Belangloses aus dem Leben eines mittelmäßigen Jobcoaches

Nach dem bisher kürzesten Sommerurlaub, seit ich für dieses Unternehmen arbeite, kehre ich noch einigermaßen erholt ins Büro zurück. Doch kaum bin ich da, erkenne ich, dass es stressig wird. Neben den 19 Teilnehmern, die ab Freitag zur Maßnahme gehören, ist die Ansage unserer Chefin und des Chefs vom Jobcenter, dass tatsächlich alle, die nicht vermittelt wurden, ins Persönlichkeits-Coaching wechseln. Das wird mich vom Verwaltungsaufwand komplett überfordern, denn schon heute Vormittag habe ich keine Zeit, um mit den beiden Teilnehmern zu reden, weil ich viele Gespräche mit den IFKs vom Jobcenter über einige Teilnehmer und Teilnehmerinnen führen muss. Ich muss Leute einladen, entscheiden wie es bei manchen weitergeht und alles protokollieren. Dazu erfahre ich, dass die Chefin möglicherweise jemanden einstellen wird, der dann mein neuer Kollege wird. Der hat vermutlich null Erfahrung und muss nebenbei angelernt werden, denn überwiegend werden nur noch Gurken eingestellt. Ich werde dieser Person dann das komplette Persönlichkeits-Coaching übertragen, weil ich zwei Maßnahmen parallel einfach nicht schaffen werde. Dieses hin und her würde mich nach kurzer Zeit definitiv killen. Aber vermutlich wird am Ende alles anders kommen. Ich werde dennoch Tage brauchen, um mich darauf einzustellen.

Während meiner Abwesenheit hat ein Teilnehmer eine Bewerbung verschickt, die eine einzige Provokation ist und er hat wohl auch gesagt, dass der von uns überarbeite Lebenslauf Scheiße ist und er ihr ihn darum nicht nutzen wird. Ich freue mich jetzt schon nicht auf unser Gespräch, denn so ein Gespräch mit aggressiven, überdrehten, uneinsichtigen und auch überforderten Teilnehmern zu führen, ist nichts, was mich begeistern kann. Was mich zwar wundert, aber auch beruhigt, ist die Tatsache, dass am Nachmittag nur einer der vier Termine wahrgenommen wird und ich ganz in Ruhe weiteren Verwaltungskram erledigen kann.

Dass ich derzeit einen Lauf habe, erkenne ich, als ein Polizist auf die Straße tritt und mir signalisiert, dass ich anhalten soll. Geschwindigkeitskontrolle. 50 km/h sind erlaubt, ich fuhr 63 km/h. 3 km/h werden abgezogen, bleiben 60 km/h. Das kostet 20 Euro. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich jemals zuvor zweimal innerhalb eines Jahres wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen aufgefallen bin und jetzt gleich zweimal innerhalb von vier Tagen. Erst am Samstag wurde durch meinen rasanten Fahrstil ein Blitzer auf dem Wall in Dortmund ausgelöst. Fast wie vor einem Jahr. Ich raste mit etwa 43 km/h durch Dortmund, weil ich wieder vergessen hatte, dass man abends nur noch 30 km/h fahren darf. Und jetzt stehe ich hier, weil ich wegen meiner irren Raserei angehalten wurde. Ich zahle ordnungsgemäß zwanzig Euro und verbiete mir an den nächsten beiden Samstagen in Waltrop essen zu gehen. Wer rast, der hat kein Geld, um noch groß essen zu gehen. Je nachdem, was das Blitzerfoto mich kostet, werde ich weitere Samstage zu Hause speisen. Wer rasen kann, der muss zu Hause essen, damit ein Lerneffekt einsetzt. Vielleicht ist das Coupé auch einfach zu sportlich für mich. Ich werde mein Verhalten beobachten und bei Bedarf eingreifen. Vielleicht kaufe ich mir beim nächsten Vergehen ein 9 Euro Ticket und zwinge mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Spätestens dann sollte ich zur Vernunft kommen und die Raserei ein Ende haben.

