Zwei Maßnahmen, zwei Arbeitsorte

Die Anreise zu meinem neuen Arbeitsplatz ist nervig, da zu viele Fahrzeuge unterwegs sind und ich ständig bremsen muss und sogar kurz im Stau stehe. Dann gibt es kaum Parkplätze in der Nähe des Büros. Die meisten sind Gebührenpflichtig, andere darf man nur mit Parkscheibe benutzen. Die wenigen Parkplätze auf denen man einfach so parken kann sind besetzt. Da meine Zeit begrenzt ist, schnappe ich mir den letzten freien Platz und darf alle zwei Stunden an der Parkscheibe drehen. So komme ich wenigstens mal raus zwischendurch.

Immerhin habe ich das Büro für mich alleine, allerdings nur bis 09.00 Uhr, weil da Gunda, mit der ich 2017 eine Weile zusammengearbeitet habe, das Büro fürs Videoklassenzimmer braucht. Während der nächsten 90 Minuten sitze ich in einem Unterrichtsraum, der ab Juli aber besetzt sein wird, wenn alle Teilnehmer wieder anwesend sein müssen. Wo ich dann Platz finden soll, ist mir ein Rätsel, denn zwischenzeitlich meinte der Chef, ich sollte künftig immer donnerstags und freitags vor Ort sein. Dann ist das Büro grundsätzlich besetzt, weshalb der Vorschlag für mich keinen Sinn macht. Alternativ könnte ich auch montags und dienstags und den halben Freitag herkommen. Ich weise auf die neun Teilnehmer, die ich am anderen Standort habe hin. Dass die keine Priorität haben, weil hier das Geld verdient wird, ist die Antwort auf meinen Einwand. Die neun Teilnehmer bringen kaum Geld und sind somit zweitrangig. Verstehe ich zwar aus unternehmerischer Sicht, kann das aber nicht gutheißen, denn drei Tage an diesem Standort bringen mich früher oder später um.

Ich spreche mit einer Mitarbeiterin, die zum Ende des Monats gekündigt hat, weil hier alles unstrukturiert ist und sie keine echten Informationen bekommt. Sie sagt, sie kann gar nicht verstehen, dass es dieses Unternehmen schon seit Jahren gibt bei dem Durcheinander. Als wäre das Unternehmen erst gerade gegründet wurden und man hat noch keine Struktur gefunden. Als wäre sie Teil eines aufgescheuchten Hühnerhaufens, kommt es ihr hier oft vor. Da muss ich zustimmen, denn als ich vorhin Anke etwas fragte, wurde ich nur darauf hingewiesen, dass alles in Listen steht und wir die ja wohl lesen können. Mein Hinweis, dass dort steht, dass dieser Plan nur für letzten Montag gilt, wurde abfällig und genervt abgetan. Natürlich stellte sich heraus, dass es keinen aktuellen Plan gibt. Fragen werde ich keine mehr stellen und wenn ich irgendwas falsch mache, soll man es mir einfach mailen. Später fragt Anke mich nach einem Teilnehmer. Steht zwar alles in den Listen, auf die ich immer verwiesen werde, aber scheinbar ist es einfacher mich zu fragen. Logisch, dass da einige Mitarbeiter genervt sind, wenn die Kommunikation derart gestört ist.

Mit insgesamt drei Kollegen rede ich im Verlauf des Tages. Alle drei sind genervt und haben wenig Verständnis für das Chaos. Eine Weile überlege ich, ob es vielleicht Ansichtssache ist und es in Wirklichkeit weniger schlimm ist, aber ich denke, dass es schon ziemlich chaotisch ist. Wir sind uns einig, dass es eine verwaltungsintensive Maßnahme ist, bei der die Teilnehmer nicht wirklich wichtig sind, sondern halt Teil eines gewinnbringenden Kreislaufs, der so sein muss, weil er dem Unternehmen Geld bringt und dem Jobcenter sicher auch auf irgendeine Weise nützlich ist. Insgesamt hat das durchaus etwas von Massenabfertigung und ich möchte kein Teil davon sein. Den größten Teil des Tages verbleibe ich natürlich alle in meinem Büro und mache, was gemacht werden muss. Wenn es immer so wäre, könnte ich es sogar eine Weile aushalten, aber ich glaube nicht, dass es so ruhig bleiben wird.

