Dritte Fünf-Tage-Woche 2022

Montag
Drei Montage hintereinander zu arbeiten ist nichts für mich. Die ersten beiden Wochen waren kein Problem, aber jetzt ist es zu viel, denn drei “kurze” Wochenenden hintereinander verkrafte ich nicht, was am letzten Wochenende deutlich wurde, denn es ist unverkennbar, dass mir Schlaf, Entspannung und Zeitverschwendung fehlen. Ganz besonders aber fehlt es mir, am Sonntag lange aufzubleiben und am Montag aufzustehen, wenn mein Körper dazu bereit ist. Heute ist er es definitiv nicht als mich der Wecker aus dem Schlaf reißt. Nur mit Mühe und Not quäle ich mich aus dem Bett und glaube nicht, dass ich irgendwann nochmal in Vollzeit arbeiten könnte. Warum ich das überhaupt denke, dass Vollzeit arbeiten für mich eine Option ist? Die ganzen schlechten Nachrichten der letzten Tage, die Energiepreise und die Endzeitstimmung haben mich kurz überlegen lassen, ob es nicht besser wäre, mehr Geld zu verdienen. Abgesehen davon, dass es immer besser ist, mehr Geld zu verdienen, ist es keine Option, wegen von unfähigen Politikern geschaffenen Krisen, in Vollzeit arbeiten zu gehen. Ich würde nur im Zeitraffer altern und Jahre früher sterben. Das möchte ich nicht. Wenn ich schon früher sterben muss, dann entweder, weil unsere Politiker endlich den großen Krieg anzetteln und fast alle Menschen sterben, oder weil ich in einer kalten Wohnung im Schlaf erfroren bin. Aber nicht, weil ich Vollzeit arbeiten gehe. Man muss da einfach Prioritäten setzen, finde ich.

Ich sitze gerade im Coupé, da will mein Nachbar, der wohl gerade von seinem Einkauf von Penny zurückkommt, mit mir reden. Ich erwarte, dass er mich fragen wird, ob ich mich bei der Hausverwaltung beschwert hätte, weil er und meine Nachbarin den Flur nicht wischen, doch er hat ein anderes Anliegen und möchte wissen, was ich denn von der Gas-Hysterie halte. Da habe ich keine Antwort. Er sagt, dass er das nicht versteht, denn von April bis Oktober ist die Heizung ja aus und er hat auch schon den Gaszähler fotografiert, um zu sehen, ob sich der Zählerstand ändert. Denn das kann nur passieren, wenn einer mit Gas kocht oder so. Zu dem Zeitpunkt habe ich das Gespräch schon größtenteils verlassen und frage mich, ob der Nachbar noch betrunken ist vom Vortag, ob er heute schon getrunken hat oder ob er tatsächlich nüchtern, aber trotzdem ein hoffnungsloser Fall ist. Da das Gespräch um die Gas-Hysterie zu nichts führt, sage ich ihm, dass wir das beobachten werden und verabschiede mich.

Im Büro geht es heute zu wie in einem Ferienlager oder auf einer Veranstaltung mit Menschen, die ständig durcheinander reden. Dabei sind es nur die Teilnehmenden 13, 15 und 18, die mit ihrer Anwesenheit dieses Durcheinander verursachen, während der Freund von Teilnehmerin 18 brav im Auto wartet, weil ich verboten habe, dass er sich zu uns setzt. Ein Mindestmaß an Professionalität muss schon sein.

Am Nachmittag verzichtet Teilnehmer 19 auf seinen Termin und ich hoffe, dass er das auch weiter so macht, denn dann kann ich ihm nächste Woche endlich die Kündigung schreiben und wir sind ihn los. Teilnehmerin 17 hat bereits angekündigt, dass sie erst ab Mittwoch wieder an der Maßnahme teilnimmt. Warum sie heute nicht bei uns ist, werden wir am Mittwoch oder niemals erfahren. Teilnehmer 16 ist krank und Teilnehmerin 12 scheint andere Pläne zu haben. Und dafür bin ich heute Morgen extra so früh aufgestanden. Da Teilnehmerin 12 nicht weiter an der Maßnahme teilnehmen, sondern lieber irgendwann studieren möchte, wird die Maßnahme für sie beendet und wir bekommen morgen eine neue Nummer 12, die dieses Jahr gerne noch eine Ausbildung beginnen möchte. Das wird nicht leicht, aber leicht wäre auch zu leicht.

