15 Teilnehmende und ein resignierter Jobcoach

Dienstag
Da am Montag ein Feiertag war, müssten jeden Tag der Woche sechs bis acht Teilnehmer für jeweils drei Stunden anwesend sein. Doch aus unterschiedlichsten Gründen wird es nicht so kommen und ich bin gespannt, wer am Ende aus welchen Gründen in dieser Woche seine Termine nicht wahrnehmen kann, will oder darf. Wenn ich mich als Jobcoach nach meiner Motivation, in dieser Woche zu arbeiten, frage, dann bin ich fast überfordert, weil ich den Begriff Motivation in Bezug auf mich und meinen Job irgendwie unpassend finde. Vermutlich stehe ich dem Ganzen neutral gegenüber. Oder es interessiert mich einfach nicht besonders, aber ich glaube, neutral trifft es zu Beginn der Arbeitswoche am besten. Möglicherweise leide ich sogar grundsätzlich unter emotionaler Neutralität, weil ich das Leben nur so ertragen kann bzw. glaube, es nur so ertragen zu können. Vielleicht ist es auch eine emotionale Resignation, die mich ergriffen hat. Warum ich kurz vor Arbeitsbeginn über so etwas nachdenke, weiß ich nicht. Ich denke in letzter Zeit sowieso öfter als üblich, dass mit mir auf emotionaler Ebene irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Das kann aber auch Blödsinn sein, nichts bedeuten oder einfach und nur eine Folge davon sein, dass ich ständig etwas denken muss und auf alles rationale Antworten haben will. Am liebsten wäre mir ein wissenschaftlicher Bericht, der mir erklärt warum ich bin wie ich bin. Doch vermutlich würde ich auch den irgendwann anzweifeln und widerlegen wollen. Je älter ich werde, desto schwieriger wird es für mich, mit mir klarzukommen.

Eigentlich wollte der Teilnehmer, der mich, wenn er einen Job hat, zum Essen einladen wollte, seinen Arbeitsvertrag in den Briefkasten werfen, doch der Briefkasten ist leer. Auch sein Arbeitgeber, der mir den Arbeitsvertrag per Mail schicken wollte, hat dies nicht gemacht, so dass ich da wieder hinterher rennen muss, um den Fall hier abzuschließen. Der Einstieg in die Arbeitswoche gefällt mir schon mal nicht. Wenig später klingelt auch schon das Telefon und eine Teilnehmerin, die erst morgen ihren Termin hat, fragt, ob sie nicht heute schon kommen kann, weil sie morgen einen Termin bei der Tafel hat. Wie kann ich da schon nein sagen? Kaum habe ich aufgelegt, ist der erste Teilnehmer da. 14 Minuten zu früh und auch 14 Minuten vor meinem offiziellen Arbeitsbeginn. Zahlt mir auch keiner diesen Dienst. Besagter Teilnehmer hat morgen ein Vorstellungsgespräch, die Teilnehmerin, die erst morgen hier sein sollte, hat am Donnerstag einen Probearbeitstag und am Freitag ebenfalls ein Vorstellungsgespräch. Klingt alles fast zu schön, um wahr zu sein. Der Teilnehmer, der morgen das Vorstellungsgespräch hat, sagt, dass dort ein Stundenlohn von 12,12 € gezahlt wird. Sollte man ihm 13€ zahlen, dann will er dort arbeiten. Interessant an der Sache finde ich, dass man ihm bisher nicht gesagt hat, um was für einen Job es sich handelt. Ich vermute irgendwas mit Vertrieb und Provision, aber ich kann mich auch irren und will dem Teilnehmer nicht den Tag versauen und seine Vorfreude nicht schmälern.
Ein anderer Teilnehmer, der heute eigentlich hier sein müsste, hat ein großes Problem mit seinen Zähnen und will so nicht gesehen werden. In Absprache mit dem Jobcenter wurde entschieden, dass er vier Wochen entschuldigt fehlen darf. Ihn werde ich Ende des Monats telefonisch kontaktieren. Bis dahin hat er Ruhe vor uns. Der nächste Teilnehmer, der heute hier sein sollte, fehlt weiterhin unentschuldigt, weshalb ich ihm nach Rücksprache mit der IFK vom Jobcenter die Kündigung schreibe. Konsequenzen hat das für ihn keine, denn in diesem Jahr dürfen die Jobcenter nicht mehr sanktionieren. Ich bin kein Freund von Sanktionen, aber wenn man nicht einmal seine Termine wahrnimmt und auf alles scheißt, dann wären Sanktionen meiner Meinung nach durchaus eine Option. Andererseits bin ich ein Freund des bedingungslosen Grundeinkommens, dann kommen nämlich nur noch Leute zu Maßnahmen, die das wirklich wollen. Vermutlich wollen das nicht viele und darum wäre ich dann arbeitslos, was aber egal wäre, weil ich ja wenigstens durch das Grundeinkommen nicht an so blöden Maßnahmen teilnehmen müsste. Durch die Kündigung des Teilnehmers sinkt die Vermittlungsquote auf 30,56%. Fast 10% unter die erforderliche Quote von 40%. Leider darf ich nicht sagen, dass ich eine Vermittlungsquote von 30% unter diesen Voraussetzungen absolut akzeptabel finde. Würde man die Leute, die aus gesundheitlichen Gründen, wegen unentschuldigter Fehlzeiten und auch die, die hier niemals aufgetaucht sind, nicht mitzählen, sondern nur die, die ordnungsgemäß an der Maßnahme teilgenommen haben, hätten wir eine Quote von über 50%, aber das will ja keiner hören. So einfach kann und darf man sich das nämlich nicht machen. Wo kämen wir denn da hin?