Am zweiten Tag fahre ich extra etwas früher los, weil mir die Parkplatzsuche Sorgen bereitet. Zu meiner Überraschung finde ich aber einen Platz, der einfach so zu nutzen ist. Ist heute vielleicht meine Glückstag? Ohne große Umschweife verziehe ich mich rasch in mein Büro. Allerdings muss ich es von 09.00 Uhr bis 10.30 Uhr wieder verlassen, weil es fürs Videoklassenzimmer benötigt wird. Also verbringe ich meine Zeit im Unterrichtsraum, schreibe Berichte und wundere mich, dass man so unstrukturiert arbeiten kann. Als Gunda später kurz Pause macht, erzählt sie, dass sie von dem Stress hier zu hohen Blutdruck bekommen hat und daher mehrere Wochen ausgefallen ist. Nun will sie versuchen, dass alles hier mit Abstand zu betrachten und sich nicht mehr aufregen, denn sie musst noch 2,5 Jahre bis zur Rente durchhalten. Irgendwann landen scheinbar fast alle Mitarbeiter in dieser Maßnahme und dann gehen sie kaputt, wenn sie nicht rechtzeitig fliehen. Auch Gunda würde den Arbeitgeber wechseln, aber in ihrem Alter irgendwo neu anzufangen ist leider nicht so leicht. Hier zahlt man scheinbar einen hohen Preis dafür, dass man diesen Job macht. Auch Steffi, die an diesem Standort eingesetzt ist, fiel eine ganze Weile wegen zu hohem Blutdruck aus und ist derzeit auch krankgeschrieben. An Zufall glaube ich da einfach nicht. Ich bin sicher, dass in den nächsten Jahren der Verschleiß an Mitarbeitern in dieser Maßnahme weiterhin hoch bleiben wird. Mal schauen, wie lange ich durchhalte.

Ein Beispiel, warum das alles hier so schlimm ist und auch nicht besser wird, folgt gegen Mittag. Ich telefoniere mit einem TN, der mit mitteilt, dass er ab dem 01.07. einen Job hat. Ich erkläre ihm, dass er dennoch bis Ende des Monats an der Maßnahme teilnehmen muss. Nach dem Gespräch frage ich Anke, ob man von der Arbeitsaufnahme etwas weiß. Sie verweist auf einen Arbeitsvertrag. Ich überfliege den kurz und sage, dass dort aber als Arbeitsbeginn 15.06. steht und nicht der 01.07. Anke ist überrascht und sagt, dass die Maßnahme für meinen Teilnehmer somit beendet ist. Dies teile ich dem TN mit. Um den Bericht zu schreiben, hole ich mir den Arbeitsvertrag und stelle fest, dass der nicht zu meinem Teilnehmer gehört, weil der Name ein anderer ist. Zurück zur Verwaltung. Ach ja, das ist ein anderer Teilnehmer. Dein Teilnehmer fängt am 01.07. an. Der Vertrag liegt noch nicht vor. Hätte ich den Arbeitsvertrag jetzt nicht geholt, hätte ich die Maßnahme für meinen Teilnehmer beendet und Ärger bekommen, weil das falsch ist. Der größte Teil Information ist entweder falsch oder unvollständig. Alles muss man kontrollieren und Informationen werden nur genervt übermittelt. Dass ich den Arbeitsvertrag mitnehmen wollte, kam schon nicht gut an. Hätte ich mich aber auf die Aussage von Anke verlassen, wäre ich der Depp gewesen. Natürlich rufe ich den Teilnehmer erneut an und entschuldige mich für unsere Blödheit. Ab morgen nimmt er wieder teil. Wir machen alle Fehler, aber was hier alleine in den zwei Tagen meiner Anwesenheit von mir bemerkt wurde, ist schon mehr als nur fahrlässig. Vor allem der Umgang untereinander, die Kommunikation, dieses distanzieren von eigenen Fehlern, geht mir einfach auf die Nerven. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass man mir den Vertrag nur widerwillig und mit einem Augenrollen gegeben hat, dann ist dennoch heute vermutlich mein Glückstag, denn letztlich ist mir eine Menge Ärger erspart geblieben.

Wenn Alpha noch Leben und erleben würde, dass ich mal Oma Sheriff als Maßnahmeleitung habe und quasi für sie arbeite, er würde aus dem Lachen nicht mehr rauskommen. Dann würden wir die fiesesten Witze machen und vermutlich Tränen lachen, weil es so grotesk und absurd ist. Wäre er nicht spontan gestorben, dann wäre es dort womöglich nicht so chaotisch und sein Wunsch, dass wir mal zusammen eine Maßnahme machen, hätte sich auch erfüllt. Hätte er sich mit dem Sterben nur etwas mehr Zeit gelassen. Zu meinem Glück hatte Oma Sheriff an meinen ersten beiden Tagen frei. Ich hoffe, dass ich nächste Woche ähnlich wenig mit ihr zu tun haben werde. Da nichts darauf hindeutet, dass an meinem Standort eine neue Maßnahme ausgeschrieben wird und ein anderer Job nicht so leicht finden lässt, kann ich theoretisch die nächsten Jahre mit Oma Sheriff verbringen. Wir können quasi zusammen alt werden. Eine alte Frisur hat sie ja schon.

Die beiden letzten Arbeitstage der Woche sind so viel angenehmer und ich weiß die Einsamkeit und Ruhe an meinem Lieblingsstandort viel mehr zu schätzen als ohnehin schon. Ich höre wenig von der ungeliebten Maßnahme und muss nur einmal mit Oma Sheriff telefonieren. Zum Glück habe ich alles, was mir aufgetragen wird, schon erledigt und so ist es ein Gespräch welches mich nicht aufregt. Hoffnungen, dass die nächsten Wochen ähnlich ruhig verlaufen werden, wie diese Woche, habe ich nicht. Spätestens im Juli wird das Chaos über uns reinbrechen, wenn nach und nach alle Teilnehmer wieder vor Ort präsent sein müssen. Was für eine gruselige Vorstellung.

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