Die zweiten zehn Tage im März

Was meine verpickelte Stirn angeht, kann man davon ausgehen, dass Milben nicht verantwortlich sind, denn nachdem ich ein neues Steppbett und ein neues Kissen verwende, hat sich gar nichts geändert, so dass die Ursachen wohl eindeutig im Darm zu suchen sind. Diese Woche muss ich einen Arzttermin machen, davon verspreche ich mir zwar auch keine Antworten, aber ich mache das einfach.

Endlich ist der Urlaub gebucht. Es geht nach Magdeburg. Und weil das Buchen so einen Spaß macht, denke ich über einen dritten Urlaub nach. Drei Übernachtungen. Aber wo? Aachen? Kassel? Boppard? Norddeich? Stade? Oder ganz woanders? So viele Orte, so wenige Ideen.

Seit Carsten nicht mehr in der Maßnahme ist, werde ich oft von Teilnehmern gefragt, wer denn nun hier der Chef ist, wer die Maßnahme leitet. Ich antworte immer, dass der Chef oben im Büro sitzt und von dort alles leitet. Das war schon damals so als der dritte Mann wegging. Auch da gab es Fragen, wer denn nun der Leiter ist. Für die Teilnehmer scheint es keine Option zu sein, dass ich für irgendwas verantwortlich sein könnte. Vielleicht sind die doch viel schlauer als es ihnen nachgesagt wird. Immerhin konnte ich ein Jahr lang verbergen, dass ich, wenn etwas nicht läuft, den Kopf hinhalten muss. Ich weiß nur nicht, ob das nun für oder gegen mich spricht.

Mittlerweile sind meine Darmprobleme wieder recht ausgeprägt und wie üblich verstehe ich die Zusammenhänge nicht. Ich weiß nur, dass einiges in meinem Darm los ist. Das ist eigentlich ein schöner Kontrast, weil mit mir nichts los ist. Dennoch fehlt mir dafür jegliche Begeisterung. Dafür scheine ich mich sehr für einen Regenbogen, der kurzzeitig auftaucht zu begeistern. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ich ihm winke? Okay, vielleicht lässt es sich damit erklären, dass ich jeden Tag etwas merkwürdiger werde. Im Alter werden Menschen ja oft noch komischer als sie es ohnehin schon waren. Da mache ich glatt mit.

Am letzten Maßnahmetag plaudere ich ein wenig mit den Teilnehmern, schreibe Berichte, versuche keine Fehler zu machen und einen ordentlichen Abschluss abzuliefern. Bloß kurz vor Schluss nicht noch negativ auffallen, das wäre fatal. Es ist fast vorbei, ich versuche die letzte verbliebene Teilnehmerin zu unterhalten, da fragt diese mich, was ich denn noch alle von ihr will. „Wieso, was hab ich denn verlangt?“, frage ich ahnungslos. „Ich soll in Leggings kommen und für sie singen.“ Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihr sagte, sie solle in Leggings kommen, aber da ich gelegentlich einfach so Dinge sage, ohne weiter nachzudenken, kann ich das auch nicht ausschließen. Ich sollte echt nicht so viel plappern, sonst komme ich noch in Teufels Küche. Bis es soweit ist, schaue ich mir an, wie die Frau in Leggings ausschaut und ob sie tatsächlich für mich singen wird, denn ab nächste Woche sind wir zusammen in der anderen Maßnahme. Alles sehr seltsam.

Zu meinem Unmut bin ich wieder Untergewichtig. Das sieht nicht nur Scheiße aus, es fühlt sich auch so an. Ich bin zu alt für Untergewicht. Was soll denn das? Passend dazu, nutze ich den freien Freitag und mache endlich einen Arzttermin aus. Auch wenn ich nicht glaube, dass mir das irgendwas bringen wird.

