Jaumo statt Tinder

Weil ich von dem Tinder-Experiment ganz und gar fasziniert war, wollte ich so etwas ein zweites Mal erleben, um festzustellen, ob andere Apps ähnlich sind oder alles nur ein Irrtum war. Nach einer kurzen Suche stieß ich auf Jaumo. Angeblich besser als Tinder und mit viel mehr Möglichkeiten ausgestattet. Direkt nach der Installation der App entdeckte ich, dass es durchaus Vorteile gegenüber Tinder gibt. Man kann Leute einfach so anschreiben und sie sogar vor der Kamera beobachten. Zunächst schaute ich mir intensiv die Profile vieler Frauen an. Diese sind auf den Fotos natürlich alle Faltenfrei und Hautprobleme oder gar Unreinheiten scheinen komplett verschwunden. Manche Bilder sind derart weichgezeichnet, dass man glaubt, irgendwelche Zeitschriften am Kiosk durchzublättern oder glattgebügelte Gesichter bei RTL zu bewundern. Makellosigkeit wohin man schaut. Wie sinnlos diese Fotoaufbesserungen sind, zeigt sich spätestens, wenn man die Frauen tatsächlich vor der Kamera zu sehen bekommt. Mehrfach musste ich zurück zu den Fotos, um mich davon zu überzeugen, dass man manchmal wirklich viel Fantasie braucht um zu erkennen, dass die Person vor der Kamera auch die ist, die man auf den Fotos sieht. Frauen, die eher Übergewichtig sind, haben es sogar geschafft ihre Gesichtsfotos so zu bearbeiten, dass man auf den Fotos eine schlankere Frau erkennt, vor der Kamera hingegen nicht. Was das bringen soll, verstehe ich nicht. Viele Frauen kritisierten in ihren Profilen, dass Männer, die sich mit ihnen getroffen haben, nicht unbedingt aussahen, wie vom Foto her zu erwarten war. Diesbezüglich sind sie allerdings wohl kaum besser. Das berühmte Glashaus lässt grüßen. Die Krönung ist allerdings, dass man die Frauen vor der Kamera nicht nur sehen kann, man kann sie auch hören und spätestens dann wird es gruselig. Nicht nur, dass die Frauen völlig anders aussehen als auf ihren Fotos, sie reden auch oft so, dass es Schmerzen verursacht. Mehrfach bekam ich einen Schock, wenn ich so eine Kamera startete. Die Männer können den Frauen Texte schreiben und bekommen mitunter auch eine Antwort. Erstaunlich oft hatten Männer, mit offensichtlich ausländischen Wurzeln, das Bedürfnis völlig niveaulose Dinge zu schreiben, was einen komplett am letzten Rest des Menschenverstandes zweifeln lässt. Die angeblich so ausgeprägte Intelligenz der Menschen ist, so mein Eindruck, bei Jaumo nicht so stark vertreten. Es ist fast schon traurig, diese Schicksale so hautnah zu erleben. Vermutlich ist es aber ein großes Glück, dass den Menschen ihr eigenes Elend oft nicht so bewusst ist.

Während meines mehrtägigen Aufenthalts bei Jaumo habe ich natürlich mit niemandem kommuniziert. Und das nicht, weil ich ein coolerer oder weniger gestörter Mensch bin als die Mitglieder, die ich mir genauer anschaute, sondern einfach nur, weil mir das zu schräg war dort und ich beim besten Willen nicht dazu in der Lage war auch nur irgendeine Art von Konversation zu starten. Möglicherweise hatte ich auch einen mehrtägigen Schock.  Menschen sind schon eine ziemliche merkwürde Spezies. Und manchmal ist diese Erkenntnis auch in meinem Alter scheinbar noch erschreckend. Weitere Experimente mit Dating-Apps werde ich mir und dem Rest der Menschheit daher besser ersparen. Es sei denn ich habe irgendwann wieder zu viel Langeweile und weiß nichts Besseres mit mir anzufangen. Aber das ist bei einem aufregenden Lebem wie ich es führe, fast ausgeschlossen.

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