Der erste Teilnehmer, der am Nachmittag kommen sollte, hat private Probleme und darf vier Wochen entschuldigt von der Maßnahme fernbleiben. Das war meine Idee und wurde vom Jobcenter für gut befunden. Keine Ahnung, wieso jemand meine Ideen für gut befindet und ihnen zustimmt. Ist aber in diesem Fall so. Somit werden wir den Teilnehmer diesen Monat nicht mehr sehen. Eine Teilnehmerin schafft es heute nicht und kommt stattdessen morgen früh. Somit bleibt nur das Ehepaar aus dem Irak. Die beiden suchen gemeinsam nach passenden Ausbildungsplätzen. Somit sind heute nur fünf Teilnehmer aus der Maßnahme erschienen. Dazu noch eine Teilnehmerin des Persönlichkeits-Coachings. Davon haben wir zwei, wissen aber nicht, was wir mit denen machen sollen. Die junge Frau, die heute den Weg zu mir gefunden hat, ist zwar freundlich, aber insgesamt ziemlich träge. Vor zwei Wochen ist sie auch direkt kurz eingenickt, während ich versuchte einen Ausbildungsplatz für sie zu finden. Ihre Eigeninitiative wurde bisher noch nicht entdeckt. Es gibt Gerüchte, dass diese bei ihr gar nicht vorhanden sein soll und daher auch niemals entdeckt werden kann. Es ist schon ein Erfolg, wenn sie ihre Termine einhält und dann einfach nur fragend vor einem sitzt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie mal eine Ausbildung macht. Aber vermutlich liegt das einfach nur daran, dass ich ein Jobcoach ohne Visionen bin.

Mehr Teilnehmer werde ich vermutlich an keinem anderen Tag dieser Woche zu Gast haben. Bevor der Tag endet, bringt mir der Teilnehmer, der nun keiner mehr ist, weil er arbeiten geht, den Arbeitsvertrag. Bei der Gelegenheit weist er mich darauf hin, dass wir in Kürze zusammen essen gehen. Da mich keine Frauen einladen, ist das wahrscheinlich besser als nichts.

Mittwoch
Es gibt immer wieder Tage, da werde ich wach, die Sonne scheint und ich bin fast zuversichtlich, dass es wieder ein wenig wie früher wird. Ich glaube, ich werde wieder aktiver, positiver und unternehme mehr. Heute ist so ein Tag. Fast schon unbeschwert naiv stelle ich mir vor, wie ich wieder mehr am Leben teilnehme, Spaß habe und interessante Sachen erlebe. Daher fahre ich noch immer in absolut brauchbarer Stimmung los zur Arbeit. Die Sonne scheint und alles macht einen guten Eindruck, doch dann, wie immer in letzter Zeit, werde ich etwa auf halber Strecke müde und mein Körper sackt quasi zusammen. Vermutlich wird meinem Körper immer nach einer Weile bewusst, dass ich wieder nur ins Büro fahren, wo mich nichts erwartet. Ich werde so müde, dass ich es nur unter Anstrengung schaffe, während der Fahrt nicht einzuschlafen und kann jetzt schon davon ausgehen, dass ich auch nicht mehr wirklich wach werde bis ich abends ins Bett gehe. Wenn ich eines Tages auch morgens nicht mehr wach werde, dann weiß ich, dass es keine Hoffnung mehr gibt.

