trinken sie möglicherwiese, weil sie sich dann besser fühlen. Singen, klatschen und emotionale Gespräche halten sie davon ab, völlig in Depressionen zu verfallen und ich, der Einzelgänger mit Job, zwei Autos und einer Eigentumswohnung, stelle mich so an. Das ist nicht fair. Ich muss an mir arbeiten.

Als ich nach dem Spaziergang zurück bin, höre ich die beiden, wie sie sich emotional unterhalten, lachen, musizieren, lauthals singen und ausgelassen sind. Stundenlang höre ich ihnen zu und fühle mich mies, weil ich die Situation bis heute Mittag einfach nur negativ bewertet habe. Nun weiß ich, dass ich falsch lag. Schande über mein Haupt. Zwischendurch hört man nichts von den beiden, dann wieder wird es laut. Als ich am Abend einen Filmklassiker schaue, höre ich oftmals mehr von den Nachbarn als vom Film. Noch gestern hätte ich mich darüber aufgeregt, heute empfinde ich keinen Groll. Als die beiden gegen 22.00 Uhr die Wohnung verlassen und laut feixend durch den Hausflur nach unten gehen, frage ich mich, was sie wohl so spontan vorhaben. Es muss herrlich sein, wenn man jung ist und so spät noch etwas unternehmen kann. Gegen Mitternacht sind sie zurück, unterhalten sich laut und ergiebig und gehen bald schlafen, denn plötzlich herrscht Stille. Stille fördert die Idylle, das mag ich sehr.

Als ich von en beiden am Sonntag gegen 07.00 Uhr geweckt werde, da kommt es mir vor als wären wir gemeinsam auf Klassenfahrt und die beiden sind schon auf, während ich noch zu müde bin, um aufzustehen. Immer, wenn sie Ruhe geben, schlafe ich kurz ein. Dann wecken sie mich wieder, die kleinen emotionalen Racker. Ich freue mich beinahe auf den Sommer und die weitere Zeit mit ihnen, denn jetzt, wo ich endlich mein Mitgefühl wiederentdeckt habe, scheint alles möglich zu sein.

6 Kommentare

  1. Na, das nenne ich eine wahrlich überraschende Wendung.
    Glaubst du selber, was du da erzählst, oder ist es ein Experiment?

  2. Viele Leute beschweren sich über “laute, unangepasste Ausländer, die nur unser Sozialsystem missbrauchen”. Warum sie hier sind, warum sie so sind, wie sie sind, das fragt sich kaum einer. Du gehst es richtig an, denn Du machst Dir Gedanken. Vielleicht ist Dein Nachbar wirklich einsam und wünscht sich, er könne hier in Deutschland “ankommen”. Finde es doch heraus…

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