Damals – Dezember 2008

Im Dezember 2008 ging nicht nur mein Praktikum zu Ende, ich war bei der Rückkehr in die Umschulungsklasse auch plötzlich unbeliebt und wurde gemieden. Und das nur, weil ich Berichte über meine Mitschüler im Internet veröffentlich hatte und jemand aus der Klasse es herausgefunden hat. Insgesamt war der Dezember 2008 vermutlich gar nicht so schlecht. Im Vergleich zu meinem Leben heute sogar aufregend und unterhaltsam. Wie üblich gibt es nachfolgend drei Texte aus dem Monat. Viel Spaß damit.


Plötzlich unbeliebt
Ich habe die Angewohnheit hin und wieder in einem Internettagebuch Texte aus meinem Leben zu veröffentlichen. Ich schreibe über Dinge, die ich erlebt habe und über Leute, die meiner Meinung nach einen Bericht über sich im Internet verdient haben. Natürlich schreibe ich auch über meine Umschulung und einige meiner Mitschüler und Mitschülerinnen. Selbstverständlich ist es nicht meine Art Positives zu berichten, sondern über Missgeschicke oder andere Dinge, die einen gewissen Unterhaltungswert haben. Dabei bin ich bekanntermaßen nicht immer sehr nett und vielleicht können sich die Leute, über die ich schreibe, ein wenig verarscht dabei vorkommen. Und so kommt es, wie es kommen muss. In der Firma, in der Berta ihr Praktikum absolviert, dienen meine Berichte als Pausenunterhaltung. Irgendwann fragt sich Berta, warum ihre Kollegen immer so einen Spaß haben und möchte wissen, worüber sie lachen. Beim lesen stellt sie dann rasch fest, dass ich unter anderem über sie und meine Umschulung schreibe. Da sie dabei in ihren Augen nicht so gut wegkommt, ist sie natürlich entsetzt und informiert sofort einige Mitschüler über meine Berichte. Außerdem schreibt sie mir, dass ich ein Arsch bin und meine Mitschüler und Mitschülerinnen längst über meine netten Berichte informiert sind. Meinen Hinweis, dass sie sich nicht so aufregen soll, da meine Texte der Unterhaltung dienen und ich später Schriftsteller werden will, beantwortet sie nicht. Dennoch glaube ich, dass sie meine Texte nicht nur ausgedruckt hat, um sie den anderen Schülern zu zeigen, sondern auch, weil sie von meinen Texten angetan ist, was sie aber niemals zugeben wird.

Zum ersten Schultag bringt sie meine ausgedruckten Notizen mit und präsentiert sie den Mitschülern, die noch nicht informiert waren. Es scheint sie glücklich zu machen. So glücklich und aktiv war sie vor dem Praktikum nie. Bei einigen Mitschülern kommen meine Notizen überraschenderweise weniger gut an. Der alte Mann beachtet mich ebenso kaum noch, wie Virus und die meisten Mitschülerinnen. Das heißt, mit einer Ausnahme, denn Bröckelchen redet auch weiterhin mit mir. Einige Frauen versuchen sie dazu zu bringen nicht mehr mit mir zu reden und beschimpfen sie. Was für erbärmliche Kreaturen sich hier doch tummeln. Aber ich will mich nicht beklagen, denn Berta scheint glücklicher als je zuvor und das ist etwas, was sie nur mir zu verdanken hat. Darauf kann ich stolz sein.

Fingerspiele
Am Samstagabend sitzen Ursula und ich irgendwo im Café Extrablatt. Am Tisch schräg gegenüber sitzen zwei frisch geschlüpfte Achtzehnjährige. Da Ursula Hunger hat und unser Essen noch nicht da ist, lutscht sie an meinen Fingern. Eine der beiden frisch geschlüpften Achtzehnjährigen beobachtet uns dabei. Sobald ich zu ihr rüber schaue, guckt sie weg. Ich glaube, sie ist scharf auf mich und möchte auch an meinen Fingern lutschen. Um sie ein wenig zu unterhalten, lutsche ich nach dem Essen an Ursulas Fingern. Auch das beobachtet die frisch geschlüpfte Achtzehnjährige sehr interessiert. Vermutlich wünscht sie sich, dass sie an Ursulas Stelle wäre. Ich glaube, sie will mich. Als Ursula zur Toilette geht, nehme ich mir einen Zettel und schreibe Ursulas Telefonnummer darauf. Wenig später beschließen wir, das Café zu verlassen. Ursula bezahlt die Rechnung und wir machen uns auf den Weg Richtung Ausgang. Dabei müssen wir an dem Tisch der beiden frisch geschlüpften Achtzehnjährigen vorbei. Beim Vorbeigehen lege ich den Zettel mit Ursulas Telefonnummer auf den Tisch der frisch geschlüpften Achtzehnjährigen. Als sie zu mir hoch guckt kneife ich ihr ein Auge zu und lächle sie an. Ursula bemerkt von alldem nichts. Bin ich ein Schwein oder einfach nur eine geile Sau?