Wie schon am Dienstag bin ich auch am Mittwoch bereits um 05.00 Uhr wach und stehe wenig später auf, weil es nichts bringt, noch länger rumzuliegen. Am Vormittag habe ich fünf Teilnehmende zu Gast. Eine Art Vorgeschmack auf das, was ab nächster Woche öfter vorkommen kann, wenn sich nicht alle an die vorgeschriebenen Zeiten halten, denn ab nächster Woche sind theoretisch fast durchgehend alle vier Plätze besetzt und wenn sich Termine verschieben, müssen Leute alleine im anderen Raum, der eigentlich für die Kunden des Persönlichkeits-Coachings reserviert ist, Platz nehmen. Das wird sicher ein Mordsspaß. Aber vermutlich sind Terminverschiebungen dann eh nicht mehr vorgesehen und ich muss strenger auf die Einhaltung der Termine pochen und wenn irgendwer nicht spurt, wird der abgemahnt, weil man sich von so Arbeitslosen nicht auf der Nase rumtanzen lassen darf. Lächerlich.

Am Nachmittag besucht mich nur der Mohnkuchen-Teilnehmer. Als ich ihm sage, dass heute sein letzter Maßnahmetag ist, geht er unverzüglich zum Bäcker um mir ein Stück Mohnkuchen zu kaufen. Gibt es heute aber nicht, weshalb er mir ein Schweinsohr mitbringt. Er will mich in Zukunft gelegentlich hier besuchen und unbedingt mit mir essen gehen. Mir reicht es vollkommen, wenn man mir etwas schenkt, essen gehen ist mir zu privat und aufwendig. Dann heißt es Abschied nehmen. Seinen Nachfolger erwarte ich nächste Woche. Der wird mir aber vermutlich nichts schenken.

Am Abend sitze ich auf dem Balkon und denke über meine Beschränktheit nach, schüttle den Kopf, winke quasi lachend, gar auslachend, ab. Ich habe mich seit dreißig oder noch mehr Jahren einfach nicht weiterentwickelt. Eine peinliche, geradezu groteske Erscheinung bin ich. So völlig aus der Welt gefallen. In solchen Momenten fällt meine Lebensmaskerade krachend zu Boden und ich sehe mich, wie ich in irgendwelchen Situationen reagiert und agiert habe. Aber es ist eine gewisse Milde in der Betrachtung meiner Unzulänglichkeiten. Kein komplettes Verurteilen, fast ein Hauch Verständnis, weil ich weiß, dass einfach nicht mehr in mir steckt. Ja, ich habe es verkackt dieses Leben und verkacke es weiter bis zum letzten Tag. Dann weicht die Milde und wird ersetzt durch Verachtung, Selbsthass und den Wunsch es hätte mich nie gegeben. Nutzloses, widerliches Drecksvieh (das weckt Erinnerungen an meine Jugend, nur war ich da nicht das Drecksvieh. Da habe ich mich wohl kontinuierlich in die unvermeidliche Richtung entwickelt). Von Milde bis zu totaler Ablehnung in nur wenigen Minuten. Wie kann man nur so ein Versager sein? Jämmerlich bis zum letzten Tag. Auch wenn ich diese Verachtung zeitweise ablege, so wird sie mich doch nie verlassen. Jetzt rächt es sich, dass ich weder Alkohol noch andere Drogen zu mir nehme. An Tagen wie diesen könnte ich mich wunderbar zuknallen und in ein Delirium abgleiten. Immer und immer wieder. Wie konnte ich nur so aus der Art geraten? Früher hatte ich wenigstens Diazepam. Damit konnte ich mich immerhin manchmal wieder beruhigen. Aber Diazepam ist auch keine Lösung. Zu allem Überfluss bekomme ich auch noch Schmerzen im rechten Sprunggelenk. Die Schmerzen werden so stark, dass ich nicht einmal entspannt liegen kann. Also mache ich mir einen Wickel mit Retterspitz und verbinde das Gelenk. Es ist offensichtlich, dass es seit Samstag stetig bergab mit mir geht.

Donnerstag. Auf dem Weg zur Arbeit meldet sich das Sprunggelenk wieder. Vermutlich ist es nicht klug, dass ich seit Monaten nicht zur Massage war. Dieser Körper braucht vermutlich Korrekturen von außen, um nicht völlig zu zerfallen. Vielleicht ist das aber auch alles einfach unvermeidlich und nun langsam an der Zeit. So ein Körper hält schließlich nicht ewig.

