Schlechtester Mitarbeiter des Monats

Der Dienstag beginnt mit einer Mail der Chefin. Ausführlich wird aufgeführt, was an diesem Standort alles falsch läuft. Ich halte mich nicht an Regeln, kenne die Verträge nicht, spreche zu viel mit dem Jobcenter, gehe nicht klug vor und mache alles, was die Quote kaputt macht und die Vermittlungsquote, die derzeit bei 7% liegt, ist kein vertretbares Ergebnis. Ich brauche eine Weile, um das zu verdauen. Richtig ist, dass am Anfang drei Kunden zu früh aus der Maßnahme genommen wurden. Das wurde ausführlich besprochen und ich habe dafür gesorgt, dass es nicht wieder vorkommt. Damit war das Thema für mich erledigt, doch nun geht es von vorne los, denn jetzt darf ich mir am Telefon anhören, wie Scheiße das alles hier läuft. Aber abgesehen von den drei Fällen und der miesen Quote, sind die anderen Fehler, die mir vorgeworfen werden, völlig unsinnig, denn ich habe stets die Fristen eingehalten, nichts verfrüht beendet und auch sonst keine Regeln gebrochen, obwohl ich durchaus gerne Regeln breche. Natürlich bin ich verantwortlich für die miese Quote, das ist okay. Scheinbar unendlich lang wird mir am Telefon erklärt, wie schlecht ich bin und was anders werden muss. Und ich soll bloß nicht damit kommen, dass es an den Teilnehmern liegen könnte, an anderen Standorten sind die auch nicht besser, aber niemand ist so schlecht wie wir hier. Ich hatte gar nicht vor irgendwas über die Teilnehmer zu sagen, obwohl ich da durchaus ein Problem sehe, denn wer nicht arbeiten will, den werde ich kaum dazu zwingen können.
Nachdem ich mir also wieder die Geschichte meiner Fehler bei den drei Teilnehmern zu Beginn der Maßnahme bis ins kleinste Detail angehört habe, folgt eine Aufzählung weiterer schwerwiegender Fehler, die mir unterlaufen sind. Ich werde gefragt, ob ich nicht verstanden hätte, dass Krankheitstage die Maßnahme verlängern. Doch, ich habe verstanden, dass die Maßnahme sich maximal um vier Wochen verlängert, wenn jemand krank ist. Wieso ich dann dennoch einer Teilnehmerin gekündigt habe. Weil sie sechs Woche krank war und eine Bescheinigung für weitere zwei Wochen eingereicht hat. Weil es da nichts zu beanstanden gibt, sagt die Chefin, dass dadurch Fehltage entstanden sind, also Tage an denen die Maßnahme nicht komplett besetzt war. Nein, denn ich habe die Maßnahme direkt zum nächsten Tag nachbesetzt. Da sie bei dem Thema nichts findet, was sie mir vorwerfen kann, folgt direkt der nächste Fall. Es geht absolut nicht, dass ich einer anderen Teilnehmerin gekündigt habe. Ich erkläre, dass ich sie wegen unentschuldigter Fehlzeiten zweimal abgemahnt und dann, nach Vorgaben, gekündigt habe. Auch hier alles so, wie es vorgeschrieben ist. Kein Grund für die Chefin schon aufzugeben. Aber der eine Teilnehmer, dem ich gekündigt habe, das ging so aber nicht, wirft sie mir vor. Nun, auch den habe ich zweimal abgemahnt und dann nach Vorgaben gekündigt und nie entstanden irgendwelche Lücken. Es tut mir Leid, aber außer bei den ersten drei Teilnehmern habe ich alles nach Vorgaben gemacht. Und bei den ersten drei Teilnehmern wurde ich erst hinterher aufgeklärt, dass es anders gemacht werden soll, dass hatten wir ausführlich schon längst besprochen und dafür wurde ich ausführlich zurechtgewiesen, weshalb ich noch einmal darauf hinweise, dass derartiges danach nicht mehr passiert ist. Ich bin zwar ein Depp, aber manchmal verstehe auch ich, wie es geht. Weiter geht´s. Ob ich denn überhaupt die Info kenne, wie die Maßnahme zu besetzen ist. Da ich bei einer Zahl nicht sicher bin, wird vermutet, dass ich mir das alles nie durchgelesen habe. Seit Jahren ist dies und das so und ich müsste es langsam wissen. Seit Jahren halte ich mich an die Vorgaben, die sie gerne nach Belieben ändert, korrigiere, wenn ich was falsch mache unverzüglich und sage auch nichts, wenn sich wieder etwas geändert, mich aber niemand informiert hat. Ich bin ein kleiner Trottel, der nur macht, was man ihm sagt und dann die Klappe hält. Mittlerweile geht es auch nicht mehr darum, dass man uns hier Fehler nachweisen kann, es geht nur noch drum, dass man etwas konstruiert, um mir zu zeigen, wie unfähig ich bin. Da wir hier alle Regeln einhalten, werden nun neue Regeln erfunden, wodurch zwar Lücken entstehen werden, aber die muss ich dann halt verantworten. Dann kommt der nächste Vorschlag, der in meinen Augen gar keinen Sinn ergibt und auch praktisch nicht umsetzbar sein sollte, denn ab sofort soll ich mehr Teilnehmer einladen als Plätze vorhanden sind. Es ist offensichtlich, dass ich deshalb vom Jobcenter angerufen werde, weil die das direkt sehen werden, obwohl die Chefin sagt, dass es keiner merken wird. Wenn man mich anruft, was bisher immer der Fall war, wenn es Probleme beim buchen von Teilnehmern gab, und fragen wird, was das soll, soll ich einfach sagen, dass die das beim Jobcenter einfach später buchen sollen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir damit durchkommen, werde aber kein zweites Mal darauf hinweisen, dass das nicht geht. Wer weiß, vielleicht geht es ja doch und wenn nicht, war es halt mein Fehler. Dann kann man mich abmahnen und im Anschluss entsorgen. Weil ich dumm bin und es eh nichts bringt, hinterfrage ich das nicht weiter und lade direkt zwei neue Teilnehmer ein. Ist ja nicht mein Problem, wenn diese nicht gebucht werden können. Was nicht gebucht ist, wird auch nicht bezahlt. Und wenn nun einer dieser nicht buchbaren Teilnehmer einen Job bekommt, dann bin ich gespannt, wie das am Ende verbucht wird.

