Die fünfzehnte geteilte Arbeitswoche

Eine Fahrt auf der Autobahn am Morgen, die macht mir Sorgen. Obwohl das Coupé nach dem Software-Update noch nicht wieder während der Fahrt ausgegangen ist, bleibe ich auf der Autobahn stur rechts, weil ich einfach misstrauisch bin und auf der überfüllten Autobahn nicht auf der linken Fahrbahn mit einer Panne liegenbleiben will. Zu voll ist es auch wieder, dazu dunkel. Das macht keinen Spaß und ich bin froh, wenn ich diese Strecke bald nicht mehr fahren muss.

Das Büro teile ich mir mit JJ. Oma Sheriff und ich siezen uns immer, wenn wir nicht alleine sind. Selbst vor Anke bleiben wir beim Sie, was mich durchaus überrascht. So haben wir unser kleines Geheimnis. Voll aufregend.

Letzte Woche standen noch 13 Teilnehmer auf der Liste für die neue Maßnahme. Heute erfahre ich, dass einige Mitarbeiter vom Jobcenter einige Leute wieder von der Liste genommen haben und es fraglich ist, ob wir die Maßnahme überhaupt voll bekommen. Das ist irgendwie ernüchternd und überraschend zugleich. Bis zum Ende des Tages werden es tatsächlich nur fünf Leute sein, die zu Beginn der Maßnahme eingeladen sind. Noch bleiben anderthalb Wochen, um die Maßnahme voll zu bekommen.

Am Mittwoch ist die Autobahn so frei, dass ich mich mehrmals frage, ob wirklich Mittwoch ist. So etwas habe ich bisher noch nie erlebt. Außerdem habe ich mein Büro wieder zurück und kann den Tag alleine mit mir verbringen. Fünf Minuten nachdem ich es mir in meinem Büro gemütlich gemacht habe, muss ich es auch wieder verlassen, weil der Chef einen Raum für Erstgespräche braucht. Also packe ich meine Sachen und wandere zurück ins Büro von JJ, der bis 10.30 Uhr unterrichten muss, weshalb ich wenigstens eine Weile alleine sein kann. Als ich dem Chef den Schlüssel fürs Büro übergebe, nutze ich die Gelegenheit, um Oma Sheriff zu loben. Was ich erstaunlich finde ist die Tatsache, dass die beiden direkt glauben, dass ich es ernst mit dem Lob meine, weil ich sage, was ich meine. Vermutlich meine ich sogar, was ich sage. Sehr interessant.

Da ich kaum noch Teilnehmer habe, habe ich auch nicht viel zu tun, was mitunter ermüdend und langweilig ist. Einen Teilnehmer habe ich gestern aufgefordert, dass er mir ein Gedicht vorträgt. Er entschied sich für den Erlkönig, kam aber nicht weit. Somit hatte er die Hausaufgabe es bis heute zu lernen und erneut vorzutragen. Mit Spickzettel sitzt er nun vor JJ und mir und ist hochgradig nervös, weil er das schon früher nicht mochte, wenn er etwas vortragen musste. Der Vortrag ist nicht flüssig, aber er bemüht sich und hält trotz seiner unverkennbaren Sicherheit mit Hilfe des Spickzettels bis zum Ende durch. Auch hat er, wie von mir gewünscht, eine Bewerbung erstellt, die zwar noch verfeinert werden muss, aber immerhin hat er auch diese Aufgabe erledigt. Als er weg ist, sagt mir JJ, dass er sich voll verarscht vorkäme, wenn ich ihn in der Situation ein Gedicht vortragen lassen hätte. Das kann ich gut verstehen, meine Methoden sind manchmal etwas merkwürdig, aber mit dem Teilnehmer kann ich nicht viel mehr machen. Da er sonst fast permanent schweigt, nicht hier sein will und am liebsten unsichtbar wäre, um nicht aufzufallen, ist das meine Art ihn zu integrieren. Natürlich ist das albern und alles andere als professionell, aber das ist mir egal. Unter den Umständen soll er sich wenigstens wohlfühlen und ab und zu mal lachen. Von mir wird er wahrgenommen und einbezogen, unterhalten oder was auch immer nötig ist. Hauptsache er sagt am Ende, dass es hier ganz okay war und im besten Fall hatte er sogar ein wenig Spaß und vielleicht auch was gelernt. Mir ist das lieber als wenn wir uns durchs professionelle Coaching quälen und er mich dabei größtenteils anschweigt. Natürlich habe ich vollstes Verständnis, wenn man mich für ungeeignet für diesen Job hält. Ich weiß allerdings auch nicht, ob jemand, der besser für den Job geeignet ist, mehr aus dem Teilnehmer holen würde. Vielleicht ja, vielleicht auch nicht.