Dienstag
Heute fällt es mir noch schwerer aufzustehen und ich kann die Augen kaum aufhalten. Es dauert auch zu lange, bis es draußen angenehm hell ist. Außerdem ist es etwas frisch in der Wohnung, aber das ist gut, denn so kann ich mich Schritt für Schritt abhärten, um den kalten Winter mit der Gas-Hysterie zu überstehen. Als pflichtbewusster Bürger eines untergehenden Landes versuche ich, mir die Haare mit kaltem Wasser zu waschen und scheitere kläglich. Kaum berührt das erste Wasser meine Kopfhaut, hört mein Pflichtbewusstsein auf. Solange man mir das warme Wasser nicht abstellt, kommt kein kaltes Wasser mehr an meine Kopfhaut. Das ertrage ich einfach nicht. Genauso wenig, wie ich kalt duschen ertrage. Ich bin eine waschechte Mimose und gehe ein, wenn man mich mit kaltem Wasser behandelt. Für Krisenzeiten bin ich nicht zu gebrauchen.

Im Büro begrüßen wir die neue Teilnehmerin 12. Als sie während des Gesprächs plötzlich zu weinen beginnt, ist klar, dass wir hier eine andere Aufgabe vor uns haben als ursprünglich angenommen. Hier geht es zunächst um Stabilisierung und nicht um Bewerbungen. Nachdem die Tränen nachgelassen haben, versuche ich, die Stimmung mit einem gespielten Witz etwas zu lockern, was mir möglicherweise gelingt. Wenn die Teilnehmerin zum nächsten Termin wiederkommt, war mein humoriger Einwurf eine gute Idee. Sollte sie nicht wiederkommen, muss ich meine Arbeitsweise überdenken oder bessere Witze in mein Repertoire aufnehmen.

Der Nachmittag plätschert vor sich hin. Teilnehmer 5 und Teilnehmerin 6 sind anwesend, Teilnehmer 4 erwartungsgemäß nicht. Ebenso verzichtet Teilnehmer 10 auf seine Anwesenheit. Wenn die beiden das diese Woche konsequent durchziehen, darf ich sie am kommenden Montag abmahnen. Zum zweiten Mal abgemahnt wird heute Teilnehmer 1, den wir noch nie hier gesehen haben und dem wir nächste Woche wohl ordnungsgemäß kündigen werden. Höhepunkt des Tages ist daher die geplante Arbeitsaufnahme des Teilnehmers des Persönlichkeits-Coachings. Wenn es klappt, sind wir ihn nach nur einem Termin schon los, was ich ganz wunderbar finde. Weitere Höhepunkte sind heute nicht geplant.

Mittwoch
Mittlerweile ist es nicht mehr möglich, morgens nackt durch die Wohnung zu spazieren, weil es für mich einfach zu frisch ist, wenn die ganze Nacht die Fenster auf waren. Langsam verabschiedet sich der Sommer Richtung Herbst. Natürlich dauert es noch eine Weile, aber es ist schon zu spüren. Für mich als Frostbeule sind das natürlich keine schönen Aussichten.

Im Büro das gleiche Bild, wie man es kennt. Teilnehmerin 11 und Teilnehmerin 17, die sich somit ihre zweite Abmahnung verdient hat, sind nicht da, Teilnehmerin 14 kommt kurz vorbei und geht dann zum Arzt. Teilnehmer 9 hat einen Probearbeitstag, so dass wir am Vormittag nur den Mann vom Persönlichkeitscoaching erwarten, der vorbeikommen wird, um seinen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Schade, dass er nicht für die Quote gezählt werden kann. Kollege Jörg coacht die einzig verbliebene Teilnehmerin des Persönlichkeits-Coachings im Anschluss eine Stunde lang, was ich erstaunlich finde, denn mir fehlt bei der Frau jegliche Motivation. Was die Abrechnung der Stunden angeht, hat er gänzlich andere Vorstellungen als es vorgegeben ist, weshalb ich ihm sage, dass er darüber mit der Chefin sprechen soll, was er auch tun will. Keine Ahnung, woher er die Motivation nimmt, aber wenn seine Pläne umsetzbar sind, dann verdient das Unternehmen mehr Geld und er steigt in der Liste der nützlichsten Mitarbeiter sicher um einige Plätze nach oben. Krass, dass ich immer nur mit Leuten hier arbeite, die mehr wollen und Ideen haben. Was das angeht, bin ich völlig aus der Art geraten und eigentlich auch unbrauchbar mit meiner passiven Anwesenheit.

Ein Unternehmen schreibt uns an, dass sie dringend 10 Helfer benötigen. Wir können, trotz 19 Leuten, die an der Maßnahme teilnehmen, nicht helfen. Das sagt viel über die Qualität der aktuellen Teilnehmer aus. Vielleicht kann ich vier von ihnen in der nächsten Woche rauswerfen. Das wäre toll.

Am Nachmittag verschiebt Teilnehmer 15 seinen Termin auf Freitag. Teilnehmer 7 erscheint grundsätzlich nicht und Teilnehmer 16 ist krank und wird meiner Meinung nach auch nicht mehr wiederkommen. Somit besucht uns nur Teilnehmerin 8, die meine Hilfe aber nicht benötigt.