Kaum bin ich im Büro scheint es so als würde mein Körper endgültig nur noch im Notfallbetrieb laufen. Alle Körperfunktionen sind auf ein Minimum reduziert, dass ich zwar nach Außen den Eindruck erwecke, ich wäre noch da, aber in Wirklichkeit nicht zu gebrauchen bin. Früher mit der Kollegin und Alpha, später mit Carsten und Alpha, da hatte ich Spaß, wir haben zwischendurch Tränen gelacht und unglaublich viel Blödsinn geredet. Keiner von denen ist mehr da. Die zwei Jahre mit Jens, Steffi und Kirsten waren zwar nicht mehr übertrieben witzig, aber dennoch hatten wir immer wieder Spaß und öfter gelacht. Es gab dazu auch immer wieder andere Kollegen vor Ort über die man lachen konnte, wenn man nicht mit ihnen lachen konnte. Doch seit Monaten ist davon gar nichts mehr geblieben. Ich sitze alleine in der Ödnis, rede mit Teilnehmern, aber sonst niemandem, egal, wie gut der Tag startet, am Ende des Tages bin ich zermürbt, vollkommen müde, abgestumpft und leer. Nach einem Arbeitstag will ich mich nur noch ausruhen und habe große Mühe mich wieder ins soziale Leben zu integrieren. Meist klappt es nicht und ich sitze zu Hause ähnlich stumpfsinnig herum, wie ich es stundenlang im Büro getan habe. Es ist nicht die Arbeit, die mich zermürbt, es ist wohl tatsächlich die fehlende Interaktion mit Kollegen. Aber vielleicht auch etwas der Job, denn irgendwie fehlen mir auch da die positiven Erlebnisse. Oder ich sehe sie nicht mehr, weil ich immer weiter abstumpfe und angeödet bin. Vielleicht gehöre ich auch einfach auf die andere Seite. Als ich noch arbeitslos war, war mein Leben abwechslungsreicher. Oder ich war einfach nur jünger und das Alter bringt mich langsam ins Grab. Vielleicht muss ich mich wirklich damit abfinden, dass es immer so weiter geht bis es zu Ende geht. Bis dahin wird es sicher noch trostloser. Wenn ich doch nur etwas mehr Antrieb hätte, habe ich aber nicht.

Bevor ich die ersten Teilnehmenden empfange, hole ich eine AU-Bescheinigung aus dem Briefkasten. Eine junge Teilnehmerin, die ich noch nie gesehen habe, ist direkt für zwei Wochen krankgeschrieben worden. Sie war bisher lediglich an manchen Montagen hier, lehnte aber alle Jobangebote ab. Obwohl ich sie noch nie gesehen habe, ist sie für mich ein hoffnungsloser Fall. Vielleicht können wir sie aus der Maßnahme nehmen, denn es ist davon auszugehen, dass sie weitere AU-Bescheinigungen folgen lässt. Das ist doch nur unnötige Quälerei, wenn wir das nicht beenden. Dafür ist heute Morgen ein Teilnehmer nach zweiwöchiger gesundheitlicher Ausfallzeit zurück. Er ist auch ein hoffnungsloser Fall, weil er gesundheitlich dermaßen angeschlagen ist, dass selbst ein Minijob ihn an seine körperlichen Grenzen bringen würde. Warum er dennoch bei uns ist? Seine IFK hält das für eine gute Idee und laut Gutachten kann er täglich noch drei Stunden arbeiten. Er darf nur nicht zu lange stehen, gehen oder sitzen. Und schwer heben oder tragen sowieso nicht. Mit fehlt leider die Fantasie, welcher Arbeitgeber so einen Pflegefall wohl einstellen möchte. Mir fällt absolut keiner ein. Später gesellt sich noch die Teilnehmerin, die gestern keine Zeit hatte und sich hier meist langweilt, aber immerhin intensiv bewirbt, zu uns. Auch bei ihr habe ich keine Ideen, was aber nicht an ihr, sondern an mir liegt. Erschreckend finde ich, dass ich nicht die geringste Lust habe mit den beiden zu kommunizieren und nur darauf warte, dass die drei Stunden ihrer Anwesenheit endlich enden.

