Drei heiße Tage

Nachdem ich am Montagvormittag fast 90 Minuten beim Orthopäden war, der mein Becken geröntgt, meine Frage nicht beantwortet und entschieden hat, dass mein rechtes Bein 0,5 Zentimeter kürzer als das linke ist, der mir Einlagen aufgeschrieben und eine Überweisung zu einer MRT-Untersuchung meines rechten Knies mitgegeben hat, fahre ich nach Hause. Dort bestätigt mir Agnes, dass der Termin ziemlich nutzlos war, denn wieso sollte mein rechtes Bein in den letzten Monaten oder Jahren um 0,5 Zentimeter gewachsen oder das linke um 0,5 Zentimeter geschrumpft sein. Dabei wollte ich wissen, was für einen Knubbel ich in der Kniekehle habe. Darum war ich dort, weil der Knubbel mal Größer und mal kleiner ist. Mit an- und Abfahrt habe ich zwei Stunden meines Lebens verplempert. Das ist natürlich nichts neues, das ich Lebenszeit verplempere, aber das hätte ich anders sinnvoller tun können. Obwohl? Kann man sinnvoll Zeit verplempern? Da ich zwar krumm bin, aber nicht an ein verlängertes Bein glaube, muss ich bei Gelegenheit nach jemandem suchen, der Menschen, die irgendwie verformt sind, reparieren kann. Heute aber nicht, denn heute ist es heiß. So kommt es, dass ich den größten Teil des verbleibenden Tages lesend auf dem Balkon verbringe, die Füße in einem Behälter mit kaltem Wasser. Ich telefoniere mit Agnes und wenn ich das nicht tue, lese ich weiter oder denke nach. Das Kondom, welches bisher als Lesezeichen diente, liegt auf dem Schuhschrank, der auf dem Balkon wohnt. Spontan stelle ich mir vor, dass es irgendwie cool wäre, wenn überall in der Wohnung Kondome liegen würden. Wie Giveaways. Oder um zu unterstreichen, dass ich anders bin. Frauen würden das sehen und dann mit mir schlafen wollen, weil sie einfach nicht anders können. Dann fällt mir ein, dass sich in meiner Wohnung in der Regel nicht irgendwelche fremden Frauen aufhalten und ich auch seit über drei Jahren nicht mehr mit Frauen schlafe und mich im sexuellen Ruhestand befinde. Ich könnte den Frauen, die niemals zu mir kommen, von früheren Erlebnissen, die niemals stattgefunden haben, erzählen. Oder ihnen alte Texte aus meinem Leben vorlesen und sie so glauben machen, dass es mal cool war mit mir zu schlafen. Natürlich hätte ich die alten Texte dahingehend geändert, dass es wie eine Sünde klingen würde, dass ich mich sexuell schon zur Ruhe gesetzt habe und den Frauen dieses Erlebnis verwehrt bleibt. Vermutlich ist mir längst die Hitze zu Kopf gestiegen. In der Wohnung ist es gut neun Grad kälter, wie ich wenig später feststelle, was ich ganz toll finde. Dennoch kehre ich auf den Balkon zurück, bleibe dort und hänge irgendwelche fantastischen Gedanken nach. Wie ein Mann, der seinen Zenit längst überschritten hat, aber dennoch auf irgendein Comeback hofft. Was auch immer das für ein Comeback sein soll. Ein Comeback auf einem kleinen Fußballplatz wäre jedenfalls richtig geil.
Später sehe ich im Wohnzimmer die “Nümmerchen-Postkarte” und beschließe, dass ich sie in Kürze als Zeichen meines Scheiterns an der Wohnungstür befestigen werde. So kann ich täglich einen Blick drauf werfen bis sie eines Tages von irgendeinem anderen Unsinn abgelöst wird. Nichts davon deprimiert mich, obwohl es mich deprimieren sollte. Mein Scheitern hat keine Bedeutung, obwohl es vermutlich viel bedeutet. Möglicherweise habe ich heute mit meinem Scheitern einfach nichts zu tun. Wahrscheinlich bin ich am Ende genauso wenig oder viel gescheitert, wie Millionen Menschen es täglich tun. Nur halt auf meine Art. Zeit für ein paar Seifenblasen. Für Seifenblasen ist man nie zu alt.