Vier Teilnehmende besuchen mich, aber haben schon bald andere Termine, weshalb ich schon ab 10.30 Uhr alleine im Büro sitze. Besonders auffällig ist der Teilnehmer dessen Bewerbung eine ziemliche Provokation ist. Meine Argumente, dass das so nicht geht, kann ich nicht bringen, weil er direkt nach der Bewerbung sofort eingeladen wurde zu einem Vorstellungsgespräch. Das liegt zwar daran, weil die Stelle schon seit Wochen unbesetzt ist, aber dennoch hat er Erfolg gehabt. Auf seinen Wunsch hin, soll ich das Anschreiben dann aber doch etwas freundlicher gestalten. Außerdem rufe ich einen Arbeitgeber an, bei dem schon zwei Teilnehmer von uns untergebracht sind. Zwei Stunden später erfahre ich, dass der Teilnehmer gleich den Arbeitsvertrag zugeschickt bekommt und am Montag anfangen kann. Das wäre eine kleine Sensation, wenn es wirklich dazu kommen würde. Und für die Quote, die derzeit bei 33,3 % liegt, wäre es enorm wichtig.

Am Nachmittag besucht mich ein früherer Teilnehmer und wir reden fast 45 Minuten über das, was er nach der seiner Teilnahme an dieser Maßnahme so erlebt hat. Er hat es mit Hilfe einer anderen Maßnahme geschafft, dass er dieses Jahr doch noch eine Ausbildung beginnen wird, weshalb ich enttäuscht von mir bin, da ich ihm nicht helfen konnte. Um 16.00 Uhr muss ich unseren Plausch beenden, denn ich will nach Hause, weil ich ab 16.00 Uhr nicht mehr als Jobcoach aktiv bin. Ich werde quasi abgeschaltet und kann wieder als ganz normaler Zivilist agieren.

Freitag. Tatsächlich schon Freitag. Es hat sich abgekühlt, das Wochenende steht an und das Kopfkino beginnt. Von der Urlaubserholung ist mir nichts geblieben. Mein Kopf konstruiert Horrorszenarien, aber immerhin rieche ich gut. Hilft zwar keinem, aber es kommt eben doch darauf an, dass man den richtigen Duft aufträgt, wenn man ins Büro fährt, um dort ratlos seine Zeit zu verbringen. Acht Stunden habe ich auch heute Zeit, möglichst viel falsch zu machen und dennoch Arbeitslosen zu helfen, dass sie vollwertige, weil arbeitende Mitglieder dieser Gesellschaft werden. Kurzzeitig überlege ich, ob ich nicht einfach einen Corona-Schnelltest mache. Nicht, weil ich mich kränklich fühle, aber ich weiß nicht, ob es vertretbar ist, dass ich schon seit Wochen darauf verzichte mir dieses Stäbchen in die Nase zu schieben. Als verantwortungsvoller Bürger sollte man das vermutlich machen. Aber da ich grundsätzlich bei allem versage, verzichte ich auf den Schnelltest.

Auch das bevorstehende Wochenende lässt mein Herz nicht höher schlagen. Wäre ich nur etwas normaler, dann könnte ich mich drei Abende lang besaufen und schon wäre das Wochenende überstanden, aber es ist mir einfach nicht möglich Alkohol in mich hinein zu schütten. Ich bin in jeglicher Hinsicht eine Enttäuschung und ein hoffnungsloser Fall. Fünf Teilnehmer gilt es heute zu bespaßen. Dazu kommen dann, wenn sie kommen, zwei Neueinsteiger. Das kann nur ein weiterer grandioser und erfolgreicher Arbeitstag werden. Schon alleine der erste Teilnehmer bringt alles mit, was Arbeitgeber erwarten. Er kann sich vor Schmerzen kaum bewegen und leidet während seiner Anwesenheit still vor sich hin. Dafür ist er schon zehn Minuten vor meinem offiziellen Arbeitsbeginn und vierzig Minuten vor seinem Termin da. Das nenne ich Einsatz. Hatte ich erwähnt, dass ich heute gut rieche? Ich denke sogar zeitweilig über den Einsatz von Dating-Apps nach, um mein trostloses Leben noch etwas trostloser erscheinen zu lassen. Immerhin könnte ich so meine Zeit verplempern, aber dabei weniger denken, bevor ich mich im Anschluss ausführlich über die Großartigkeit von Dating-Apps auslasse. Mache ich aber nicht. Ich könnte mich auch sinnlos immer weiter runterziehen. Das ist bestimmt ähnlich cool, wie sich sinnlos zu betrinken. Alternativ könnte ich mich auch besser um meine Teilnehmer kümmern, aber da fällt mir nichts ein, was ich für sie tun könnte. Während ich mich meiner Belanglosigkeit hingebe, besucht mich der Teilnehmer, für den ich gestern bei einem Arbeitgeber angerufen habe. Er hat den Arbeitsvertrag dabei und unterschreibt diesen. Wir erledigen den notwendigen Papierkram und wenige Minuten später ist er kein Arbeitsloser mehr und die Quote klettert auf 35,9%. Der Mann bedankt sich für alles Mögliche, unser Verständnis, unsere Hilfe und Geduld. Dabei habe ich nichts weiter getan als das, was ich immer mache. Ich saß hier, habe ihm die Tür geöffnet, Fragen beantwortet, irgendwelche Sätze aus mir sprudeln lassen und ihm erlaubt Kaffee zu trinken. Meine eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt, da ich ihn abmelden muss, einen Bericht schreiben, den Platz neu besetzen und was sonst notwendig ist. Vielleicht ist längst klar, was ich beruflich mal werden soll. Eine Verwaltungskraft, die sich voll und ganz dem Verwaltungskram hingibt und dabei gut riecht. Jetzt muss ich nur noch aufhören nebenbei als Jobcoach zu arbeiten, dann ist meine berufliche Zukunft geklärt.

