Mein Hirn und ich

Wenn die Filmauswahl am Samstagabend nicht überzeugen kann, schaltet es sich plötzlich, aber immer seltener unerwartet, ein, mein krankes Hirn. Und dann wird wieder so einiges in Frage gestellt. Ich will einfach nur einen Film sehen und mich berieseln lassen, mein Hirn will mir mal wieder klarmachen, dass es in meinem Leben einiges zu optimieren gibt. Ich schlage neue Möbel, ein anderes Auto und andere für mich sinnvolle Dinge vor, mein Hirn sagt, ich soll die Fresse halten und zuhören. Dabei weiß ich längst, was da kommt. Diesen Disput tragen wir schließlich immer und immer wieder aufs Neue aus. Das Hirn ist unzufrieden mit meinem Leben, ich bin es auch, aber dafür wurden ja Filme und Musik und die Gleichgültigkeit erfunden. Das Hirn bezeichnet mich als Hirnlos. Ach, wenn ich es doch nur wäre. Natürlich weiß ich, dass mein Hirn und ich untrennbar mit einander verbunden sind, aber dieser „Ich versau Dir nun Dein Wochenende“-Teil des Hirns, der gerne mal dominant wird, sollte mir eigentlich entfernt werden. Diese innerlichen Diskussionen sind ermüdend und führen doch zu nichts. Ich könnte dem Hirn ein wenig Wind aus den Segeln nehmen, wenn ich fünf Tage in der Woche arbeiten würde, denn wenn alles komplett strukturiert ist, gibt es zumeist Ruhe. Es bräuchte dann noch einen Sonntagsjob und wäre sicherlich eine Weile ruhiggestellt. Doch ich bin dafür nicht gemacht. Ich brauche den Montag für Arztbesuche, Werkstattbesuche, wichtige Erledigungen und Ausflüge mit Agnes. Denn sowohl mein Hirn und ich wissen, dass ich nach der Arbeit für so etwas nur selten die Energie habe. Und so diskutieren wir immer und immer wieder dies und das und ich muss aufpassen, dass es mich nicht komplett deprimiert. Wieso kann mein Hirn nicht akzeptieren, dass ich das Leben führe, welches für mich vorbestimmt war? War es denn nicht schon früh klar, dass meine Kapazitäten nur für genau dieses Leben ausreichend sind? Ist mein Hirn doof, oder bin ich es? Und wenn ja, warum? Glücklicherweise schläft das Hirn immer öfter während solcher Diskussionen ein. Dummerweise ist es nach dem Aufwachen am Sonntagmorgen dann dermaßen ausgeruht, dass es mir echt alles um die Ohren haut, wovon es glaubt, dass es in meinem Leben schief ging und ich nicht das Optimale aus mir herausgeholt hätte. Dann liege ich da in meinem Bett und versuche an positive Dinge zu denken. Doch das will mein Hirn nicht wirklich, und so bringt es für alles, was ich anbiete, einen Einwand, den ich irgendwann nicht mehr entkräften kann. Habe ich allerdings mal eine gute Idee, die mein Hirn zufrieden stellt, behauptet es stets, die Idee stamme von ihm und ich hätte gar nichts dazu beigetragen. Es wirft mir alles Schlechte vor und ist fest davon überzeugt, dass alles andere ihm entsprungen ist. Wären mein Hirn und ich verheiratet, könnten wir uns scheiden lassen und/oder einvernehmlich trennen. Sind wir aber nicht, und so setzen wir diesen Schwachsinn immer weiter fort. Und wenn wir eines Tages gestorben sind, so hoffe ich, hören wir endlich damit auf.

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