Wenig später schläft JJ ein. Das wäre kein Problem, wenn er nicht laut schnarchen würde. Weil das sicher bald auch Oma Sheriff oder der Chef hören, stehe ich auf und sage, dass ich das Fenster öffnen werde. JJ wird wach und fragt, ob er geschnarcht hat. Ich öffne das Fenster und bis zum Ende seines Arbeitstages bleibt JJ wach. So etwas erlebt man nur, wenn man nicht alleine im Büro sitzt.

Am Ende des Tages ist die Zahl der Teilnehmer (an dieser Stelle denken Sie sich das * und was man da noch schreibt, damit es eine bessere Welt wird) für die neue Maßnahme auf sechs angewachsen. Da geht sicher noch was.

Kurz vor Feierabend verabschiedet sich Gundi schon mal von mir, weil sie nächste Woche Urlaub hat und wir uns somit lange nicht mehr sehen werden. Ich gehe von mindestens zwei Jahren aus. Dann endet der Arbeitstag auch schon. Noch zwei Tage an diesem Standort, dann ist es vorbei.

Am Donnerstag werde ich schon um kurz nach 04.00 Uhr wach, weil der Wind Lärm macht und meinen Schlaf stört. Wirklich einschlafen kann ich danach nicht mehr, was mich allerdings nicht besonders ärgert. Ärgern ändert ja auch nichts.

Da ich an einem anderen Standort noch Flyer für die neue Maßnahme abholen muss, mache ich mich bei Dunkelheit und Wind auf den Weg. Zu meiner Freude fängt es auch noch an zu regnen und die Strecke, die das Navi ausgesucht hat, kommt mir in der Dunkelheit komplett fremd vor. Natürlich biege ich auch einmal falsch ab, weil aus der Spur, auf der ich mich befinde, eine Abbiegespur wird, was mir in der Dunkelheit zu spät auffällt. Die kommenden Monate werden mir vermutlich gar nicht gefallen, denn es wird ja immer dunkler und kälter. Am Standort ist nur ein Kollege, den ich nicht kenne, der mich aber zum Glück reinlässt. Dann sitze ich ganz alleine vor den Büros und warte, dass jemand kommt, der mir die Flyer gibt. 2017 habe ich zuletzt hier am Standort für eine Weile gearbeitet. Erschreckend, wie die Zeit vergeht.

Zurück am alten Standort habe ich gut zu tun und so ist der halbe Arbeitstag rasch vorbei. Das Wetter ist weiterhin alles andere als erbaulich und ich weiß jetzt schon, dass ich, wenn ich später zu Hause bin, die Wohnung nicht mehr verlassen werde. Eine Teilnehmerin, die sich bisher prima dem Coaching entzogen hat, ruft mich, vermutlich aus Versehen, zurück und sagt, als ich sie für morgen einladen will, dass sie das erst mit ihrer Mutter besprechen muss und sich dann wieder bei mir meldet. Natürlich meldet sie sich nicht. Vermutlich hat sie sich darauf eingestellt, dass sie, bis sie möglicherweise im nächsten Jahr einen Ausbildungsplatz bekommt, eine gute Zeit hat oder einfach nur abwartet und sich allem, was das Jobcenter ihr antut, entzieht. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, fürchte aber, dass ich irgendwie nicht viel davon halte. Passivität hat noch nie zum Erfolg geführt. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Anderseits ist es, dass wenn jemand nicht zu seinen Terminen erscheint, ich mich auch nicht kümmern muss, was ich manchmal durchaus zu schätzen weiß. Dennoch werde ich das morgen, wenn ich beim Jobcenter die Flyer abliefere, ansprechen. Selbst Schuld. Die Zahl der Teilnehmer für die neue Maßnahme hat sich zwischenzeitlich auf elf erhöht.