Am Nachmittag sollte eigentlich das Ehepaar bei mir sein, aber scheinbar haben die erkannt, dass es nichts bringt, wenn sie hier noch Zeit verbringen, was ich gut verstehen kann. Für die beiden konnte ich bisher auch nichts tun. Umso erstaunlicher ist es, dass beide demnächst eine Ausbildung beginnen. Sie als Verkäuferin, er als Friseur. Wobei er zunächst eine Einstiegsqualifizierung machen wird. Beide werden dafür sorgen, dass die Quote steigt und irgendwer wird bestimmt denken, dass es irgendwas mit der Maßnahme zu tun hat, sind es doch zwei weitere Beweise dafür, dass so Maßnahmen Sinn machen. Weil ich alleine bin, überlege ich mir, dass ich als eine Art Paartherapeut arbeiten könnte. Dann kommen irgendwelche Paare zu mir und ich berate sie zu allen möglichen Themen. Bevorzugt natürlich zum Thema Beziehungen, denn da bin ich voll der Experte. Ich muss ihnen nur raten, dass sie möglichst nichts von dem machen, was ich machen würde, dann haben die Paare durchaus eine Chance. Sobald ich meine Karriere als Verwaltungskraft abgeschlossen habe, werde ich ernsthaft über meine Karriere als Paartherapeut nachdenken. Diese Arbeitswoche ist echt abwechslungsreich mit überraschenden Höhen und Tiefen. Jetzt bin ich so euphorisch, dass ich unbedingt einen Dämpfer brauche, sonst werde ich echt noch übermütig. Das möchte ich nicht, weil ich dann nur umso tiefer fallen würde. Noch bevor meine Euphorie ihren nächsten Höhepunkt erreicht, ruft mich eine künftige Teilnehmerin an, die ich für nächste Woche eingeladen habe. Als sie am Ende des Gesprächs sagt, dass sie sich auf ihren Termin freut, bin ich kurzzeitig irritiert, weil das klingt als würde sie es auch so meinen. Sofort wird mir bewusst, dass ich es da vermutlich mit einer Frau zu tun bekommen werde, die es Faustdick hinter den Ohren hat und weiß, wie man die Worte wählt, um sein Gegenüber auf die falsche Fährte zu locken. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich niemand auf so eine Einladung freut, auch wenn meine Stimme sie am Telefon sicher zur Verzückung gebracht hat. Ich notiere mir, dass ich bei Teilnehmerin 19 auf der Hut sein muss. Aber wahrscheinlich wird sie hier eh nicht auftauchen, weil sie letztes Jahr, als wir sie eingeladen haben, auch nie aufgetaucht ist. Da hat sie aber auch vorher nicht mit mir telefoniert. Nächste Woche wissen wir mehr.

Einer der beiden neuen Teilnehmer taucht am Nachmittag pünktlich zu seinem Termin auf und macht einen guten Eindruck. Wenn er während der drei Monate keinen Ausbildungsplatz findet, dann ist es der letzte Beweis, dass ich als Jobcoach völlig nutzlos bin. Bevor der Arbeitstag endet, frage ich mich, ob es ein Leben vor dem Tod gibt und wann es wohl beginnt. Da ich wegen Raserei am Samstag nicht essen gehen darf, werde ich mir Backofenpommes servieren und den Tag auf dem Balkon verbringen. Weitere Pläne habe ich bis zu meiner Rückkehr ins Büro nicht. 16.00 Uhr. Jobcoach aus, Zivilist an.

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