Ich bin gespannt, wann sich Ursula und die frisch geschlüpfte Achtzehnjährige kennenlernen, damit wir drei gemeinsam an unseren Fingern lutschen können.

Silvester im Cafe del Sol

Eigentlich wollte ich den Silvesterabend alleine in meinem Zimmer verbringen. Doch irgendwann letzte Woche ließ ich mich spontan zur Silvesterparty ins Café del Sol einladen. Und so mache ich mich gegen 20.07 Uhr auf den Weg dorthin. Als ich das Café del Sol betrete habe ich das Gefühl auf eine Kaffeefahrtgesellschaft zu treffen. Lauter alte Menschen mit Hüten schmücken den Raum. Hier muss es sich definitiv um ein Missverständnis handeln. Tut es aber nicht. Ich werde Silvester tatsächlich in einem Seniorenwohnheim verbringen. An unserem Tisch sind wir zu zwölft und machen den Altersdurchschnitt dieser Veranstaltung kaputt. Das kann ja heiter werden.

Anfangs unterhalte ich mich kaum, was allerdings weniger an meinen Tischnachbarn als an dem Schock liegt. Immer wieder schaue ich mich fassungslos um und muss feststellen, dass dies alles kein Scherz, sondern knallharte Realität ist. Ich überlege kurz, mir auch einen dieser albernen Hüte aufzusetzen, verwerfe den Gedanken aber rasch wieder.

Gegen 22.09 Uhr stehe ich am Buffet. Es ist so dunkel, dass man einige Speisen nicht wirklich erkennen kann. Vermutlich ist das auch besser so. Vieles ist schon vergriffen. Scheinbar habe ich mir den falschen Zeitpunkt ausgesucht, um zum Buffet zu gehen. Und scheinbar habe ich auch ein Händchen für Dinge, die mir nicht schmecken. Mein Fleisch ist derart widerlich gewürzt, dass ich es nicht essen kann. Vermutlich kann das niemand essen. Die anderen Dinge auf meinem Teller sind auch kein Festschmaus. Lediglich die Hackfleischbällchen lassen sich genießen. Obwohl das Buffet wenig später aufgefüllt wird, verzichte ich auf einen zweiten Durchgang.
In der Zwischenzeit ist der DJ eingeschaltet worden. Er legt sich mächtig ins Zeug und die Senioren bevölkern die Tanzfläche. Die Party hat begonnen. Ich gucke mir das tanzende Volk mit den albernen Hüten an und schüttle den Kopf. Das mache ich im Laufe dieser Kaffeefahrtgesellschaft noch öfter. Als der DJ ‘Live ist live‘ spielt und die Gesellschaft eine Polonäse startet, frage ich mich, ob ich nicht doch auf einer Karnevalsveranstaltung bin. Und zum ersten Mal an diesem Abend verspüre ich Angst. Angst in einem Alptraum gefangen zu sein, aus dem ich nie wieder aufwache. Weitere Karnevalslieder folgen. Der DJ fordert das alte Volk auf in die Hände zu klatschen und das alte Volk kommt seiner Bitte nach. Ein schauriger Anblick. Einige Demenzkranke schlagen mehr oder weniger rhythmisch mit den Händen auf die Tische. So stelle ich mir ein (vermutlich letztes) gemütliches Zusammensein im Hospiz vor.

Gegen 02.00 Uhr wird es langsam leerer. Die meisten Senioren müssen zurück in ihre Heime, um dort auf den Tod zu warten. Ich erfreue mich weiterhin bester Gesundheit und plane bereits die Silvesterparty 2009. Vielleicht eine Kaffeefahrt mit anschließender Sterbehilfe.


Was sonst so im Dezember 2008 passiert ist und einen kurzen Jahresüberblick findet man hier.

6 Kommentare

  1. 2008 waren das die Senioren für uns, heute sind wir selbst nah dran. So schnell vergeht die Zeit.

  2. Ganz schön böse… Dein Schreibstil hat sich ziemlich verbessert seit 2008. Deswegen kein like, sondern nur ein Kommentar 🤨😜

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