Den Rest des freien Freitags widme ich dem Tanz. Dabei fängt alles ganz harmlos an. Ich sitze auf dem Sofa, höre laut Musik, mein Körper fängt an sich unrhythmisch zu bewegen und irgendwann tanze ich völlig losgelöst durchs Wohnzimmer und fuchtle wild mit den Armen herum. Während ich ekstatisch vor mich hin zucke, erinnere ich mich wieder an meine vermutlich peinlichste Tanzeinlage, die ich je in einer Disko hingelegt habe. Es war vor etwa 6 Millionen Jahren im Tarm-Center in Bochum, die Musik war laut, ich trug ein peinliches, buntes Oberteil, stand nahe der Tanzfläche und wirbelte mit meinen Armen wie Besessen zur Musik herum. Dabei stand ich fest an einem Platz und wurde mehrfach von einem meiner Begleiteter mit den Worten: „Ruhig. Ganz ruhig.“ zur Mäßigung aufgefordert. Doch wenn man einmal besessen ist, dann ist man vor keiner Peinlichkeit geschützt. Und so fuchtelte ich wie ein ausgemachter Vollidiot immer weiter mit meinen Armen herum und gab mich dem Schwachsinn hin. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie ich in der Öffentlichkeit so die Beherrschung verlieren konnte und wieso mir das nicht augenblicklich peinlich war. Heute ist mir mein ekstatisches Tanzen selbst in meiner blickdichten Wohnung irgendwie peinlich. Aber scheinbar muss es sein. Während ich mich weiter völlig losgelöst meinem Bewegungsdrang hingebe, schellt es plötzlich. Zunächst denke ich, dass sich die Nachbarn wegen des ohrenbetäubenden Lärms beschweren wollen, aber letztlich ist es nur Petra, die zum Filmabend erscheint. Ich muss irgendwie die Kontrolle über mein Zeitmanagement verloren haben. So eine unkontrollierte Phase kann einen ganz schön ins Schwitzen bringen. Vielleicht sollte ich bei meinem Arzttermin darauf hinweisen, dass ich langsam völlig den Verstand verliere. Vielleicht kann man da noch was retten. Aber ich glaube nicht.
Der Filmabend nimmt dann auch eine unerwartete Wendung, weil ich zufällig sehe, dass Let´s Dance beginnt. Damit sind die nächsten Freitage verplant. Statt Filmen gibt es Let´s Dance und in meinem nächsten Leben will ich auf jeden Fall über ein gutes Rhythmusgefühl verfügen und tanzen können, um tanzend die Welt zu erobern. Ja, das wäre was für mich.

Es ist Sonntag kurz nach 08.00 Uhr als mich ein rufender Mann weckt. Er ruft mehrfach „Hallo“ und es dauert eine Weile bis ich erkenne, dass dieser Lärm aus der Wohnung unter mir stammt. Der Behinderte, wie ich ihn bei seiner letzten Ruhestörung nannte, scheint zu Besuch zu sein. Vielleicht ist es auch ein anderer Irrer, das ist schwer zu sagen. Eine Frau meckert zurück und es entwickelt sich eine Diskussion, die nur aus Gebrüll mit den am meisten benutzten Worten „Hallo“ und „Alter“ besteht. Mit lauter Musik versucht man scheinbar zu verhindern, dass irgendwer den ganzen Irrsinn mitbekommt. Leider führt das nur dazu, dass sie sich noch lauter Anschreien. Das ist so niveaulos, dass man wünscht, solche Leute dürften nur weit außerhalb leben. In einer Stadt, wie sie damals in John Carpenters „Die Klapperschlange“ für Verbrecher benutzt wurde. Ich finde, so etwas braucht man für solche Leute. Jung, vermutlich ohne Zukunft und scheinbar irre. Zack. Weg damit. Während ich noch von so einem Szenario träume, schreit die Frau los und fragt, ob der Typ behindert ist. Sie klingt mehr als genervt und für einen kleinen Moment gibt der möglicherweise Behinderte Ruhe. Dann brüllen sich die Kreaturen weiter an. Die sollten diesen Freak entsorgen, das bringt doch alles nichts. Solche Menschen machen wir schon irgendwie Angst. Menschen, die nur schreien und dabei wenig intelligent klingen sind sicher auch brutal und rücksichtslos. Und es gibt mittlerweile viel zu viele von ihnen. Sie breiten sich aus wie eine Zombieepidemie. Als wäre Schwachsinn ansteckend. Die sollten sich nicht vermehren dürfen. So etwas ist einfach nicht gut für die Gesellschaft. Eigentlich fehlt nur noch ein Team von RTL 2 oder einem anderen Sender, der solche Leute gerne zur Schau stellt. Mit so Leuten kriegt man locker die eine oder andere Folge Trivial-TV locker voll. Selbst nach über einer Stunde ist noch nicht Schluss. Teilweise werden aus Sätzen nur noch so etwas wie Grunzlaute. Warum auch nicht? Man kann eigentlich nur hoffen, dass die Hauptlärmquelle betrunken ist, aber das ist unwahrscheinlich. Der Wahnsinn steckt vermutlich einfach so in ihm drin. Die Musik wird lauter und das Niveau sinkt weiter. Jemand hämmert gegen die Wand, es wird gebrüllt, es wird wieder gegen die Wand gehämmert und die Frau ruft „Hör auf“. Natürlich hört er nicht auf. Dann klopft wieder jemand gegen die Wand, vermutlich sind es Nachbarn, die von dem Lärm genervt sind. Plötzlich öffnet sich die Tür zu der Wohnung der Mieter unter mir und ich höre die frühere Hausmeisterin, die sich wegen dem Lärm beschwert. Die hat vermutlich nicht gegen die Wand, sondern gegen die Tür gehämmert. Anderswo zahlt man für so eine Show Eintritt, hier kostet das nichts extra. Ziemlich mutig von der alten Dame, da zu klopfen und sich zu beschweren. Bei so Aktionen kann man leicht verletzt werden. Die Nachbarin, oder eine ganz andere Frau, unterhält sich ruhig mit der früheren Hausmeisterin und der Irre, den ich in Zukunft nur noch so nennen werde, schlägt laut und deutlich die Tür zu. Dazu grunzt er irgendwas. Anschließend geht es laut weiter. Der Irre kann nicht aufhören und alle Versuche ihn zu beruhigen scheitern. Zweimal knallt die Tür, vermutlich hat sie jemand zugeschlagen, und wenig später rennt eine telefonierende, blonde Frau draußen rum, sucht ihren Schatz und sagt, sie sei unten und der andere, möglicherweise der Irre, ist noch oben. Sie geht zum Penny-Parkplatz und sucht weiter ihren Schatz, der irgendwo um die Ecke sein soll. Dagegen ist Reality-TV der letzte Dreck. Bis ich zum sonntäglichen Training aufbreche höre ich immer wieder die noch lauten Gespräche von unten. Eine erneute Eskalation bleibt aber zunächst aus.

