Lübeck – Tag 3

Als ich vom Vogelgezwitscher wach werde, denke ich, dass ich gut durchgeschlafen habe und fühle mich erholt. Dann aber habe ich das Gefühl auf einer Wärmflasche oder einem Heizkissen zu liegen. Mir wird immer heißer und spontan stelle ich fest, dass ich auf keiner Wärmflasche liege, sondern mir einfach nur übel und heiß ist. Ob ich vielleicht Hunger habe? Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es 04.01 Uhr ist. Irgendwas läuft in diesem Urlaub ziemlich schief. Mein gesamter Körper fühlt sich heiß an. Möglicherweise habe ich Fieber und einen Sonnenstich. Aufstehen muss ich, weil es im Bett vor Hitze nicht auszuhalten kann. Mein Magen zieht sich zusammen und wenige Augenblicke später sitze ich auch schon auf der Toilette. Mir ist total schlecht und ich gerate in Panik, was mir in solchen Situationen Tradition ist. Panik scheint ein wichtiger Bestandteil meines Lebens zu sein und so überlege ich, den Urlaub unverzüglich abzubrechen, weil ich fürchte, dass das nix mehr wird mit mir und Lübeck. Dieses ganze rumrennen, die ständige Suche nach Nahrung und die Sonne tun meinem Körper scheinbar nicht nur nicht gut, all das stresst und überfordert ihn und letztlich vermutlich doch nur mich. Es ist offensichtlich, dass ich ein Psycho bin und dieses Mal ist der Psycho in mir offensichtlich mit in den Urlaub gefahren. Dieser Psycho weist mich nun darauf hin, dass ich tatsächlich nicht ernsthaft abschalten kann, weil ich ständig in Bewegung bin und weder Kopf noch Körper unter Kontrolle zu haben scheine. Planlos im Urlaub scheint auch keine Dauerlösung für mich zu sein.
Nachdem mein Darm sich, in Gegensatz zu meinem Kopf, entleert hat, nehme ich balsamischen Melissengeist und überlege, wie es weitergehen soll. Ich fürchte, keine Ruhe in die Sache zu bekommen und anstatt etwas runterzukommen und mir und dem Körper Ruhe zu gönnen, arbeitet mein verwirrtes Hirn auf Hochtouren. Dass dabei selten Positives entsteht, ist wenig überraschend. Wie meist, wenn es mir so geht, denke ich, dass ich den Kontakt zu Menschen weiter reduzieren sollte und mich insgesamt von der Gesellschaft mehr und mehr abzuwenden. Scheinbar tut mir all dies nicht gut. Dies ist mein dritter Urlaub alleine und obwohl die ersten beiden Urlaube in meiner Erinnerung durchaus gelungen waren, sagt alles in mir nun, dass es nicht so war und ich auf weitere Urlaube verzichten sollte. Als ob es mir zu Hause wirklich besser ginge. Am besten geht es mir, wenn ich zur Arbeit gehe und der Tag einen linearen und für mich sicheren Ablauf bietet. Möglicherweise ist das aber auch alles einfach nur Bullshit. Sicher sein kann ich mir nie bei mir und meinen wirren Gedanken. Was allerdings außer Frage steht ist die Tatsache, dass meine Magen- und Darmprobleme immer häufiger auftreten. Damit kann es als gesichert angesehen werden, dass meine letztlich tödliche Krankheit, die noch nicht festgestellt wurde, weil ich eine Darmspiegelung grundsätzlich ablehne, sich ausgebreitet hat und meine Zeit abläuft. Es ist 04.34 Uhr, der Psycho in mir fährt in meinem Kopf Karussell und im Zimmer nebenan scheint jemand aufzustehen. Das Thema Schlaf scheint sich für mich eh erledigt zu haben und das Einzige, was sich noch in meinem Kopf abzuspielen scheint ist die Frage, was ich heute wann und wo essen kann. In meinem Kopf stimmt mehr als nur etwas nicht. Ob ein Kopfschuss den Psycho aus meinem Kopf rauskatapultieren könnte?
Es ist 05.06 Uhr. Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich kurz eingeschlafen bin, ich weiß nur, dass ich nun friere. Meinem Magen ist das egal, er ist weiter verstimmt. Wäre ich ein Tier würde man mich vermutlich einschläfern.

Um 08.02 Uhr bin ich so wach, dass ich aufstehen kann. Es ist davon auszugehen, dass ich vorher eine Weile geschlafen habe. Mit Sicherheit sagen kann ich es aber nicht. Zunächst sitze ich kurz auf dem Bett, wenige Augenblicke später auf der Toilette. Vielleicht ist heute Tag der Toilette.

