6,6 Prozent, ein Schlüsselkind und andere drollige Teilnehmer

Nachdem uns ein paar Teilnehmer unvermittelt verlasen haben, stehen wir nur noch 6,6% über dem magischen Strich. In den vorhandenen Teilnehmern steckt, bis auf zwei Ausnahmen, recht fragwürdiges Potential. So ist die Freude über unsere neuen drolligen Teilnehmer fast schon riesig. Und unsere Erwartungen werden locker übertroffen.

Da haben wir eine 54-jährige Frau, die 1992 den Arbeitsmarkt verlassen hat und seitdem nur noch für drei kurze Gastspiele zurückkehrte. Sie war im letzten Jahr schon unser Gast, hat dann aber zum Glück einen Job angenommen und so wenigstens der Statistik nicht geschadet. Erwartungsgemäß hat sie nicht lange gearbeitet und ist nun wieder Teil unserer Gemeinschaft. Ich glaube nicht, dass wir sie ein zweites Mal so leicht vermitteln können, aber sie ist definitiv das Beste, was die Neulinge zu bieten haben.

Ein besonderes Bonbon, eine echte Herausforderung, ist ein 54-jähriger Mann aus Kasachstan, der zum ersten Termin eine Dolmetscherin mitgebracht hat und nach sechs Deutschkursen, trotz Zertifikat, so gut wie gar nichts versteht. Die 15 Jahre in Deutschland hat er also optimal genutzt. Er ist traurig, dass sonst kein Teilnehmer seine Sprache spricht und er somit keinen zum Reden hat, weil er die Dolmetscherin ja auch nicht mehrmitbringen darf. Er möchte als Helfer arbeiten, aber lässt ausrichten, dass unter 1.500€ netto eine Arbeitsaufnahme für ihn keinen Sinn macht. Armer Kerl, schweres Schicksal. Da er eigentlich nichts kann, aber dazu nicht günstig zu haben ist, werden wir ihn sicher drei Monate hier dumm rumsitzen haben und uns die Zähne an ihm ausbeißen.

Nächster Neuling ist ein erst 50-jähriger Mann, der nett sein soll, aber leider auch nicht so viel versteht. Da wir seine Sprache nicht verstehen, gestaltet sich schon die Kommunikation etwas schwierig. Welcher Arbeitgeber auf einen Mann seines Alters, der kaum deutsch spricht, wartet, kann nur vermutet werden. Den Vermutungen nach keiner.

Nächster im Bunde ist ein 26-jähriger Türke ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung, der nicht für Personaldienstleister arbeiten will. Nachdem er Teilnehmer wurde, hat er sich direkt krankgemeldet. Vielleicht ist das ja nur ein Versehen und er wird, sobald er gesund ist, unsere Quote retten. Ich bin da allerdings fast gar nicht zuversichtlich.

Besonders viel Potential bringt ein 29-jähriger Mann mit, der sofort etwas klarstellt und mir mitteilt, dass er Araber ist und es keinen Sinn macht eine Arbeit anzunehmen, bei der er nur 300 Euro mehr verdient als er und seine Frau jetzt vom Amt bekommen. Das hat er nicht nötig. Außerdem arbeitet er nicht für Zeitarbeitsfirmen, weil er eine abgeschlossene Ausbildung hat. Dass er aber nicht in dem erlernten Beruf arbeiten will und wird, spielt keine Rolle. Als Quereinsteiger kann er schon eine angemessene Bezahlung erwarten. Außerdem, jetzt wird er nach eigener Aussage politisch, ist Deutschland ja selbst schuld, dass er und viele andere Ausländer vom Staat leben. Da er hier geboren ist, ergibt das für mich alles keinen Sinn, weshalb ich ihm sage, dass er machen soll, was er will. Damit beenden wir dieses hochinformative Gespräch und die Dinge nehmen ihren Lauf, ganz so wie sie es immer tun.

Ein weiteres hochentwickeltes Talent ist ein 35-jähriger Mann, der es sich kürzlich angewöhnt hat, seinen Schlüsselbund an der Gürtellasche seiner Hose baumeln zu lassen. Ich nenne ihn fortan Schlüsselkind und sage ihm, dass es Scheiße aussieht und er so keine Frau abkriegen wird. Er hat seine Zweifel und mag das nicht glauben. Glücklicherweise steht vor dem Gebäude gegenüber gerade eine Frau und raucht. Also sage ich dem Teilnehmer, dass er zu der Frau gehen soll, um zu fragen, was sie von seinem zur Schau getragenen Schlüsselbund hält. Das Schlüsselkind macht, was ich ihm aufgetragen habe und erfährt so von der Frau, dass das mit dem Schlüsselbund nicht so gut ankommt. Als er zurück ist, sage ich ihm, dass ich das wusste, weil ich mich gut mit Frauen auskenne. Sollte er diesbezüglich noch Fragen haben, stehe ich ihm jederzeit zur Verfügung. Natürlich war das gelogen, denn von Frauen weiß ich nur, dass ich fast nichts von ihnen weiß, aber das muss unser Schlüsselkind nicht wissen. So kann man mit dem Schlüsselkind zwar immer seinen Spaß haben, vermittlungstechnisch bringt uns das aber auch nicht weiter.

So gehen wir mit einem bunten Sammelsurium skurriler und weniger skurriler Teilnehmer durch den Frühling und freuen uns schon auf die zwei, die unseren erlesenen Kreis nächste Woche bereichern werden. Und sollten wir in den nächsten drei Monaten die magische Grenze noch nicht unterschritten haben, können wir uns darauf ehrlich etwas einbilden. Ansonsten gehen wir einfach unter. Kann ja auch mal passieren.

6 Gedanken zu „6,6 Prozent, ein Schlüsselkind und andere drollige Teilnehmer“

  1. Wird die Vermittlungsquote nicht besser, wenn sich der Sommer nähert? Wir stellen im Sommer immer alles ein, was wir können – selbst wenn die Bewerber sogar beim Atmen Hilfe brauchen.
    Ich muss immer sehr schmunzeln, wenn ich diese Art Posts bei dir lese. Der Bewerbermarkt ist überall der gleiche. Schön, dass ich nicht alleine bin.

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