Wind kommt auf. Blaulicht. Sirenen. Vielleicht hat die Hitze ein weiteres Opfer gefordert. Vielleicht hörte ein Herz auf zu schlagen, ist ein Aneurysma geplatzt, verprügelte ein Mann seine Frau, erfasste ein Auto ein Kind, welches nur jung und unaufmerksam war. Weitere Sirenen, weiteres Blaulicht. Vielleicht ist alles eingetroffen. Vielleicht sind alle tot. Alles ist möglich. Nichts davon ist schön.

Kurz bevor ich den Balkon verlasse hadere ich kurz mit mir, ob es vertretbar ist den ganzen Tag auf dem Balkon zu sitzen, vor allem, weil es morgen noch heißer werden soll und ich mich dann auch nicht bewege. Hinderliche, nutzlose Gedanken, denn der Tag auf dem Balkon war wie Urlaub. Mehr braucht es nicht, weil ich an Tagen wie diesen nicht mehr brauche.

KondomDer neue Platz des Kondoms, welches mal ein Lesezeichen war.

 

Der Dienstag ist angekündigt als einer der heißesten Tage des Jahres. Passend dazu bekomme ich einen neuen Kollegen, den ich quasi selbst zu verantworten habe, denn gestern fragte man mich noch, ob ich mir wirklich eine Zusammenarbeit mit ihm vorstellen kann. Ich dachte kurz nach, ob ich einen Mann, der sich gerne Finger in die Nase steckt und der auch gerne Essensreste aus den Zähnen pult, dabei völlig losgelöst wirkt, täglich im Büro haben möchte. Dann dachte ich, dass es, wenn ich ablehne, vermutlich Monate dauern wird bis man wen anders findet, der womöglich zwei Finger in die Nase steckt und ständig mit seinen Eiern spielt, und sagte, dass wir es versuchen können und ihn, wenn er nervt einfach wieder rauswerfen. Als würde ich irgendwen rauswerfen. Sein größter Trumpf allerdings, das ist immens wichtig, ist, dass er coachen kann und scheinbar Bock drauf hat. Im Vergleich zu ihm falle ich als Coach deutlich ab. Er ist Bundesliga, ich hingegen nur noch Regionalliga. Entweder reiße ich mich zusammen und versuche sein Niveau zu erreichen oder ich bleibe eine Witzfigur. In ein paar Wochen weiß ich mehr. Heute ist sein vierter Tag hier und diejenigen, die ihn letzte Woche schon kennenlernen durften, finden ihn schon so klasse, dass sie es nicht einmal bemerken würden, wäre ich nicht mehr da. Ob es überhaupt irgendetwas gibt, in dem er mir nicht überlegen ist? Darüber denke ich nach, wenn ich mir die Stimmung vermiesen will. Heute nicht.

Später auf dem Balkon. Gedanken. Der letzte Sex. Lange Zeit war ich sicher, ich wüsste, wo er stattfand und welches die letzte Stellung meines Sexlebens war. Jetzt sitze ich hier und bin nicht mehr sicher, dass es eine Art Quickie im Wohnzimmer war. Ein schneller Fick als Abschluss eines relativ kurzen Sexlebens. So sehr ich mich auch anstrenge, so unsicher bleibt es. War das wirklich die letzte Nummer? Vermutlich würde ich mich erinnern, wenn ich damals gewusst hätte, dass es die letzte Nummer wird. Dann hätte ich es mir vermutlich notiert, die Situation im Alter vertanzt oder mit Holzpuppen nachgespielt. Vermutlich ist es gar nicht so wichtig, aber in meinem Kopf eben schon. Ich finde, an seine letzte Nummer sollte man sich erinnern. Stattdessen wird eine chinesische Massage meine letzte sexuelle Erinnerung sein. Gut, dass wäre sie auch so, aber richtig ist das nicht. Nun kann man sicher sagen “Wenn Dir deine Erinnerungen nicht gefallen oder sie undeutlich sind, schaff dir neue.”, aber das ist nicht möglich. Also theoretisch schon, praktisch sieht es halt ganz anders aus, weil mein Leben heute ein anderes ist. Doch auch das deprimiert mich heute nicht, denn es ist einfach nur ein weiterer Sommertag auf dem Balkon an dem meine Gedanken Kreisen auf ihren Reisen.