Spontan verwerfe ich, nachdem ich fertig mit der Toilette bin und der Psycho sein Interesse an mir verloren hat, meinen Plan eine Hafenrundfahrt zu machen und fahre stattdessen zum Timmendorfer Strand. Im Urlaub bin ich so spontan, desorientiert und unstrukturiert, dass ich mich selbst kaum wiedererkenne. Den Benz parke auf einem kostenlosen Parkplatz und stürme Richtung Meer, obwohl ich eigentlich frühstücken wollte. Aber Meer geht vor. Erst als ich das Meer gesehen habe, suche ich nach einer Bäckerei, die meinen Ansprüchen gerecht wird. Das bedeutet, wenige Gäste und ein Schattenplatz müssen es schon sein. Ich entscheide mich für die Bäckerei Seßelberg. Es gibt ein leckeres Salami Brötchen und einen Orangensaft. Fast wie damals in Bremerhaven. Sollte ich jemals am Timmendorfer Strand Urlaub machen, werde ich immer hier Frühstücken. Gegenüber putzt eine Frau die Markise des Modegeschäfts. Sie hat eine prima Figur und tolle Beine. Der Tag entwickelt sich eindeutig in die richtige Richtung. Nach dem Frühstück gehe ich spazieren, den Strand betrete ich natürlich dabei nicht, denn Sand ist sandig und würde in die Schuhe gelangen. Außerdem möchte ich nicht in voller Montur zwischen Leuten in Badeklamotten umherirren. Das hatte ich zuletzt im Schwimmunterricht. Damals war ich der einzige im Freibad, der komplett angezogen war und sogar eine Jacke trug, das möchte ich nicht mehr. Ich bin kein Mann für den Strand. Trotzdem bin ich von alldem so begeistert, dass ich beschließe, sobald ich endlich reich geworden bin, meinen Wohnsitz zum Timmendorfer Strand zu verlegen.

Als ich genug gewandert bin, setze ich mich in einen Strandkorb,. Natürlich nicht am Strand, sondern im Zentrum. Ich bin so begeistert und auch müde, dass ich eine Stunde sitzen bleibe und Menschen beobachte. Wobei ich eigentlich nur die attraktiven Frauen genauer beobachte. Glücklicherweise verspüre ich nicht mehr den Wunsch auch nur irgendeine der attraktiven Frauen zu beglücken. So kann ich entspannt gucken und vergessen. Toll.

Mittagessen gibt es im China Restaurant Hay-Cheng. Das Essen schmeckt weniger intensiv als erwartet. Entweder die können das nicht oder verzichten auf dämliche Geschmacksverstärker. Sollte ich in den nächsten Stunden kein Aufstoßen bekommen, haben die alles richtig gemacht.

In den Stunden nach dem Mittagessen wandere ich umher oder sitze irgendwo rum und bin meist entspannt dabei. Überhaupt ist es erstaunlich, wie ich es im Urlaub immer wieder schaffe relativ entspannt zu sein. Und das über einen längeren Zeitraum. Wichtig ist dabei lediglich, dass der Psycho in meinem Kopf nicht wütet und alles versaut oder in Frage stellt. Vielleicht sollte ich permanent Urlaub machen, um meine Gestörtheit etwas zu mildern. Mit etwas Glück bleibt der Psycho vielleicht beim nächsten Urlaub auch wieder zu Hause.
Die einzige Möglichkeit nah ans Wasser zu kommen, ohne den Strand zu betreten sind die Stege. Da ich nichts essen will ist der Steg mit dem Mikado-Teehaus nicht so meins. Ich stehe zwar eine Weile dort herum, aber ich fühle mich nicht wirklich wohl. Auf einem anderen Steg gefällt es mir schon deutlich besser, allerdings stören mich zwei Angler. Einer von denen hat gerade einen recht platten Fisch gefangen und schlägt ihn vor meinen Augen tot. Ich kann mir nicht helfen, aber für mich haben Angler einen an der Waffel. Angler und Jäger sind meiner Meinung nach ziemlich gestörte Kreaturen. Aber was weiß ich schon von der Notwendigkeit dieser Lebewese? Man sagt ja, dass jeder seine Daseinsberechtigung hat. Ich weiß ja nicht. Hoffentlich isst er den Fisch später wenigstens.

Die letzte Mahlzeit des Tages nehme ich im Ristorante da Paolo zu mir. Es gibt einen gemischten Salat und Orangensaft. Guter Salat. Ich bin zufrieden. Wie üblich bin ich der einzige Gast ohne Begleitung. Manchmal komme ich mir schon wie ein Außerirdischer vor. Aber wenn ich einen guten Sitzplatz habe, macht mir das letztlich doch nix aus.

Zum Ende des Tages mache ich einen etwa zwanzigminütigen Spaziergang, um mir die Gegend ums Hotel anzuschauen. Sieht fast aus wie zu Hause. Bis auf einen Oldtimer und meinem Benz gibt es nichts Sehenswertes zu sehen. Zurück in meinem Zimmer zeigt der Schrittzähler an, dass ich wohl 12,7 km gewandert bin. Erstaunlich, dass ich überhaupt noch gehen kann. In Folge einer kurzfristigen Verwirrtheit schalte ich, schalte ich die Klimaanlage in meinem Zimmer an. Rasch wird es zu kühl und ich mache sie wieder aus. Alternativ hätte ich mir natürlich auch was anziehen können, aber das wäre albern, weil ich schon den ganzen Tag über genug anhatte. Da ich vom asiatischen Essen den ganzen Tag kein Aufstoßen hatte, war das Essen vermutlich genau richtig. Es ist erstaunlich, dass nach einem so psychohaften Beginn der Tag so angenehm geworden ist. Verstehen werde ich mich und meinen Psycho wohl nie.

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