Der Freitag bietet etwas besseres Wetter und beginnt ruhig. Ich erledige, was zu erledigen ist, coache zwei Teilnehmer, denen ich nicht wirklich helfen kann und fahre anschließend zum Jobcenter rüber, um die Flyer abzugeben und etwas über die neue Maßnahme zu reden.

Weil ich mich ab und zu auch informieren muss, was es an Corona-News gibt, nutze ich die Mittagspause, um zu erfahren, dass die Zahlen rasant ansteigen. Ich frage mich ernsthaft, wie das je enden soll, da es in anderen Ländern ähnlich ist. Die Impfquote von fast siebzig Prozent reicht scheinbar nicht aus und selbst bei hundert Prozent scheint der Mist nicht aufzuhören. Immer mehr Geimpfte erkranken, was aber, so lese ich, normal ist. Scheinbar gibt es kein Entrinnen vor dieser Seuche. Mein Plan, dass ab März/April endlich Schluss ist, erscheint mir, vor allem mit Blick auf Großbritannien, zu scheitern. Hilft es uns, wenn wir uns jährlich zweimal gegen die Seuche impfen lassen und dabei immer andere Impfstoffe verköstigen? Hilft das eigene Immunsystem denn gar nicht? Gibt es keine besseren Impfstoffe? Wann wird es möglich sein auf dem Mars zu leben und gibt es Paralleluniversen ohne Corona? Es scheint, als gäbe es auf all diese Fragen keine Antworten. Allerdings ist ein soziales Ende der Pandemie zu spüren, lese ich weiter. Das bedeutet wohl nicht, dass das Virus sich verabschiedet, aber scheinbar, dass wir einfach damit leben. Ich weiß echt nicht, was ich davon halten soll. Aber im Frühjahr, das lese ich überall, wird was passieren. Vielleicht ist dann wirklich alles gut, oder Scheißegal, oder etwas ganz anderes. Wir müssen nur noch die dunklen Monate überstehen, so viel steht fest. Irgendwie bin ich jetzt fast zuversichtlicher als noch vor wenigen Minuten. Wir schaffen das. Und bis es soweit ist, immer schön auf die Hygieneregeln achten, nicht wieder mit dem Gruppenkuscheln anfangen und nicht alles und jeden anfassen, dann wird das schon.

Da ich eine Vorlage für ein Schreiben nicht finde, rufe ich Kirsten an, um sie zu fragen. Allerdings beginne ich nicht mit der Frage, sondern mit Small Talk, was recht gut klappt, da sie immer was zu erzählen hat. Manchmal komme ich mir ein bisschen schäbig vor, weil ich mich eigentlich nur melde, wenn ich Hilfe benötige. Vielleicht muss ich da noch etwas an mir arbeiten und mich regelmäßig einfach so bei Kollegen melden. Also bei ausgewählten Kollegen, aber es sollten auch nicht mehr als drei bis maximal fünf sein. Ich denke da mal drüber nach, ob das eine Option ist.

Später bekomme ich eine Mail von Oma Sheriff, die ziemlich wirr klingt, weshalb ich sie frage, ob sie einen Schlaganfall hatte. Bis zum Ende des Tages bleibt die Frage unbeantwortet, ansonsten wirkte Oma Sheriff aber wie immer, so dass ich mir vermutlich keine Sorgen machen muss.

Viel mehr passiert heute tatsächlich nicht und wenig später ist auch diese geteilte Arbeitswoche zu Ende.

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