Donnerstag
Es ist mir morgens echt zu frisch und dann fängt der Tag im Büro auch noch mit einer gerechtfertigten Kritik an. Eine frühere Teilnehmerin des Persönlichkeit-Coachings hat ihre Bewerbungen beim Jobcenter vorgelegt und ich werde gefragt, ob diese furchtbare Bewerbung und der miese Lebenslauf tatsächlich von uns sind. Leider ja. Und sogar von mir. Ich kann selber kaum glauben, dass ich so einen Schrott habe durchgehen lassen, teilweise sogar erstellt habe. Ich biete an, dass die Frau zu uns kommt und wir das inoffiziell in Ordnung bringen. Man ist einverstanden und ich übergebe die Aufgabe an Jörg, denn er ist der Mann fürs Persönlichkeits-Coaching. An den Bewerbungsunterlagen wird deutlich, dass ich das Persönlichkeits-Coaching wirklich nur nebenher mache, was allerdings nicht nur unprofessionell, sondern auch eine Frechheit ist. Dafür sollte ich den Titel “Schlechtester Mitarbeiter des Monats” verliehen bekommen und den Bonus zurückzahlen müssen. Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich solche Bewerbungsunterlagen habe durchgehen lassen. Allerdings haben Örge und Jens auch nichts an den Unterlagen zu beanstanden gehabt. Vielleicht sind wir alle drei Scheiße. Am Vormittag verzichten alle darauf, ihre Termine einzuhalten, weshalb wir niemanden zu Gesicht bekommen.

Am Nachmittag kümmert sich Jörg zunächst intensiv um die Teilnehmerin des Persönlichkeits-Coachings, bevor er sich um Teilnehmerin 12 kümmert und mit ihr die ganze Zeit Stunden hinter verschlossenen Türen coacht. Er ist ein echter Coach durch und durch und nicht so eine billige Kopie eines Coaches, wie ich eine bin, denn während er alles gibt, frage ich mich, was ich mit Teilnehmer 5 machen soll, da er immer noch nicht seinen Aufenthaltstitel bekommen hat und sich weiterhin vor Schmerzen kaum bewegen kann. Das hat so keine Zukunft. Bei Teilnehmer 3 setzt sich meine Ratlosigkeit fort, was einmal mehr beweist, dass ich ein Coach ohne Ideen bin. Teilnehmerin 18 ist deprimiert, weil sie eine Absage bekommen hat. Immerhin schaffe ich es, dass sie nach einer Weile bessere Laune hat, was uns aber nicht wirklich weiterbringt. Darum schicke ich sie los, damit sie ihre Bewerbungsunterlagen in einigen Geschäften persönlich abgibt und gebe ihr noch einen Tipp, der vermutlich nichts bringt, ihr aber das Gefühl gibt, dass ich wüsste, was ich mache. Lächerlich.

Freitag
Der letzte Arbeitstag der dritten und vorerst letzten 5-Tage-Woche. Ich weiß nicht, ob es an der morgendlichen Dunkelheit liegt, aber ich weiß, dass eine dritte 5-Tage-Woche einfach nichts für mich ist. Immerhin haben es zwei Teilnehmerinnen heute zu uns geschafft. Teilnehmerin 14 sitzt, wie üblich, ihre Zeit ab, weil sie nicht nach einem Job sucht. Teilnehmerin 13, die schon gestern keine Zeit hatte, hat auch heute keine Zeit und ich kann eine Umschulung, die sie so gerne machen würde, bisher nicht empfehlen, da sie einfach zu unzuverlässig ist. Nächste Woche müssen wir ihr erklären, dass das so nichts wird mit ihr.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass Oma Sheriff nun einen Dienstwagen hat. Ebenso wie Anke. Auch Wolga hat ihren Dienstwagen, nachdem sie die Elternzeit beendet hat, zurückbekommen. Alle drei sind hochgeschätzte Mitarbeiterinnen und qualifizierte Verwaltungskräfte mit Potential. Ich habe weder Potential, noch bin ich eine Frau, weshalb ich vermutlich nie einen Dienstwagen bekommen werde. Ich glaube, das macht mich irgendwie traurig. Andererseits sind Dienstwagen meist hässlich und ich bin zu alt, um hässliche Autos zu fahren.

Am Nachmittag sitzt Teilnehmerin ihre Zeit ab und Jörg versucht mit Teilnehmer 15 zu arbeiten, was nicht immer leicht ist. Ich erledige Verwaltungskram und frage mich, wie lange es wohl dauern wird, bis ich mich von den letzten drei Arbeitswochen erholt habe und was ich stattdessen am Montag mache. Da ich schon lange nicht mehr an einem Montag in der Werkstatt war, werde ich mein Zeit dort verbringen, denn das Geld muss aus und auf Arztbesuche habe ich irgendwie keine Lust.

PAUSE

2 Kommentare

  1. Ja, in der Werkstatt kann man schnell und leicht Geld loswerden. Und es macht meistens mehr Spass als beim Zahnarzt. Wurde in das Coupé oder in den Benz investiert?

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