In der Pause telefoniere ich mit Jens, der gut gelaunt ist und spontan entscheidet für mich eine Kontaktanzeige zu schreiben. Normalerweise war das erst für die Weihnachtszeit geplant, aber vermutlich dauert ihm das zu lange. Er fragt nach ein paar Dingen, die mir wichtig sind und notiert alles. Wenn er die Kontaktanzeige fertig hat, wird er sie mir zukommen lassen.

Der Mohnkuchen-Teilnehmer und die Frau, die ständig stöhnt, weil alles so schwer ist während der drei Stunden, die sie hier ist, haben am Nachmittag ihre Termine. Die Frau ist dafür bekannt, dass man während ihrer Anwesenheit ständig “Ohhh”, “Puhhh”, “Ächz”, “Seufz”, “Stöhn” und andere Leidensgeräusche von ihr hört. So weist sie alle darauf hin, dass sie keine passenden Stellen findet und regelmäßig fragt sie, ob sie nach Hause gehen darf. Das ist wie eine Endlosschleife, die sich zu jedem Termin wiederholt. Heute hat sie ihren Hund mitgebracht und einen gelben Schein. Dank ihrer ausgeprägten Ohrprobleme hört sie aktuell fast nichts und ich muss sie anschreien, um mich verständlich zu machen. Dabei will ich ihr nur sagen, dass ich ihren Hund, einen Beagle, putzig finde. Dieser kleine Hund, der ein Weibchen ist, will sich erst nicht anfassen lassen, aber ist nach einer kurzen Kennenlernphase doch der Meinung, dass ich seinen Rücken kraulen darf. Alles andere hätte mich auch enttäuscht. Nachdem der Hund und ich zufrieden sind, verabschieden sich die zwei. Der Mohnkuchen-Teilnehmer hat Zahnschmerzen und fragt, was er tun kann. Außer Schmerztabletten habe ich keine Idee. Also geht er rüber zur Apotheke und lässt sich beraten, bevor er zur Bäckerei geht und mir eine Mohnschnecke kauft. Er meint, dass wir demnächst mal zusammen weggehen, weil wir dann Frauen kennenlernen, da er immer schnell ins Gespräch kommt und ein Bekannter sehr gerne mit ihm weggeht, da er so schon viele Frauen kennengelernt hat. Später telefoniert er noch über Lautsprecher mit einem Bekannten. Es ist hier eher wie in einem Freizeitcamp und hat wenig mit Jobcoaching zu tun. Es ist offensichtlich, dass ich nicht mit strenger Hand regiere.

Am Nachmittag erwarte ich obendrein die andere Teilnehmerin des Persönlichkeits-Coachings. Sie ist knapp über vierzig und will eine Ausbildung machen. Weil sie bisher nur Absagen bekommen hat, ist sie sehr enttäuscht, will es aber nächstes Jahr nochmal versuchen. Sie hatte bereits mit einer Umschulung begonnen, diese aber abgebrochen, weil ihr das zu schwer erschien. Ich kann das nicht verstehen, denn ich glaube nicht, dass sie in dem Alter noch einen Ausbildungsplatz bekommen wird und ich denke, dass die Umschulung ihre einzige Chance war den Beruf zu erlernen. Vielleicht bin ich aber derzeit auch einfach nur zu Pessimistisch. Ich muss echt an meiner Einstellung arbeiten. Nächstes Jahr ist sie 43 (ich wäre gerne nochmal 43), vielleicht gibt es ja Ausbildungsbetriebe, die nächstes Jahr endlich bereit sind sie einzustellen, sich dieses Jahr aber noch nicht getraut haben. Bis Ende September ist die junge Frau noch hier und als nächstes versuchen wir sie irgendwo als Aushilfe unterzubringen, um die Zeit bis zum Ausbildungsbeginn 2023 sinnvoll zu nutzen. Scheinbar hat sie heute keine Lust, oder andere Pläne, denn ihren Termin nimmt sie nicht wahr und sagt auch nicht ab. Ahnung, was ich davon halten soll.

Kurz vor Ende des Arbeitstages besucht mich ein Teilnehmer, um mir mitzuteilen, dass er morgen nicht kommen wird. Grund ist, dass er ab morgen einen Job hat. Für mich als Unbeteiligten eine schöne Information. Damit steigt die Quote auf 32,43%.

Donnerstag
Ich verstehe so manchen Teilnehmer einfach nicht. Da ist ein Teilnehmer zwei Stunden hier anwesend und rennt immer wieder spontan raus. Dabei stöhnt er und wirkt als würde er leiden, sagt aber erst nach zwei Stunden, dass er Durchfall hat und gehen muss. Warum tut er mir das an und verseucht erst alles, bevor er abhaut? Wären wir im Kindergarten, hätte ich Verständnis, aber ein Erwachsener sollte doch, wenn er krank ist, sofort verschwinden. Somit ist das Klo für mich nicht mehr benutzbar und ich muss zunächst alles, was der Teilnehmer berührt hat, mit Desinfektionsmitteln einsprühen. Und weil ich ein Hypochonder bin, habe ich das Gefühl, dass es im Büro jetzt nach Scheiße riecht. Was stimmt nur mit solchen Leuten nicht? Darum verbreiten sich Krankheiten immer spielend. Widerlich, einfach widerlich.

Der Teilnehmer, der so euphorisch wegen des Vorstellungsgesprächs war, ist es heute nicht mehr. Man bietet ihm ein Festgehalt plus Provision. Er soll Telekom-Produkte verkaufen und ist jetzt ganz unsicher, weil man ihm versichert hat, dass er locker über 2.000€ Brutto im Monat verdienen wird. Ich bleibe skeptisch, er geht nächste Woche dennoch einen Tag mit, um sich das anzuschauen. Es wird sicher ein voller Erfolg.
Am Nachmittag darf ich lediglich zwei neue Teilnehmer begrüßen. Zunächst eine junge Teilnehmerin, die ab dem 01.08. einen Ausbildungsvertrag hat. Bis dahin soll sie aber noch irgendwas arbeiten. Aber welcher Arbeitgeber stellt jemanden ein, der maximal ein paar Wochen Zeit hat? Die können wir meiner Meinung nach unmöglich in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis vermitteln. Aber vermutlich fehlt mir auch hier einfach nur die Fantasie. Am Ende werde ich ihren Ausbildungsbeginn so eintragen, dass er unserer Statistik hilft. Ich weiß, dass das nicht richtig ist, aber wenn ich das nicht mache, zieht sie unsere Statistik nur nach unten.

Mittlerweile stehen die Chancen scheinbar recht gut, dass die Maßnahme verlängert wird. Vermutlich werden wir dann sogar 18 statt 15 Teilnehmern in der Maßnahme haben. Durch die Fehlzeiten der meisten Teilnehmer lässt sich das sicher zeitlich einrichten, aber da ich alleine zuständig bin und auch die ganze Verwaltung meine Aufgabe ist, finde ich das nicht gut. Waren wir früher immer mindestens zu zweit für 15 Teilnehmer zuständig, werde ich dann fast vollständig alleine für 18 Teilnehmer zuständig sein. Dazu kommen gegebenenfalls noch weitere Kunden fürs Persönlichkeits-Coaching. Außerdem müssen alle Teilnehmer, die während des Maßnahme eine Arbeit aufgenommen haben, einmal pro Monat angerufen werden, um zu fragen, wie der Stand ist. Über einen Zeitraum von vier Monaten. Das muss dann natürlich auch in der Datenbank vermerkt werden. Einladungen, Kündigungen und Vertragsunterlagen, die an anderen Standorten die Verwaltungskraft vorbereitet oder komplett erledigt, sind meine Aufgaben. Kassen- und Portobuch natürlich ebenso. Und wer für die Materialbestellungen zuständig ist, ist auch klar. Auch wenn ich das meist ordentlich hinbekomme, sind drei neue Teilnehmer, die insgesamt 18 Stunden in der Woche anwesend sind, dennoch ein Mehraufwand. Fürs Unternehmen sind drei neue Teilnehmer natürlich ein netter finanzieller Zugewinn von dem ich als Mitarbeiter natürlich nichts habe. Ich glaube, ich habe eine verdammt miese Einstellung zu meinem Beruf. Anstatt mich zu freuen, dass ich überhaupt arbeiten darf, beklage ich mich darüber, dass ich früher mehr Unterstützung hatte und jetzt mehr arbeiten muss. Solche Mitarbeiter braucht echt kein Mensch. Wegen dieser Einstellung habe ich vollkommen zu Recht weniger Urlaubstage als meine Kollegen. Eigentlich habe ich gar keinen Urlaub verdient.