Neue Maßnahme, neue Probleme. Am ersten Tag in der neuen Maßnahme fehlt der Vermittler. Er ist krank und ich bin tatsächlich der Maßnahmeleiter. Und obwohl ich schon fast drei Jahre hier arbeite, verwirrt mich das ganze Verwaltungssystem, welches hier benutzt wird. Ehrlich gesagt, will ich da auch nicht wirklich mit vertraut werden, weil ich noch immer hoffe, dass ich nur vorübergehend hier geparkt werde. Allerdings spricht gegen meine Hoffnung, dass ich scheinbar tatsächlich der Maßnahmeleiter bin. Wurde dies dem Jobcenter gemeldet, war es das mit einem Wechsel zurück. Als der Vermittler diese Maßnahme gestürmt hat, schoss die Quote auf 20% über dem Strich, mittlerweile liegt sie bei 13,3%. Allerdings unter dem Strich. So etwas holt man nicht mehr auf. Und wer trägt die Verantwortung? Ja, genau.

Was mich tierisch stört ist die Tatsache, dass man die Teilnehmer permanent sieht und die einen natürlich auch. Sehr unangenehm für jemanden wie mich. Zu kalt ist es mir hier auch. Ich zittere selbst als ich die Heizungen voll aufgedreht habe noch blöd vor mich hin.
Den zweiten Tag verbringe ich alleine mit zwei Teilnehmerinnen. Es ist, wie ich es zur Genüge kenne, ich bin für fast alles zuständig und meine Mitarbeiter sind nicht da. Dazu erfahre ich, dass ich tatsächlich offiziell dem Jobcenter als Maßnahmeleiter dieser Maßnahme gemeldet wurde. Damit stehen die Chancen, dass ich, sollte die andere Maßnahme im Mai fortgesetzt werden, wieder wechseln kann, mehr als schlecht. Das ist deprimierend. Wäre ich nicht Maßnahmeleiter und es fände drüben meine Lieblingsmaßnahme nicht wieder statt, wäre alles halb so schlimm, so aber ist es ernüchternd. Warum kann nicht jemand anders leiten und ich schwimme einfach nur mit? Was ist nur aus mir geworden?

Wenn ich die 21 Höhepunkte, die eine gesunde Prostata im Monat mindestens braucht, noch schaffen will, muss ich in den letzten elf Tagen des Monats noch 19 Höhepunkte zelebrieren. Erscheint mir vollkommen unrealistisch. Meine Prostata ist definitiv verloren.

2 Kommentare on "Die zweiten zehn Tage im März"

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