Ich hätte auch nie, wie man mir nun vorwirft, Teilnehmer ein zweites Mal einladen, sondern sofort abmahnen müssen, um Zeit zu gewinnen. Damit sind wir wieder beim Problem mit den ersten drei Teilnehmern. Irgendwie hat die Chefin da scheinbar ein Trauma. Es bringt auch nichts, sie nochmal darauf hinzuweisen, dass dieses Problem nicht mehr akut ist und ich verstanden habe, was ich zu tun habe. Ich sage auch nicht, dass meine Anweisung früher lautete, dafür gab es sogar eine Tabelle, dass ich die Teilnehmer ein zweites Mal einladen und dann mit dem Jobcenter absprechen soll, wie wir weiter vorgehen. Nun heißt die Ansage halt, eine Einladung, dann eine und später noch eine Abmahnung, dann kündigen. Es wäre äußerst hilfreich gewesen, wenn es diese Anweisung im November gegeben hätte, aber jetzt neue Anweisungen geben und sich aufregen, weil diese vor vier Monaten nicht umgesetzt wurden, halte ich für ziemlich daneben. Doch weil das immer so ist und ich meine Ruhe haben will, sage ich dazu nichts. Das Spiel geht jetzt seit Jahren so, warum sollte sich das je ändern? Führungspersonen, die ein Defizit in der Kommunikation haben, kann man nicht helfen. Führungspersonen machen im Gegensatz zu mir allerdings auch keine Fehler.
Weil die Chefin gerade so gut in Fahrt ist und akribisch in der Datenbank nach Fehlern sucht, fragt sie mich als nächstes, ob ich denn nicht wüsste, wie lange Teilnehmer ins Praktikum dürfen. Weiß ich. Das glaubt sie nicht, weshalb ich sagen soll, wie viele Tage denn möglich sind. Als sie die Antwort bekommt, fragt sie, wie es dann kommt, dass einer unserer Teilnehmer doppelt so viele Tage ins Praktikum geht. Weil wir genau das letzte Woche zusammen besprochen haben. Kurz ist sie irritiert, sucht dann aber den nächsten Fehler, den sie glaubt direkt gefunden zu haben. Der Teilnehmer hat einen Montag als letzten Tag, das wäre dann ein Tag zu viel. Nicht, wenn er erst an einem Dienstag mit dem Praktikum begonnen hat. Da fällt ihr dann nichts mehr zu ein. Ich habe wirklich kein Problem, wenn man mich auf Fehler hinweist, aber das ist nun hochgradig lächerlich. Es gibt hier keine weiteren Fehler, außer der Tatsache, dass die Quote Scheiße ist. Dafür bin ich verantwortlich und darf dafür gerne kritisiert werden, alles andere ist lächerlich und führt zu gar nichts.

Damit das Gespräch auch einen Effekt hat, wird mir nun eine Frist gesetzt. In zwei Monaten muss ich zehn Teilnehmer vermitteln, sonst gehen hier die Lichter aus, weil die Maßnahme dann nicht verlängert wird. Ich weise nicht darauf hin, dass ich weiß, wie sie die Quoten seit Jahren schönrechnet, weil sie es mir mehrfach überließ die Berichte zu schreiben. Deshalb sollte ich früher immer Leute kurz vor Maßnahmeende auswerfen, was ich nun scheinbar nicht mehr darf, damit diese Leute in der Quote nicht mitgezählt werden. Ich nehme all diese Informationen ordnungsgemäß hin, denn ich habe keine Lust auf irgendwelche Diskussionen mit Leuten, die weit über mir stehen und deren Erfolge im Leben ich eh nie erreichen werde. Ich bin nämlich nur eine erfolglose Coaching-Wurst, die darüber hinaus die schlechteste Vermittlungsquote auf diesem Planeten vorzuweisen hat.