Zum Ende des Tages ist ein weiterer neuer Teilnehmer zu Gast. Er sagt, es sei ihm egal, was für einen Job er macht, Hauptsache, er hat eine Aufgabe. Seit er vor sechs Jahren einen Schlaganfall hatte, sucht er Arbeit und das findet er so schlimm, dass er schon daran dachte sich umzubringen, weil er keine Arbeit findet. Normalerweise gucke ich mir neue Teilnehmer immer erst ein paar Tage, bevor ich sie einem Arbeitgeber vorschlage, weil manche viel reden, aber alles nur Bla Bla ist. Dieses Mal habe ich eine Eingebung und rufe bei einem Arbeitgeber an, der zwar wegen der Einschränkungen, die der TN nach seinem Schlaganfall zurückbehalten hat, erst skeptisch ist, dann aber entscheidet, dass der Mann eine Chance bekommen soll. Wenn er wirklich arbeiten will und nichts außergewöhnliches mehr passiert, dann unterschreibt er morgen den Arbeitsvertrag und darf ab Montag arbeiten. Sollte das tatsächlich klappen, bin ich für einen Moment sicher zufrieden und werde meine Sinnlosigkeit als Jobcoach kurzzeitig vergessen, auch wenn ich weiß, dass ich nicht wirklich etwas geleistet habe, empfinde allerdings eine Art Erleichterung, weil ein Mann vielleicht aus seiner Hoffnungslosigkeit genommen wird und sich sein Leben dadurch verbessert. Dafür macht man den Job ja schließlich, also ich. Und weil ich dafür Geld bekomme.

Freitag
Drei Teilnehmer am Vormittag, darunter der Mann, der öfter Schmerzmittel nehmen muss, um die drei Stunden hier zu überstehen. Mir fehlt auch weiterhin die Fantasie, welcher Arbeitgeber für ihn eine Verwendung haben könnte.

Am Nachmittag ist der Mohnkuchen-Mann wieder da. Dazu gesellt sich die Ehefrau, deren Ehemann zwei Tage Probearbeiten ist. Der Mann, der mal einen Schlaganfall hatte, bringt den Arbeitsvertrag. Montag geht es los. Wenn ich mich richtig erinnere, war das meine schnellste Vermittlung. Das war er vermutlich, mein Moment in dem ich mich selbst übertroffen und Großes geleistet habe. Der Höhepunkt meiner Karriere als Jobcoach. Spätestens jetzt sollte ich mir einen anderen Job suchen, denn steigern lässt sich das auf keinen Fall. Die Quote schießt auf 35,14%. Ich sollte jetzt wirklich meinen Rücktritt bekanntgeben.

Kurz vor Feierabend stelle ich fest, dass ich die Datensicherung vergessen habe. So endet die Arbeitswoche ordnungsgemäß mit einer Enttäuschung.

2 Kommentare

  1. Herrlich, diese Schilderungen des Arbeitsalltags im quartären Sektor! So mitreißend und erbaulich, daß man direkt selbst in Erwägung zieht, auf Jobcoach umzusatteln. Besonders lobe ich mir auch die gegenderte Überschrift des Beitrags! Nur leider wird das Gendern im Text nicht konsequent durchgehalten, so sind z. B. noch viele “Teilnehmer” als Bezeichnung für die gemischtgeschlechtliche Gruppe der zu coachenden Personen stehen geblieben.

    Ich hoffe inständig, daß Sie bei einem so wichtigen Thema wie dem Gendern für die Zukunft Besserung geloben werden! Auch wenn, wie Sie an anderer Stelle vermeinten, Jahre vergehen könnten, bis Sie umsetzen, was Sie sich vorgenommen haben …

    • Ja, das ist echt enttäuschend, dass gerade ich als Jobcoach nicht konsequent gendere. Auch mit diesen *innen und *aussen Sternchen habe ich noch Schwierigkeiten. Ich bin möglicherweise alt und bestimmt ein hoffnungsloser Fall. 🥺
      Ich hatte kurz überlegt, den Text ordnungsgemäß zu ändern, aber das wäre Betrug. Es sollen ruhig alle sehen, dass ich noch nicht soweit bin.

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