Keine Stunde halte ich es auf dem Balkon aus, dann hat sie mich geschafft, diese unglaubliche Hitze. Auch das Fußbad konnte mich nicht retten. In der Wohnung läuft der Ventilator, ich schalte das Gradierwerk ein, fülle Duftöle, Minze, Eukalyptus, Limone, in den Diffusor und schalte auch ihn ein. In meiner Phantasie sorgt das für ein besseres Klima und falls es nicht so ist, reicht im besten Fall die Phantasie, dafür zu sorgen, dass es so ist, ohne so zu sein.

Ich esse Schoko Kekse, ohne Hunger zu haben, und frage mich, wie ich in einem Jahr vier Kilo abnehmen konnte. Es war ein langsamer, schleichender Prozess, aber vollkommen sinnlos. Die Duftöle umschmeicheln meine Nase. Ein Hauch von Urlaub im Wohnzimmer.
Zum Abschluss des Tages überlege ich, ob ich onanieren sollte, finde aber, dass ich dafür nicht zuständig bin und verwerfe den Gedanken rasch wider. Stattdessen tanze ich nackt durch die Wohnung. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so entspannt bei derart hohen Temperaturen war. Doch alle wissen, was nach einer solchen Hochphase kommt. Ein tiefes, dunkles Loch. Um nicht übermütig zu werden, hänge ich die „Nümmerchen-Postkarte“ an die Wohnungstür. Gefällt mir.

Nümmerchen-KarteErinnerung an ein Scheitern.

 

Der nächste heiße Tag vor der angekündigten Abkühlung. Ich scheine heute gefühlsneutral zu sein, aber das kann täuschen.

Wenn mein neuer Kollege, der Jörg, seine Gehaltsvorstellung durchsetzt, bekommt er pro Arbeitsstunde 63 Cent mehr als ich. Abgesehen davon, dass ich es nicht mag, wenn ein Kollege mehr verdient, finde ich, dass die Summe deutlich höher sein müsste, denn im Gegensatz zu mir coacht er wirklich was weg. Mein einziger Beitrag am Vormittag ist, dass ich der Frau mit den toll verpackten Brüsten sage, dass man mich mit Kuchen bestechen kann. Er muss nur Laktosefrei sein. Nachdem sie weitere Unverträglichkeiten abgefragt hat, ziehe ich mich zurück, weil mich ihre Brüste verwirren. So kann ich nicht ordentlich arbeiten, weshalb ich mich während der restlichen Zeit ihrer Anwesenheit meist verstecke. Für so ein Verhalten bezahlt man mich.

Mein letzter Wochenendeinkauf war auch ziemlich geistlos, denn außer Tomaten, Nudeln, Reis und Hirse ist eigentlich nichts da, weshalb ich Nudeln mit Tomaten koche und mit Ketchup verfeinere. Vermutlich drei Tage lang, da ich es absolut nicht einsehe, wegen meiner Versäumnisse nochmal einkaufen zu gehen. Lächerlich.

Später auf dem Balkon. Der dritte Abend nur mit mir. Ich kann nicht sagen, dass mir das nicht gefällt. Arg beschränkter Einzelgänger, der fast nur aus Haut und Knochen besteht und immer faltiger wird, beendet die drei heißen Tage auf dem Balkon. Schade, dass ich nicht auch irgendwie heiß bin.

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt Pläne zu machen. Irgendwas Cooles, Lustiges oder Unerwartetes. Stattdessen beobachte ich zwei Tauben beim kopulieren. Sollte ich je wieder ernsthaft in Betracht ziehen so etwas Törichtes zu tun wie kopulieren, dann müsste ich dafür bezahlen, da bin ich mir ganz sicher. Das möchte ich nicht, also muss ich was anderes planen. So verwerfe ich den Plan, etwas zu planen, direkt wieder. Alles andere wäre albern und würde eine Lawine fragwürdiger Ereignisse nach sich ziehen.

Würde ich jetzt eine Frau küssen, wäre alles verloren.

KondomAm dritten Tag lag das Kondom an anderer Stelle und wurde umgedreht. Wer hat das getan?

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