Später gibt es dann tatsächlich eine Mail an alle Verwaltungskräfte in der endlich mal erklärt wird, wie manches abzulaufen hat. Dummerweise werde ich bei künftigen Änderungen vermutlich erst wieder informiert, wenn irgendwas „falsch“ gelaufen ist. Interessanterweise bin ich recht entspannt, trotz des demütigen Telefonats. Die “Fehler” mit den ersten drei Teilnehmern sind längst Geschichte und alles andere ist nach Vorgaben gelaufen. Lediglich die miese Quote habe ich zu verantworten, weshalb wir unbedingt mehr Teilnehmer in Zeitarbeit vermitteln sollen. Als hätte ich das nicht versucht, aber das geht halt nur, wenn die Teilnehmer das auch mitmachen, was aber, wie ich auch vorhin erfahren habe, nur nicht klappt, weil meine Kommunikation mit den Teilnehmern nicht gut ist. Ich muss da mehr Druck machen. Die kleinen arbeitslosen Würmer mache ich platt, aber nicht mehr in diesem Leben. Später. Irgendwann. Vielleicht.

Hoffentlich übernimmt bald ein anderer hier die Leitung, für mich ist das einfach nichts. Mir fehlt halt einfach die Qualifikation für das was ich hier mache.

8 Kommentare

  1. Was ist das für ein erbärmlicher Mist, du bist doch nicht doof, aber zaubern kannst du eben auch nicht! Irgendwas an dir muss die Chefin aufs Blut reizen. Die sollte mal ein Aggressionsbewältungscoaching machen. Mein Beileid jedenfalls. Das kann einem schonmal die Laune verderben.

    • Ich glaube, es liegt nicht an mir, denn ähnliches passiert fast allen Mitarbeitern mal. Manche halten dagegen, was auch nicht hilft. Vielleicht analysiere ich das Verhalten irgendwann mal. Aber erst muss ich zehn Leute vermitteln. 🤷‍♂️

  2. Uah. Das ist furchtbar. Es schüttelt mich.
    Ganz ehrlich?
    Nichts wie weg da. So gut kann der Job gar nicht bezahlt sein, dass du dir sowas gefallen lassen musst. Ich weiß, aus eigener Erfahrung, dass es schwer ist, sich aus so einem Arbeitsverhältnis zu lösen. Ich weiß aber auch, dass es sich lohnt, das zu wagen.
    Ich kann dir unfassbar nachfühlen, wie es ist, dort zu arbeiten. Und… Das hat niemand verdient. Es gibt genug andere Jobs da draußen. In der Regel sind diese sogar um einiges besser bezahlt.

    • Was ich interessant finde ist, dass es mich gar nicht so aufgeregt hat. Entweder, weil es regelmäßig vorkommt, oder weil ich mich nicht wirklich angesprochen fühle. Oder ist es mir in gewisser Weise egal?
      Woanders gibt es andere Probleme und ich glaube auch nicht, dass ich für irgendwas anderes geeignet bin. Ich bin nämlich der geborene Arbeitslose und echt froh, dass ich nicht mein Jobcoach bin. 😆

  3. Boah, wie dreist, blöd und unverschämt. Die Dame hat sie nicht mehr alle! … Wobei ich das System dahinter auch ziemlich unsinnig und krank finde (u.a. diese Schönfärberei der Zahlen und der Arbeitslosenstatistik, was ja seit Jahren bekannt ist).

    Vielleicht hat sie ja selbst einen Anschiss bekommen wegen der Quote und sucht nun jemanden, an den sie diesen Druck weitergeben kann? … Aber wie auch immer, wie sie mit dir da umgeht, geht gar nicht. Da bist du wirklich der falsche Adressat.

    Ich drücke dir die Daumen, dass sich der Umgang mit dir und die Arbeitsbedingungen entweder im Laufe der Zeit normalisieren oder du woanders besser unterkommst. Das ist ja kein Zustand so. 🙁

    • Sie hat ganz sicher keinen Anschiss bekommen.

      In der Regel folgt nach so einer Aktion eine ruhige Phase. Wegen der Frist könnte sie allerdings kürzer als üblich ausfallen. Vielleicht werde ich im April ja auch erlöst. Oder abgelöst. Oder was ganz anderes.

  4. Man ist nur so gut, wie man eingearbeitet wurde. Spricht für die Führungsqualitäten, wenn Leute auf Posten sitzen und nicht dafür qualifiziert sind. Es gibt immer Raum für Entwicklung. Kündigungsdiskussion in dieser Woche mit Kollegen, wozu kündigen, wenn beim nächsten Arbeitgeber sicher nur das nächste Arschloch auf einen wartet. Ich fahre schon sehr lange die Strategie der Geduld. Wie lange will man geduldig sein? Am Ende ist es doch nur Arschloch-Hopping, weil es nur um Macht, Egoismus und Selbstverwirklichung geht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: